Geschichte : "Zu komplex für Hollywood"

Ein Lehrstück für die Gegenwart: Der Historiker Peter Steinbach zum Hitler-Attentäter Stauffenberg und zum deutschen Widerstand.

Stauffenberg
"Gespaltene Persönlichkeiten": Szene aus Georg Wilhelm Pabsts Film "Es geschah am 20. Juli" (1955). -Foto: Cinetext

Herr Steinbach, mit Tom Cruise wird zum ersten Mal ein Weltstar den Hitler-Attentäter Stauffenberg verkörpern. Trägt das nicht zur weltweiten Aufklärung über den deutschen Widerstand bei?

Da habe ich meine Zweifel. Stauffenbergs Persönlichkeit ist derartig kompliziert, dass er sich mit den Mitteln Hollywoods kaum darstellen lässt. Denken Sie nur an seine anfängliche Sympathie mit dem NS-Regime. Dass sich ein so komplexer Charakter in einem Actionfilm wiedergeben lässt, bezweifle ich.

Sie sehen die Gefahr einer einseitigen Glorifizierung?

Meine Sorge ist, dass Stauffenberg in einer Weise gewürdigt wird, die mit ihm und Deutschland nichts mehr zu tun hat.

Von Generaloberst Hoepner etwa, einem Hauptakteur des 20. Juli, existiert ein Befehl von 1941, in dem er von der Vernichtung des "jüdischen Bolschewismus" spricht. Wie tief war der konservative Widerstand in die Verbrechen des Regimes verstrickt?

Da gibt es noch ganz andere Beispiele. Der Berliner Polizeipräsident Graf Helldorf oder der SS-Führer Arthur Nebe gehörten selbst zu den Tätern, bevor sie zu den Verschwörern stießen. Aber genau da wird es ja erst spannend: zu zeigen, wie viele Widerstandskämpfer zutiefst gespaltene Persönlichkeiten waren.

Wird auf diesem Hintergrund der Kreis um Stauffenberg nicht überbewertet?

Im Gegenteil: Dass sich die Verschwörer auch auf eine Zusammenarbeit mit ehemaligen Nazis einließen, zeigt, wie sehr sie selber moralisch gefestigt waren. Das war ein "Tanz mit dem Teufel" ...

... was für viele heute schwer nachvollziehbar ist.

Das Problem ist, dass die Nachwelt Engel erwartet, es aber mit Menschen zu tun hat – Menschen mit großen inneren Problemen und Verstrickungen. Und da befürchte ich, dass ein Spielfilm dem nicht gerecht wird, sondern Zusammenhänge herstellt, die mit der damaligen Realität nichts zu tun haben.

Worin drückt sich das aus?

In der einseitigen Fokussierung auf einige wenige Frontfiguren. Und in der Ignoranz gegenüber dem Spannungsverhältnis zwischen Kooperation und Konfrontation mit dem Regime. Das Ziel eines Films sollte eigentlich sein, diese Probleme in ihrer Komplexität darzustellen, damit wir daraus für unser eigenes Verhalten in Krisensituationen lernen.

Der deutsche Widerstand als Lehrstück für die Gegenwart?

Natürlich. Da gab es jüngst den Fall, dass ein Pilot sein Flugzeug nicht startete, weil eine Asylbewerberin, die abgeschoben werden sollte, einen Zusammenbruch erlitt. Er startete nicht, die Nigerianerin wurde als Verfolgte anerkannt. Für solche Interessenkonflikte ist die Geschichte des 20. Juli ungemein lehrreich.

Neben dem militärischen Widerstand werden andere Widerstandsbewegungen immer noch eher schwach wahrgenommen. Ist die historische Forschung hier in der Bringschuld?

Die allzu große Konzentration auf den militärischen Widerstand ist in der Tat beklagenswert. Ebendeshalb müssen wir auch andere Strömungen mehr einbeziehen: etwa den kommunistischen Widerstand oder auch die "unbesungenen Helden", also Privatleute, die im "Dritten Reich" unter persönlicher Gefahr Juden und anderen Verfolgten geholfen haben.

Auch die Deserteure der Wehrmacht?

Ja. Der NS-Staat war insgesamt ein Unrechtsregime. Und jeder, der da nicht mitmachen wollte, war ein Regimegegner.

Auch jene, die ohne politischen Grund desertierten? Ernst Jünger berichtet in seinem Tagebuch von einem Matrosen, der sich von der Truppe absetzte, um mit seiner französischen Geliebten ein schönes Leben zu führen, und dafür erschossen wurde.

Die Frage ist doch nicht, warum jemand desertierte, sondern warum in der Wehrmacht so unglaublich viele Soldaten zum Tode verurteilt wurden. Die meisten Militärrichter haben stereotyp die Todesstrafe verhängt, obwohl sie durchaus Ermessensspielräume hatten. Denen ging es nicht darum, Recht zu sprechen, sondern darum, Menschen zu vernichten. Letztlich sollte jeder, der sich dem NS-Staat entziehen wollte, als Widerständiger anerkannt werden – ganz gleich, ob politisch motiviert oder nicht.

Die heutige Forschung hat da Nachholbedarf?

Ich bin für ein integrales Konzept von Widerstandsforschung. Daher lehne ich es auch kategorisch ab, mit einer starren Definition von Widerstand an die vergangene Realität heranzugehen. In den 90er Jahren war man sich darüber auch schon einmal einig gewesen; heute sind manche konservative Historiker, scheint es, hinter diese Erkenntnis zurückgefallen.

Der bürgerliche und konservative Widerstand wird zu sehr fokussiert?

Ja, und dadurch gefährden wir den offenen Zugang zu den individuellen Handlungszusammenhängen der Menschen. Widerstand beginnt bei der Frage: Wie überwinde ich meine Passivität gegenüber einem staatlichen System und seinem weltanschaulichen Führungsanspruch? Dagegen halte ich den Widerstandsbegriff etwa bei Rudolf Lill oder Klaus Hildebrand für zu eng gefasst.

Gilt das auch für die Forschung zu anderen Widerstandsgruppen? Etwa Kommunisten und Katholiken?

Auch da sind noch dunkle Flecken, etwa die Verstrickung mancher Bischöfe wie Adolf Kardinal Bertram, die sich zu Hitler bekannten. Es ist schlicht unhistorisch, wenn manche katholischen Zeithistoriker den Protestantismus en bloc verurteilen, weil es die "Deutschen Christen" gab ...

... die 1933 gegründete Vereinigung NS-treuer Protestanten ...

... und zugleich durch eine Instrumentalisierung der Vergangenheit für heutige politische Kontroversen durch Parallelen wie "Abtreibung gleich Völkermord" Grenzen verwischen.

Joachim Fest warnte einmal davor, den kommunistischen Widerstand zu hoch zu bewerten, da dieser gleichsam als Reaktion auf die Verfolgung durch Hitler zu erklären sei.

Bei aller Wertschätzung für Fest – dem kann ich mich nicht anschließen. So eine Definition spiegelt eher die tagespolitische Situation des Kalten Krieges wider als das Bemühen um historische Erkenntnis. Die Behauptung, ein Kommunist sei zwar gegen Hitler, aber dafür für eine andere Diktatur gewesen, verstellt den Blick auf den Eigenwert, den jeder Widerstand hat.

Eines Ihrer zentralen Forschungsfelder ist die mediale Vermittlung von Geschichte. Wie viel tragen die Medien zum Geschichtsbewusstsein bei?

Jedenfalls fördern sie die Bereitschaft, sich mit Zeitgeschichte zu befassen. Das sind Zugänge, die auch Historiker heute besser für die Lehre an der Universität nutzen sollten. Es reicht nicht, die Massenmedien pauschal als unwissenschaftlich zu kritisieren; man sollte sie vielmehr als Schlüssel zur vertieften Auseinandersetzung nutzen.

Ein Ansatz, den man an der Universität Karlsruhe, die Sie nunmehr im Streit verlassen, nicht gerne gesehen hat?

Da ist ein kolossaler Umbauprozess im Gange, der klar zulasten der Geisteswissenschaften geht. Dabei hängen Medien und Technik ja eng zusammen, so dass es Kooperationsmöglichkeiten in Fülle gab. Aber das alles scheint das Rektorat und mein Dekanat nicht interessiert zu haben.

Die "FAZ" hat Ihnen vorgeworfen, die Krise verursacht zu haben.

Die "FAZ" nutzt eine institutsinterne Auseinandersetzung für eine Medienkampagne gegen mich. Das hat mit der Sache selbst nichts zu tun. Worum es eigentlich ging, ist die Einführung von Bachelor und Master. Sie macht nur Sinn, wenn eine neue Konzeption von Lehre – problem- und projektorientiert – nachfolgt. Der Bachelor stellt eine wichtige Grundlage für selbstständiges Lernen dar. Es geht nicht um die Abfüllung mit Wissen, sondern um kooperatives Lernen in Projekten. Dass der Bachelor als "verschult" wahrgenommen wird, liegt höchstens daran, dass viele Professoren noch keine Konzepte entwickelt haben, um bei den Studenten eigenverantwortliches Arbeiten zu fördern. Dazu müssen die Hochschullehrer allerdings erst einmal über ihren eigenen Schatten springen und begreifen, dass sie nicht mehr so unterrichten können, wie es vor vierzig Jahren noch üblich war.

Das Interview führte Konstantin J. Sakkas.

PETER STEINBACH, geboren 1948, leitet die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und ist seit 2001 Professor für Geschichte in Karlsruhe. Fortan forscht er an der Uni Mannheim.

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