Geschichtsunterricht im Gedenkjahr 2014 : Mit den Großeltern sprechen und Burgen bauen

Jugendliche am Zehlendorfer Schadow-Gymnasium begeistern sich für Geschichte. Ihrem Lehrer Wolf-Rainer Hertwig gelingt es, bei den Schülerinnen und Schülern Einfühlung zu erzeugen. Sogar seine Hausaufgaben finden sie "spannend".

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Ein Lehrer steht gestikulierend vor seiner Klasse. Foto: Thilo Rückeis
Genau hinsehen. Mit seinen Zehntklässlern analysiert Wolf-Rainer Hertwig antisemitische Postkarten.Foto: Thilo Rückeis

Die Figur auf der Postkarte sieht nicht gerade sympathisch aus: Der Bauch wölbt sich unterm engen Jackett, die Zigarre qualmt und der Zylinder glänzt. Eine Hand ist nach oben aufgehalten. Auf einer anderen Karte umfangen die langen Beine einer Spinne einen Globus, in ihrem Gesicht prangt eine riesige Nase.

Bilder wie diese werden gerade im Geschichtsunterricht der 10. Klasse des Schadow-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf an die Wand projiziert. Es sind antisemitische Hetz-Karikaturen, um 1880 gezeichnet. Damals wurden sie mit Floskeln wie „beste Grüße aus Berlin“ massenhaft an Verwandte geschickt. Die Uhr zeigt auf Viertel nach acht, draußen ist es noch dämmrig, manche der Schüler gähnen – doch ständig schnellen Hände nach oben, manchmal melden sich zehn gleichzeitig. Sie analysieren die Bilder, dechiffrieren Symbole darauf, interpretieren Bedeutungen und diskutieren über Klischees.

„Das Bild zeigt, dass versucht wurde, die Juden als kapitalistische Ausbeuter hinzustellen“, sagt eine Schülerin. „Das Bild von der Spinne behauptet, die Juden wollten die Welt erobern“, erklärt ein Schüler. Die Klasse hat viel Vorwissen. Schon seit ein paar Wochen behandeln sie im Unterricht die NS-Zeit. In dieser Stunde lernen sie, dass die Nationalsozialisten an einen weit verbreiteten Antisemitismus der Bevölkerung anknüpfen konnten. Klassenlehrer Wolf-Rainer Hertwig, heute in Jeans und sportlicher Strickjacke, geht hin und her, ruft die Jugendlichen auf, nickt ihnen zu, wenn sie sprechen. „Das ist jetzt echt wichtig, was du sagst“, kommentiert er Wortmeldungen.

Sie lesen Texte über Vorteilsmuster - hochkonzentriert

Vor 100 und vor 75 Jahren begann jeweils ein Weltkrieg, vor 25 Jahren fiel die Mauer – den Schülern in nur zwei Stunden Geschichte pro Woche die Bedeutung des Gedenkjahres 2014 zu vermitteln, ist eine Herausforderung. Doch Hertwig setzt ihnen keine Erkenntnisse vor die Nase, er holt sie aus ihnen heraus, indem er ihnen spannende Aufgaben gibt und sie ernst nimmt. Die wissen das zu schätzen. Als sie in der zweiten Hälfte der Stunde Texte über die Herkunft der antisemitischen Vorurteilsmuster lesen, sind alle hochkonzentriert.

Die Klasse war nicht immer so brav. „Vor anderthalb Jahren waren alle noch richtig wild, es wurde ständig gequatscht“, sagt Hertwig. Durch Einbindung der Eltern und indem er die Schüler selbst Regeln aufstellen ließ, hat er es geschafft, sie zu fokussieren. „Es ist auch enorm wichtig, zu den Schülern auch außerhalb des Unterrichts eine Beziehung aufzubauen.“ Hertwig war mit seiner Klasse schon vier Mal im Theater und ist mit ihnen bei einer alternativen türkischen Stadtführung fünf Stunden lang durch Kreuzberg gelaufen. „Das hat eben auch mit Geschichte zu tun – und seitdem folgen alle dem Unterricht ganz anders.“

Stell dir vor, Du bist auf einem Kreuzzug

Ganze 15 Schüler der Klasse bezeichnen Geschichte jetzt als ihr Lieblingsfach. „Besonders gut finde ich, dass wir im Unterricht mit verschiedenen Methoden lernen, also erst eine Präsentation sehen, dann Gruppenarbeit oder ein Plakat machen“, sagt Antonia. „Wenn man nur mit dem Textbuch arbeitet, wird auch ein interessantes Thema schnell langweilig.“ Joyce findet: „Es ist immer dann spannend, wenn man konkrete Geschichten von Menschen erfährt, am besten aus unterschiedlichen Perspektiven – anstatt nur Ereignisse chronologisch abzuhaken.“

Genau das ist auch Hertwigs Vorstellung von gutem Geschichtsunterricht. „Der Unterrichtsinhalt muss anschaulich sein und für die Lebenswelt der Schüler Relevanz haben, denn das erzeugt Einfühlung“, sagt er. Deswegen lässt er Schüler auch mal eine Burg und gleich eine Fremdenführung dazu entwerfen, wenn es in der 7. Klasse um das Mittelalter geht. Oder sie schreiben einen persönlichen Reisebericht darüber, wie sie auf einem Kreuzzug mit Sack, Pack und christlichen Idealen die Alpen überqueren.

Tagelange Gespräche mit der 92-jährigen Großmutter

„Wir haben auch eine spannende Hausaufgabe bekommen“, sagt eine Schülerin. Eine spannende Hausaufgabe? So etwas gibt es? Die Jugendlichen sollen in ihren Familien nach Zeitzeugen suchen, sie interviewen und einen zwei Seiten langen Text dazu schreiben. In den Interviews soll es etwa um Erfahrungen im Nationalsozialismus, in der Nachkriegszeit oder in der 68er-Bewegung gehen. Eine Schülerin hat mit ihrer 92-jährigen Großmutter schon tagelange Gespräche geführt. Trockene historische Daten werden so zu berührenden Geschichten mit persönlichem Bezug: „Durch Projekte wie dieses können die Schüler auf einmal viel mehr mit dem Unterrichtsinhalt anfangen“, sagt Hertwig. Dazu beigetragen hat auch Charlie Chaplin, wie er in „Der große Diktator“ voller Verzückung mit dem Globus tanzt. Den Film haben die Zehntklässler im Bali-Kino neben der Schule gesehen, wie auch „Sophie Scholl“ und „Schindlers Liste“. Hertwig hat das Kino zusammen mit anderen Lehrern drei Tage gemietet.

Im Deutsch-Unterricht wird eine Hitler-Rede analysiert

Hertwig organisierte auch eine Projektwoche für Oberstufenschüler, in der diese fünf Tage lang zum Nahostkonflikt arbeiten, nach Auschwitz oder ins Stasi-Gefängnis Bautzen fahren konnten, samt intensiver Vor- und Nachbereitung. Und weil er in derselben 10. Klasse auch noch Deutsch und Ethik unterrichtet, nutzt er die Chance, den Unterricht fächerübergreifend zu gestalten. Im Deutschunterricht wird die Erörterung an einer Rede Hitlers geübt. Antisemitismus und Rassismus werden noch einmal im Ethik-Unterricht diskutiert – auch im Zusammenhang mit aktuellen Diskursen über Minderheiten und Flüchtlinge in Europa.

Aber es gibt etwas, was für die Schüler ebenso wichtig ist wie Projektarbeit und Kinofilme: „Man kann Herrn Hertwig einfach alles fragen“, sagt Maria Isabel. Auch andere Schüler sind von seinem Allgemeinwissen beeindruckt – und lassen sich von Hertwigs Begeisterung für Geschichte anstecken.

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