Gesundheit : Den Schmerz verlernen

Rheuma - eine schmerzhafte Krankheit. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie in Berlin wurde diskutiert, wie Patienten mit dem rätselhaften Leiden Fibromyalgie geholfen werden kann.

Adelheid Müller-Lissner

Fibromyalgie ist eine vertrackte Krankheit: Die Betroffenen leiden oft jahrzehntelang unter vielfältigen Beschwerden, sie haben am ganzen Körper Schmerzen, empfinden ihre Gelenke als geschwollen und steif, schlafen schlecht und fühlen sich ständig müde. Die Ärzte sind in Verlegenheit, weil sie kaum etwas Handfestes finden können. So wandern viele Betroffene von Arzt zu Arzt, von Fachgebiet zu Fachgebiet, von schulmedizinischen zu alternativen Behandlungsangeboten. Und fühlen sich dabei oft unverstanden. Nicht zuletzt, weil die Mediziner selbst nicht verstehen, worunter die Ratsuchenden leiden.

„Als ich Medizin studierte, haben wir die Patientinnen mit Fibromyalgie nicht ernst genommen, dafür schäme ich mich heute noch“, sagt der Neurologe und Pharmakologe Walter Zieglgänsberger vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Von Patientinnen spricht er deshalb, weil auf vier bis sechs betroffene Frauen nur ein Mann kommt. Und als Nerven- und Gehirnspezialist bringt er der Krankheit schon deshalb inzwischen größeres Interesse entgegen, weil Schmerz sich immer im Gehirn abspielt.

Der Name Fibromyalgie drückt dagegen aus, dass dieser spezielle Schmerz von den Betroffenen oft in „Fasern und Muskeln“ lokalisiert wird. So ist es kein Wunder, dass verschiedene Fachgebiete um die Zuständigkeit für das rätselhafte Leiden streiten. Rheumatologen sind neben den Hausärzten eine wichtige Anlaufstelle, schon weil viele Betroffene über Auffälligkeiten an den Gelenken klagen. Beim 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie in Berlin war das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) denn auch ein wichtiges Thema.

Auf das genaue Vorgehen bei Verdacht auf ein FMS haben sich jetzt Vertreter von elf Fachgesellschaften und mehreren Selbsthilfe-Verbänden in einer Leitlinie geeinigt, die beim Kongress vorgestellt wurde. Auch in Zukunft sollen die behandelnden Ärzte demzufolge testen, ob es den Patienten weh tut, wenn spezielle Ansatzstellen von Muskeln und Sehnen gedrückt werden.

Oft wandern die Menschen jahrelang von Arzt zu Arzt

„Diese empfindlichen Druckpunkte können für uns hilfreich sein, wenn es um die Einschätzung des Schmerzerlebens geht“, sagte Michael Späth, Neurologe an der Uni München. Vom starren Kriterium, dass elf der 18 Druckpunkte („tender points“) schmerzempfindlich sein müssen, damit die Diagnose FMS steht, ist man jedoch abgekommen. Wichtig sind nämlich auch Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfung, nicht erholsamer Schlaf und Schwellungsgefühle an Händen und Füßen und im Gesicht. „In diesen Veränderungen der Leitlinie drückt sich letztlich das Verständnis des Nichtverstehens dieser Krankheit aus“, resümiert die Rheumatologin Rieke Alten von der Berliner Schlosspark-Klinik.

Wo der Schmerz beim FMS seinen Anfang nimmt, weiß keiner so recht. Immerhin haben die Verfasser der Leitlinien einige der bisherigen Verdächtigen entlastet, so zum Beispiel Infektionen mit Borrelien oder Brustimplantate aus Silikon. Wahrscheinlich kommt Verschiedenes zusammen: Eine genetische Besonderheit, die sich auf den Transport des Botenstoffes Serotonin auswirkt, eine früh erlernte Empfindlichkeit für Schmerz, dazu vielleicht Störungen in der für den Hormonhaushalt entscheidenden Achse, die vom Hypothalamus über die Hirnanhangdrüse zur Nebenniere führt, und dann womöglich noch ein Unfall, der zum Beispiel akute Nackenschmerzen zur Folge hat. „Die Veränderungen, die dann auf der Ebene der Moleküle, der Körperzellen und der Neuronen passieren, sind noch weitgehend unverstanden“, sagt Zieglgänsberger.

Sicher ist nach den Worten des Neurowissenschaftlers nur eines: Die anhaltenden Veränderungen der Nervenzellen führen zur Ausprägung eines Schmerzgedächtnisses, und die dort gespeicherte Erinnerung kann sich verheerender auswirken als die Schmerzerfahrung, mit der alles seinen Anfang genommen hat. „Unter den Schmerzpatienten sind wahre Folteropfer“, sagt Zieglgänsberger.

Viele FMS-Patienten leiden unter psychischen Problemen wie Ängsten und Depressionen. Ein eingebildeter oder gar nur vorgespielter Schmerz ist es aber nicht, mit dem sie zum Arzt kommen. „Der Schmerz der Fibromyalgie-Patienten ist real, er hat verschiedene Dimensionen und wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst“, sagt die Psychologin Kati Thieme, die am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim forscht.

"Tango statt Fango" lautet die Devise der Behandlung

Dass wiederholte Reize im Gehirn der Patienten zu einer Gedächtnisspur geführt haben, die für weitere Reize extrem empfindlich macht, kann man anhand der Ableitung von Hirnströmen nachweisen. Nicht erstaunlich, dass die Betroffenen jede Bewegung, die die Aktivierung des Schmerzgedächtnisses und damit neue Qualen zur Folge haben könnte, tunlichst zu vermeiden versuchen. „Kinesiophobie“, Angst vor der Bewegung, nennt Zieglgänsberger das Symptom. Weil aktives Bewegen eine der wenigen Behandlungsmöglichkeiten ist, ist das folgenschwer.

In der Leitlinie ist festgelegt, dass jede Therapie mit dem Gespräch über diese Zusammenhänge beginnen muss. Von den Betroffenen wird viel verlangt: Ausdauertraining, sei es beim Fahrradfahren, beim Walken oder beim Schwimmen, und Verhaltenstherapie werden, zeitlich begrenzt, mit Medikamenten kombiniert. Bisher ist kein Mittel für die Fibromyalgie zugelassen, doch das Antidepressivum Amitriptylin wird empfohlen. Das Epilepsie-Mittel Pregabalin und der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin haben ebenfalls ihre Wirksamkeit bewiesen.

Die Psychologin Thieme wies nach, dass Verhaltenstherapie, bei der „gesundes“ Verhalten konsequent belohnt wird, bei 65 Prozent der Studienteilnehmer den Schmerz halbierte.

Andere Verfahren empfehlen die Experten allenfalls kurzfristig. Sie warnen vor der Anwendung von Wärme, Kälte oder Massagen, weil sie die Patienten zur Passivität verurteilen. Zieglgänsberger setzt lieber auf „Tango statt Fango“. Medikamente und Verhaltenstherapie haben die Aufgabe, den schmerzfreien Weg auf die Tanzfläche, in die Ausstellung oder in den Park zu ebnen.

Mehr im Internet unter:

www.dgrh.de/leitliniefms.html

www.fibromyalgie-fms.de

www.rheuma-liga.de

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