Gesundheit : An Silvester: Zielen Sie nicht auf Ihre Gäste

Von wegen Feuerwerkskörper: Verletzungen durch Sektkorken sind an Silvester der häufigste Notfall für Augenärzte.

Ronald D. Gerste
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Foto: Imago

Silvester ist einer der fröhlichsten Abende des Jahres. Für Augenärzte im Notdienst ist er einer der arbeitsreichsten. An keinem anderen Tag kommt es zu so vielen Augenverletzungen. Dass deren Zahl leicht rückläufig ist, wird auf die intensive Öffentlichkeitsarbeit zurückgeführt, mit der alljährlich zur Vorsicht geraten wird. Dennoch trifft es immer noch zahlreiche Feiernde, überwiegend Männer in jüngerem Alter. Überraschenderweise sind keineswegs Raketen und andere Feuerwerkskörper die Ursache der meisten Augenverletzungen – sondern Sektkorken.

Die mit hoher Geschwindigkeit aus dem Flaschenhals hervorschnellenden Geschosse, aus Kork bei guten, aus Plastik bei preiswerteren Schaumweinen, sind die Hauptübeltäter. Ihre Opfer füllen in der Silvesternacht die Wartezimmer von Augenkliniken oder Augenarztpraxen im Notdienst. Oft wird mit der Flasche beim Öffnen unvorsichtig hantiert, die Öffnung zielt dem Lauf eines Gewehres gleich auf die Mitfeiernden oder auf den mit dem Öffnen der Flasche beschäftigten Gastgeber.

Niemals auf andere zielen und stets den Korken mit einem Tuch umwickelt zu entfernen versuchen – das sind zwei der wichtigsten Tipps, um das Schlimmste zu verhindern. Im Falle der Sekt- oder Champagnerkorkenverletzung ist eine ganze Bandbreite von Schäden denkbar: von einer zwar schmerzhaften, aber meist gut abheilenden Hornhauterosion über Blutansammlungen in der Vorderkammer des Auges bis hin zu einem Riss des Augapfels. Ein solcher kann mit mikrochirurgischen Methoden meist noch in der ersten Nacht des Jahres operiert werden, doch ein Sehverlust bleibt fast immer zurück.

Die Korkenverletzung macht auch deshalb einen Großteil der augenärztlichen Versorgung in der Nacht auf Neujahr aus, weil aufgrund vielfältiger Warnungen die gefürchteten Verletzungen durch Feuerwerkskörper anscheinend rückläufig sind. Es gibt keine verlässlichen Statistiken für ganz Deutschland, doch aus dem benachbarten Dänemark, das in vergleichbarer Weise Silvester feiert, liegt eine Untersuchung der Silvester-Augentraumen von 1995/96 bis 2006/07 vor. Durch die Aufklärung der Bevölkerung und einen dadurch erfolgten vorsichtigeren Umgang mit Raketen und Krachern sank der Anteil von Knallerschäden an allen Verletzungen des Sehorgans von ursprünglich 50 Prozent auf inzwischen nur noch 8 Prozent. Was für eine Erhöhung des Anteils der Champagnerkorken und anderer Verletzungsursachen spricht (Spritzer beim Bleigießen, Faustschläge, wenn die Feier emotional aus dem Ruder läuft, Verkehrsunfälle).

Während Champagnerkorken in aller Regel eine stumpfe Verletzung des Augapfels, eine Kontusion, auslösen, kann es bei schweren Verletzungen durch Feuerwerk zusätzlich zu einer Perforation, einer Eröffnung des Auges kommen. Leichtere Fälle von „Frei“, wie das silvesterliche Geschehen in der englischen Fachsprache abgekürzt heißt (firework-related eye injuries) können in oberflächlichen Verbrennungen und vor allem in Einsprengseln des Pulvers in die Hornhaut bestehen.

Letztere werden vom Augenarzt in Lokalanästhesie unter dem Operationsmikroskop in mühsamer Kleinarbeit Stückchen für Stückchen aus dieser transparenten und hochgradig sensiblen äußersten Schicht des Auges entfernt. Gut vier Prozent aller Augenverletzungen werden nach einer großen amerikanischen Unfallstatistik durch Feuerwerk verursacht; in vier Fünfteln der Fälle durch aus einer leeren Flasche gestarteten Rakete. Wesentlich häufiger als der die Rakete startende Silvesterenthusiast sind anwesende Beobachter des Geschehens betroffen, oft Kinder.

Zu den wenigen deutschen Auswertungen des silvesterlichen Geschehens gehört eine Untersuchung der Universitätsaugenklinik Erlangen. Dort wurden beim letzten Jahreswechsel 82 Patienten behandelt; nur etwa jeder vierte erlitt ein Augentrauma durch Feuerwerk. Die Hälfte dieser Patienten war jünger als 18 Jahre. Das Feuerwerksvergnügen ist ein primär männliches Phänomen, sowohl was das Zünden als auch das Zuschauen bei diesem Akt (und damit bei der Verletzungsgefahr) anbelangt: 71 Prozent der Verletzten waren Männer. Immerhin fünf der 23 Feuerwerkspatienten waren so schwer verletzt, dass ein Schaden am Sehorgan (und damit eine Einschränkung der Sehschärfe) zurückblieb.

Anselm Jünemann, Augenarzt an der Erlanger Uniklinik, gibt folgende Sicherheitstipps: „Wer sich mit Feuerwerkskörpern für Silvester eindeckt, sollte am besten Schutzbrillen bereitlegen. Dass nur geprüfte Feuerwerkskörper zum Einsatz kommen und nichts Selbstgebasteltes, sollte selbstverständlich sein. Mit dem Abfeuern sollte der am wenigsten alkoholisierte Partygast betraut werden. Und niemals, niemals, niemals sollte man einen vermeintlichen Blindgänger aufheben, ihn nah ans Auge halten und nachsehen, warum er gerade nicht losgegangen ist!“

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