Gesellschaft : Teufelskreis der Armut

Arme, kranke Dritte Welt: Welchen Einfluss die sozialen und ökonomischen Verhältnisse auf Gesundheit, Krankheit und Lebenserwartung haben.

„Im reichsten Viertel Glasgows werden die Menschen durchschnittlich 82 Jahre alt, im ärmsten nur 54.“ An diesem Extrembeispiel verdeutlichte Andreas Wulf, medizinischer Projektleiter der Hilfsorganisation „medico international“ den Einfluss der sozialen und ökonomischen Verhältnisse auf Gesundheit, Krankheit und Lebenserwartung sogar in wohlhabenden Ländern, von der Dritten Welt zu schweigen.

Deshalb begnügt sich seine Organisation nicht mit punktueller Hilfe. Sondern unterstützt Bestrebungen, die Lebensbedingungen so zu verbessern, dass diese Hilfe von Dauer ist. Statt sich um die Versorgung der minenverletzten Kinder in Kriegsgebieten zu kümmern, setzte „medico“ sich an die Spitze einer Kampagne für das Verbot von Landminen, wofür ihr 1997 der Friedensnobelpreis verliehen wurde.

Wulf sprach in Berlin auf der Tagung „Kultur des Friedens“ der Vereinigung IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte für soziale Verantwortung). Armut macht krank und Krankheit arm – sofern die Kranken überhaupt medizinisch versorgt werden. Dies sei zwar bekannt, und seit 1978 gebe es auch ein Konzept der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Dritte Welt, sagte Wulf.

Zu verbessern sind danach Bildung, Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, Ernährung, Zugang zu sauberem Trinkwasser, soziale Integration, schließlich auch die ärztliche Versorgung mit dem Schwerpunkt auf vorbeugenden Maßnahmen wie Impfungen oder Mutter-Kind-Fürsorge. Dieses Gesamtkonzept sei jedoch später nicht mehr verfolgt worden. Statt auf Gesundheit konzentriere man sich auf Krankheit, nämlich auf ein „Killerkrankheiten“ wie Aids, Tuberkulose oder Malaria. Überall ziehe sich der Staat aus der Gesundheitspolitik zurück, kritisierte Wulf, und setze auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

Die Wirtschaft sei aber nur an solchen Gesundheitsleistungen interessiert, die sich rechnen. Der Teufelskreis Armut-Krankheit-Armut werde so nicht durchbrochen, in vielen Ländern sei der Gesundheitszustand katastrophal.

Bleibe die Entwicklung in der Dritten Welt so langsam wie bisher, wäre die Zahl der Armen erst in mehr als 200 Jahren halbiert, sagte der Londoner Arzt und Gesundheitswissenschaftler David McCoy vom Leitungsgremium der „People’s Health Movement“. Diese globale Gesundheitsbewegung, auch von der WHO anerkannt, versuche, deren Konzept wiederzubeleben.

In Kürze erscheint der von McCoy mitherausgegebene „Global Health Watch Report“ (www.zedbooks.co.uk). Der Bericht setze sich auch mit der WHO und den vielen neben ihr entstandenen und ebenso rasch bürokratisierten internationalen Gesundheitsinstitutionen auseinander, und er untersuche, warum sie so wenig erreicht haben, sagte McCoy. Der Hauptakzent liege aber auf den sozialen und politischen Ursachen von Gesundheit und Krankheit sowie auf den Möglichkeiten, sie zu verändern. R. St.

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