GESCHICHTE DES BMI : Schlank einschlafen, fett aufwachen

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Die meisten Menschen träumen davon, im Schlaf abzunehmen. 35 Millionen Amerikaner widerfuhr 1998 das Gegenteil. Sie gingen mit Normalgewicht ins Bett, um als Übergewichtige aufzuwachen. Der Grund: Die Regierung hatte die Norm gesenkt. Galt bis dahin in den USA, dass das Übergewicht beim Mann bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 27,8 und bei der Frau bei 27,3 begann, wurde es nun bereits bei einem Wert von 25 für beide Geschlechtern angesetzt. Hauptsache, griffige, runde Zahlen – auch wenn das Verhältnis von BMI und Fett bei Mann und Frau verschieden ist.

DER TRAUM VON DER NORM

Als Erfinder des BMI gilt der belgische Mathematiker Adolphe Quetelet (1796–1874). Es ist nicht ohne Ironie, dass es ihm mit seiner Formel gar nicht um Fett und Übergewicht ging. Er träumte im Gegenteil davon, eine mathematische Beschreibung des „Normalen“ zu entwickeln. Eine Gleichung, die den Menschen in eine Gauss’sche Normalverteilung hineinpresste. Eine Glockenkurve, wie sie bei vielen Merkmalen gültig ist, vom Blutdruck bis zur Intelligenz. Mit seiner BMI-Gleichung glückte Quetelet das. Seine Formel beschreibt die Standardproportion des menschlichen Körpers, das Verhältnis von Gewicht und Größe bei einem Erwachsenen.

ZU SCHWER BEFUNDEN

Quetelets Formel geriet bald in Vergessenheit. Bis weit ins

19. Jahrhundert hinein galten beleibte Menschen als gesund. Dicke waren im Vorteil. Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert. Bei der Suche nach einem einfach zu erstellenden Gradmesser für Fettsucht stieß der amerikanische Physiologe Ancel Keys 1972 auf Quetelets Formel und nannte sie „Body-Mass-Index“. Weil er so leicht und billig zu ermitteln war, wurde der BMI zu dem Maßstab für Übergewicht schlechthin. Keys jedoch wandte sich dagegen, den BMI bei einzelnen Patienten anzuwenden. Er sei als Messinstrument bei großen Gruppen sinnvoll, ignoriere aber so wichtige Dinge wie Geschlecht und Alter eines Patienten. Keys’ Warnung erwies sich als vergebens.

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