Gesundheit : Die Krux mit dem Kreuzschmerz
03.08.2012 00:00 UhrWerden Rückenleidende zu oft operiert? Ein großes Ja und ein kleines Nein. Nehmen wir die drei wichtigsten Formen von Rückenschmerz. Alle haben ihr Zentrum im Kreuz, also in der Lendenwirbelsäule. Die größte Gruppe bilden, mit mindestens 85 Prozent all derer, die das sprichwörtliche Kreuz mit dem Kreuz haben, Patienten mit nichtspezifischen Rückenschmerzen.
„Nichtspezifisch“ soll heißen, dass sich der Schmerz nicht auf bestimmte körperliche Veränderungen zurückführen lässt. Daher stellt sich hier die Frage eines chirurgischen Eingriffs gar nicht. Und viele der früher und auch teilweise noch heute üblichen nichtoperativen Behandlungen haben sich als unwirksam oder sogar schädlich erwiesen.
Auch bei der zweiten Kategorie – Kreuzschmerz bei Bandscheibenvorfall – ist eine Operation meist nicht angebracht. Dagegen wird die kleinste, aber wachsende Gruppe von Rückenleidenden – Patienten mit Beschwerden durch Wirbelkanalenge – noch zu selten operiert. Dies ist das Fazit aus der nationalen Kreuzschmerz-Leitlinie sowie aus mehreren Vortragsreihen und Gesprächen beim Deutschen Chirurgenkongress in Berlin.
Der Umgang mit dem nichtspezifischen Rückenschmerz hat sich grundlegend geändert. Das Prinzip: Keine aufwendige Apparatemedizin, nur so viel Schonung wie anfangs vielleicht nötig, so viel Aktivierung wie – mit ein paar Schmerztabletten – irgend möglich.
Das gilt auch für Kreuzschmerz, der in die Beine ausstrahlt, nicht aber für Taubheitsgefühl, Schwäche und Kribbeln in Gesäß und Beinen. Vor allem verbunden mit plötzlichen Blasen- und Mastdarmstörungen können dies Zeichen für das gefürchtete Kaudasyndrom sein, bei dem das Absterben wichtiger Nerven droht.
Solche Risiken lassen sich durch Befragung und körperliche Untersuchung erkennen. Laut Leitlinie soll der Patient mit akutem Kreuzschmerz aber keinesfalls gleich geröntgt oder einem anderen aufwendigeren bildgebenden Verfahren unterzogen werden. Das ist nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Denn der Kreuzschmerzgeplagte fühlt sich gleich kränker, wenn er eindrucksvolle Knochenzacken an seiner Wirbelsäule sieht. Die müssen aber überhaupt nichts mit seinen Schmerzen zu tun haben.
Wahrscheinlich weichen Röntgenbild und persönliches Befinden nirgends so oft und so weit voneinander ab wie bei der Wirbelsäule. „Wir wollen keine Bilder behandeln, sondern Beschwerden“, sagte Jürgen Meixensberger von der Universität Leipzig, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie, auf dem Chirurgenkongress. Früher behandelte man tatsächlich (Röntgen-)Bilder. Je mehr Untersuchungen die Rückenpatienten hinter sich hatten, desto elender fühlten sie sich, zumal Kreuzschmerz eine psychische Komponente hat.
Eine negative Wirkung hatte auch das veraltete Verordnen von strikter Schonung, womöglich Bettruhe, und das lange Krankschreiben. Durch eine passive, muskelschwächende Therapie kann der Rückenschmerz leicht chronisch werden, wird in der Leitlinie gewarnt. Empfohlen wird, den akuten Schmerz mit schmerz- und entzündungshemmenden Tabletten und vielleicht auch Wärme so weit zu lindern, dass die Betroffenen ihre täglichen Aktivitäten rasch wieder aufnehmen können. Es gibt keinen Nachweis dafür, dass Spritzen oder Infusionen die Schmerzen besser lindern als Tabletten.
Ausdrücklich nicht zu empfehlen sind nach dieser wissenschaftlichen Leitlinie beim akuten Kreuzschmerz: Akupunktur, Bettruhe, Ergotherapie, Interferenztherapie, elektrische Nervenstimulation, Kurzwellendiathermie, Lasertherapie, Magnetfeldtherapie, Massage, Orthesen, Kältetherapie, Traktionsbehandlung und therapeutischer Ultraschall.
Fast dieselben Warnungen vor Nutzlosem gelten auch beim chronisch gewordenen nicht spezifischen Kreuzschmerz. Empfohlen wird hingegen ein mehrere Methoden kombinierendes Behandlungskonzept. An oberster Stelle steht dabei eine Bewegungstherapie (Rückenschmerz ist oft eine Folge von Bewegungsmangel), also Aktivierung, eine entsprechende Schulung und Beratung, auch wegen psychosozialer Risikofaktoren, Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie und Arzneimittel.





