Geschichte : Lukretias Fluch

Lange galt die Tochter des Renaissance-Papstes Alexander VI. als männermordendes Luder. Zu Unrecht

Michael Zick

Sie hat ihren zweiten Ehemann vergiftet, mit ihrem Bruder geschlafen und gar mit ihrem Vater das Bett geteilt. Wo sie war, war Mord: „Lukretias Fluch! Wer ihr sich naht, der geht den Weg zum Tode!“, dichtete Victor Hugo in seiner Tragödie über die illegitime Tochter des Papstes Alexander VI.

„Alles falsch“, widerspricht Diane Yvonne Ghirardo die Ehrabschneider der Jahrhunderte, aber auch ihren heutigen Kollegen. Denn die Historikerin an der University of Southern California hat in siebenjährigen Forschungen in Akten und Kontoauszügen eine ganz andere Lukretia Borgia gefunden: Eine clevere Geschäftsfrau, die ihr Geld nicht in Klunkern und Kunst anlegte, sondern zur Profitmaximierung, für wohltätige und kirchliche Zwecke nutzte.

Die eigentlich Bösen in diesem Sittengemälde aus dem ausgehenden Mittelalter sind ihr Vater Rodrigo Borgia – als Papst: Alexander VI. – und Cesare Borgia, einer ihrer Brüder. Aber sie fügen sich ins Bild der Renaissance, die jenseits von Kunst und Geistesleben eine ziemlich wüste Epoche war, zumindest nach heutigen Vorstellungen: Nach der Herrschaft der deutschen Kaiser über Italien zerfiel das Land in viele kleine Fürsten- und zwei Königtümer (Sizilien und Neapel), mehrere Republiken wie Venedig, Florenz, Siena und Genua, und den Kirchenstaat. Zudem streckten der spanische und der französische Herrscher ihre Hände begehrlich nach Teilen Italiens aus. In diesem brodelnden Konglomerat von ständig wechselnden Machtkonstellationen spielten Diplomatie, Ämterkauf, Bestechung, dynastische Heiraten und Geld die entscheidenden Rollen. Einen Auftragsmörder konnte man an jeder Straßenecke anheuern.

In dieser Welt scheint der historisch gesicherte Lebenslauf der Lukretia Borgia eher eine Opfergeschichte zu sein. Ihr Vater, ein spanischer Fürst, hatte sich, wie damals üblich, mit immensen Geldsummen die Wahl zum Papst (1492 bis 1503) erkauft und nutzte diese Machtposition, um seinen mindestens sieben, sämtlich unehelichen Kindern dynastisch gesicherte Macht in Italien zu verschaffen. Der auch für Renaissance-Auffassungen sittenlose Stellvertreter Gottes auf Erden verheiratete seine Tochter Lukretia dazu viermal mit Nobilitäten des spanischen und italienischen Adels. Die beiden ersten Ehen annullierte er – als Papst kein Problem – sehr rasch wieder, als die Verbindungen seinen machtpolitischen Überlegungen nicht mehr genügten. Die dritte Ehe mit dem Neffen des Königs von Neapel endete mit der Ermordung des Ehemanns durch Lukretias Bruder Cesare, weil Alexander VI. inzwischen die Koalition gewechselt und sich mit Frankreich gegen Neapel und Spanien verbündet hatte. Für die vierte Ehe konnte er den Bräutigam und seine hochadlige Familie nur mit einer immensen Mitgift und päpstlichen Vergünstigungen erwärmen.

So zur Herzogin von Ferrara, Modena und Reggio geworden, versammelte Lukretia zahlreiche italienische Gelehrte und Künstler an ihrem Hof. Bei der ersten Eheschließung war Lukretia Borgia elf Jahre alt. Sie starb mit 39 Jahren am 24. Juni 1519, nur wenige Stunden nach der Geburt ihres neunten Kindes. Die Verleumdungen begannen schon kurze Zeit nach ihrem Tod, die Zahl ihrer angeblichen Untaten stieg dabei naturgemäß an, keine konnte bewiesen werden. Die Historiker taten die Tochter des Papstes als Dummchen ab, weil keine Aufzeichnungen über Kunst- und Antiquitätensammlungen der Lukretia Borgia existieren.

Diane Ghirardo berichtet nun in der Zeitschrift „Renaissance Quarterly“ von der Geschäftsfrau Lukretia Borgia, die ihr Unternehmertum mit „geliehenem“ Land begann: Ein Cousin ihres vierten Ehemanns übereignete ihr ausgedehnte Sumpfgebieten im Norden Italiens mit der Auflage, diese zu kultivieren. In einem gewaltigen Entwicklungsprogramm, „das für das frühe 16. Jahrhundert völlig einzigartig war“, ließ Lukretia Borgia Entwässerungskanäle und Dämme bauen und das Land kultivieren. Innerhalb von sechs Jahren nannte sie 50 000 Hektar bestes Land ihr Eigen. Sie setzte das Geschäftsmodell fort, kaufte minderwertiges, sumpfiges Land auf, legte es trocken und baute Getreide, Gerste, Flachs und Bohnen an. Weiden, Weinberge und Olivenbäume gehörten ebenfalls zur Kultivierung.

Die Finanzierung erfolgte offenbar über Bankkredite, eigenes Geld, so fand Ghirardo heraus, setzte Lukretia nur in Notfällen ein. Dann allerdings scheute sie sich nicht, ein kostbares Rubin-Perlen-Kollier zu verpfänden, um mehr Wasserbüffel für die Mozzarella-Produktion kaufen zu können. Die US-Forscherin bescheinigt der agilen Unternehmerin ausgezeichnete Kenntnisse in Vertragsrecht und Wasserbautechnik. „Niemand sonst, auch kein Mann, hat solche Unternehmungen in dieser Art und Größe betrieben“, schreibt Ghirardo. Bemerkenswert findet sie auch, dass die Landkäufe und die Gewinne daraus unter dem Namen der Herzogin verbucht wurden, nicht unter dem ihres Mannes.

Das alles liest die Historikerin aus den in italienischen und französischen Archiven entdeckten Konto-Auszügen der Lukretia Borgia. Dort ist auch verzeichnet, dass von den Lukretia-Konten viel Geld an ihren Beichtvater und an Kircheninstitutionen floss.

„Das ist etwa so wie die Rekonstruktion eines modernen Lebens aus Kreditkarten-Buchungen: Man kann eine Menge erzählen, aber ein Gutteil bleibt im Dunkeln“, sagt Ghirardo. Ihren männlichen Kollegen wirft sie vor: „Alles, was ich gefunden habe, ist in den Archiven vorhanden. Aber weil Lukretia eine Frau war, haben die Wissenschaftler nur nach Ausgaben für Kleider, Kunst und Geschmeide geschaut – niemand hat nach den anderen Eintragungen geguckt.“

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