Gesundheit : Auch kalter Qualm ist giftig

Noch Stunden nach der Zigarette gefährdet Rauchen die Gesundheit - denn die Schadstoffe lagern sich an Wänden und im Teppich ab.

Adelheid Müller-Lissner

Dass Raucher nicht allein ihre eigene Gesundheit, sondern auch die der „passiv rauchenden“ Nichtraucher in ihrer unmittelbaren Umgebung gefährden, ist vielfach nachgewiesen worden. Mit Rauchverboten in öffentlichen Räumen und Gaststätten wurde in zahlreichen Ländern die Konsequenz daraus gezogen. Doch weder gute Einsichten noch strenge Verbote werden aus unserer Erde jedoch plötzlich einen Planeten der Nichtraucher machen. Allein in Deutschland gehen jeden Tag über 260 Millionen Zigaretten in Rauch auf.

Grund genug, weiter über Kampagnen nachzudenken, die helfen, Raucher zu Exrauchern zu machen und Nichtraucher – vor allem Kinder – vor den Giften zu schützen, die im blauen Dunst enthalten sind. Aus den USA kommen nun zwei Berichte, die – jeder auf seine Art – zum erneuten Nachdenken über die geeigneten Methoden anregen.

Das Wissenschaftsmagazins „New Scientist“ berichtet vom Fall des Gesundheitsforschers Michael Siegel von der Universität Boston. Siegel gilt als einer der profiliertesten Unterstützer verschiedener US-Nichtraucher-Kampagnen und hat mehrere Untersuchungen zu den Gefahren des Passivrauchens veröffentlicht. Nun ist er aber in der eigenen Szene in Ungnade gefallen. Der Grund: Siegel äußert öffentlich Skepsis an Rauchverboten im Freien und in Privatwohnungen, wie sie Kalifornien teilweise schon gelten. „Als strikter Verfechter des Rauchverbots am Arbeitsplatz fühle ich mich wie ein Läufer, der seinen Marathon beendet hat und nun sieht, dass alle anderen noch rennen“, kommentiert er seine Einstellung zu weiter gehenden Restriktionen gegen Raucher.

Über das Ziel hinaus laufen Siegels Ansicht nach einige Aktivisten auch in der Interpretation wissenschaftlicher Untersuchungsergebnisse. So zeigte eine Studie im Journal der American Medical Association im Jahr 2001, dass bereits nach halbstündigem Passivrauchen die Fähigkeit der Blutgefäße zur Erweiterung messbar abnimmt. In zahlreichen amerikanischen Informationsschriften ist daraus, wie der „New Scientist“ berichtet, eine weit drastischere Aussage geworden: Schon nach 30 Minuten unfreiwilligen Mitrauchens steige das Risiko für Herzanfälle. Für Siegel ist das ein klarer Hinweis darauf, dass viele seiner Kollegen die ungeklärten Fragen zum Passivrauchen nicht offen diskutieren, sondern ihrer Meinung unterordnen wollen.

Zu Beginn des neuen Jahres – der Zeit der guten Vorsätze – machte in den US-Medien eine Studie des Kinderarztes Jonathan Winickoff vom Massachusetts General Hospital in Boston Furore. Mit dem Beitrag, der in der Januarausgabe der Fachzeitschrift „Pediatrics“ erschien, wurde zugleich ein neuer Begriff in die Debatte um das Passivrauchen (englisch: second hand smoking) eingeführt, das „third hand smoking“. Dabei handelt es sich um die langfristige Wirkung des Tabakrauchs, auch Stunden nachdem die letzte Zigarette ausgedrückt wurde.

Winickoff und seine Mitarbeiter haben gut 1500 erwachsenen Amerikanern verschiedene Fragen vorgelegt, in denen es um die Gefahren ging, die unfreiwilliges Mitrauchen speziell für Kinder beinhaltet. 95 Prozent der Nichtraucher und immerhin 84 Prozent der Raucher stimmten der Aussage zu, dass „second hand smoke“ für Kinder gefährlich sei. Auf die Frage, ob die Luft in einem Innenraum, in dem geraucht wurde, auch am nächsten Tag noch Gesundheitsgefahren berge, antworteten jedoch nur 65 Prozent der Nichtraucher und 43 Prozent der Raucher mit „Ja“.

„Messungen zeigen, dass sich krebserzeugende Stoffe aus dem Tabakrauch Tage und Wochen in Innenräumen halten“, berichtet Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle. Die Gifte lagern sich an Decken, Wänden, Böden und Gebrauchsgegenständen ab. „Besonders Teppiche sind wahre Dreckschleudern“, sagt Pötschke-Langer.

Der kalte, alte Rauch stelle eindeutig eine Gesundheitsgefährdung dar. „Die giftigen Partikel haften sehr gut und werden über die Atmung aufgenommen.“ Besonders für kleine Kinder, die mehr Atemzüge machen, könne das gefährlich werden, sagt Pötschke-Langer. Einen neuen Begriff wie „third hand smoking“ für Gefahren, die von abgestandenem Rauch herrühren, brauche man aber nicht. Verbote sieht sie ohnehin nur für den öffentlichen Raum als möglich an. „Privaträume sind geschützt, da kann man nur versuchen, mit guten Argumenten vorzudringen.“

Winickoff geht einen Schritt weiter und warnt auch die Eltern, die sich die Zigarette in der Wohnung verkneifen: „Wenn Sie rauchen, egal wo, gelangen toxische Partikel aus dem Tabakrauch in Ihre Haare und Ihre Kleidung.“ Das klingt, als könnten rauchende Eltern ohnehin nur alles falsch machen. Pötschke-Langer hält es daher für wichtig, auch für partielle Schadensbegrenzung zu werben: „Zum Rauchen ins Freie zu gehen ist um ein Vielfaches besser als im Raum zu rauchen.“

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