Geschlechter : Jungen in der Krise

Aggressiv, schlecht in der Schule, bekifft und spielsüchtig: Jungen werden besonders oft als Störfaktor wahrgenommen. Auf ihrem Potsdamer Kongress plädieren Kinderärzte für mehr Zuwendung.

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Raufen erlaubt. Sportunterricht an einer Hannoveraner Gesamtschule.
Raufen erlaubt. Sportunterricht an einer Hannoveraner Gesamtschule.Foto: ddp

„Für mich ist ein Kinderarzt immer auch politisch“, sagt Remo Largo. Der Spezialist für kindliche Entwicklung, der am Kantonsspital Zürich tätig war und als Autor („Babyjahre“, „Kinderjahre“) bekannt wurde, sieht Kinderärzte als Berufsgruppe, die sich besonders gut mit der Entwicklung Heranwachsender auskennt und in der Gesellschaft eine Lanze für sie bricht. Auf dem Kongress der Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendmedizin, Sozialpädiatrie und Kinderchirurgie in Potsdam wurde Largo als Star seiner Zunft gefeiert. Largo sprach zum Thema „Kinderbewusstsein“ – und damit zu einem Begriff, den die Kinderärzte gern neu in der Gesellschaft verankern würden. „Umweltbewusstsein kennt jeder, und wir alle beanspruchen es für uns, aber Kinder gelten oft als Störfaktor“, sagte der Charité-Pädiater Theodor Michael.

Besonders oft wird der männliche Nachwuchs als Störfaktor wahrgenommen. Als aggressiv, gewalttätig, unfallgefährdet, schlecht in der Schule, bekifft und spielsüchtig. Dem Münchner Kinderarzt Nikolaus Weissenrieder behagt es nicht, wenn Jungen derart beschrieben werden. Zwar stimme es, dass heute doppelt so viele Jungen wie Mädchen in der Kinderpsychiatrie vorgestellt werden, dass sie drei- bis viermal so häufig die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) bekommen und dass sie weit häufiger im Krankenhaus landen, etwa nach Unfällen. Dass die Jungs in den Augen vieler als Gewalttäter und Bildungsverlierer dastünden, sei „bei genauer Betrachtung aber eher Anzeichen für eine Krise unserer Gesellschaft, in der Männlichkeit eine beispiellose Abwertung erfahren hat“. Weissenrieder und seine Kollegen möchten „Ärzte sensibilisieren, damit sie die Jungen nicht mehr übersehen“.

„Jungenmedizin“ war die zweite Wortneuschöpfung, die der Kongress zu bieten hatte. „Wer den Begriff googelt, wird sofort gefragt: ‚Meinten Sie: Jugendmedizin?’“, sagte der Kinderarzt Bernhard Stier aus dem hessischen Butzbach. Der Pädiater möchte das ändern. Ihm macht Sorgen, dass männliche Jugendliche deutlich seltener mit Beschwerden zum Arzt kommen und auch weniger mit den Eltern darüber sprechen. Dadurch verstriche zum Beispiel bei bösartigen Veränderungen an den Hoden oft wertvolle Zeit.

Stier hat das Faltblatt „Achte auf Deine Nüsse“ entworfen, das Jungen als Information zur Selbstuntersuchung mitgegeben wird. Sorgen um ihre Gesundheit machen sich männliche Jugendliche nach seiner Erfahrung durchaus. Und die Informationen, die sie sich im Netz ersurfen, vergrößern ihre Unsicherheit noch.

In verschiedenen Studien konnte der Pädiater Arik Marcell von der Johns-Hopkins-Universität zeigen, dass für Gesundheit und Wohlbefinden von männlichen Jugendlichen, aber auch für ihre Bereitschaft zum Arztbesuch das Vater-Sohn-Verhältnis eine große Rolle spielt. Der Vater hat etwas geschafft, was in den Augen der meisten Söhne keine Selbstverständlichkeit ist, wie der Pädagoge Reinhard Winter vom Sozialwissenschaftlichen Institut in Tübingen erklärte: Er ist vom Jungen zum Mann geworden. „Mit der Frage, wie das gelingen kann, sind tatsächlich viele Jungen beschäftigt. Der Männlichkeitsmythos sagt ihnen, dass das Männliche nicht einfach da ist, sondern hergestellt werden muss“, sagt Winter. Kinderärzte sollten diesen Mythos keinesfalls unterstützen, indem sie etwa einem kleinen Impfling vor der Spritze sagen: „Du bist doch tapfer, weil du ein richtiger Junge bist.“ Stattdessen sollten sie dem Jungen die Gewissheit geben, dass Männlichkeit nicht das Ergebnis besonderer Anstrengung ist. „Kinderärzte müssen den Jugendlichen vermitteln, dass die Entwicklung zum Mann von selbst geschieht.“

Diese Gelassenheit wünscht Largo sich auch im Umgang mit dem „Jungenproblem“ ADHS. Der 4000-prozentige Anstieg der Medikamenten-Verordnungen, der zwischen 1993 und 2007 auf diesem Gebiet stattgefunden hat, ist ihm nicht geheuer. Largo verwies darauf, dass Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, in einem Alter, in dem viele Medikamente gegen ADHS verordnet werden, Studien zufolge motorisch am aktivsten sind, die Jungen noch mehr als die Mädchen. „Es gibt Untersuchungen, die beweisen, dass die Leistungen besser werden, wenn sich die Kinder bewegen können.“

Der Forchheimer ADHS-Spezialist Klaus Skrodzki legte dar, dass die zwei bis drei Prozent der Kinder, die „nach harten Kriterien“ unter Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität und unpassender Aktivität leiden, unbedingt fachliche Hilfe brauchen. Aber auch er wandte sich gegen eine ausschließlich defizitäre Sicht der Hyperaktivität und warb dafür, auch die Stärken der Kinder zu sehen. „Jungen mit ADHS sind oft hilfsbereit und werden häufig zum Klassensprecher gewählt.“

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