Gesundheit : Restless-Legs-Syndrom raubt den Schlaf

Nachtwanderung - ein Wort, das bei vielen schöne Erinnerungen auslöst. Drei bis fünf Prozent der Erwachsenen haben jedoch ganz andere Gedanken.

Adelheid Müller-Lissner
Restless Legs
Schlafkiller. Viele treibt ein Kribbeln in den Beinen nachts aus dem Bett. -Foto: Ullstein

Sie sind „Nachtwanderer“ wider Willen. Vor allem Menschen über 60, darunter auffallend viele Frauen, leiden unter dem „Restless-Legs-Syndrom“, unter unruhigen Beinen also.

Meist spüren sie abends und nachts ein Kribbeln, Brennen und Ziehen in den Beinen und haben das unwiderstehliche Verlangen, sie zu bewegen. Wenn sie dem nachgeben, indem sie zunächst unter der Decke ihr Schlaf raubendes Streck- und Dehnprogramm beginnen, später rastlos durch die Wohnung wandern, bessern sich die Missempfindungen. Doch auf die Dauer führen die unruhigen Beine dazu, dass die Nächte wenig erholsam ausfallen. Und es fängt schon früher am Abend an, ungemütlich zu werden, denn auch beim Fernsehen und Lesen kribbeln oft die Beine. „Verdammt zur ewigen Bewegung“ seien ihre Patienten, sagt die Neurologin Heike Benes, die das Somnibene- Institut für Medizinische Forschung und Schlafmedizin in Schwerin leitet.

Sicher: Nach allem, was man bisher weiß, handelt es sich beim Restless-Legs- Syndrom (RLS) nicht um ein gefährliches, lebensverkürzendes Leiden. Quälend ist es im Einzelfall jedoch durchaus. „Studien haben gezeigt, dass RLS die Lebensqualität auf die Dauer sogar stärker beeinträchtigt als eine chronische Krankheit wie Diabetes“, sagt Andreas Kupsch, der an der Charité die Ambulanz für Bewegungsstörungen leitet.

Es gebe sogar Fälle, in denen die nächtliche Ruhelosigkeit Menschen bis zu Suizidversuchen getrieben habe. Wegen dieses Leidensdrucks ist für den Mediziner klar, dass man hier von einer behandlungsbedürftigen Krankheit sprechen muss. Fast alle, die beim Neurologen Rat suchen, haben vom Verzicht auf Kaffee und Alkohol am Abend über mehr Bewegung im Alltag bis hin zu kalten Duschen und Abbürsten der Beine schon vieles versucht, um die Unruhe zu mildern.

Wenn ein Patient mit den typischen Symptomen in die Ambulanz seiner Klinik kommt, werden zunächst Untersuchungen gemacht, mit denen andere gesundheitliche Probleme, etwa Störungen der Nierenfunktion oder Eisenmangel ausgeschlossen werden.

Im Zweifelsfall können ein oder mehrere Nächte im Schlaflabor die Diagnose erhärten. Dort können die periodischen Muskelzuckungen dokumentiert werden, die die Nächte so aufreibend machen.

Bei der Suche nach den Ursachen des RLS tappen die Forscher nicht mehr völlig im Dunkeln. So fand eine Forschergruppe aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie und dem Institut für Humangenetik des GSF-Forschungszentrums in München im letzten Jahr bei der Untersuchung von 1600 Betroffenen auffallend oft Veränderungen an mehreren Gensequenzen. Das passt zu der Beobachtung, dass mehr als die Hälfte der Patienten von engen Verwandten berichten, deren Nächte ebenfalls wegen der unruhigen Beine wenig erholsam ausfallen.

Drei der nun identifizierten Genorte sind dafür bekannt, dass sie in der embryonalen Entwicklung als Kontrollfaktoren wirken. Träger einer Risikovariante haben die doppelte Erkrankungswahrscheinlichkeit, tragen mehrere Gene die Veränderungen, so steigt das Risiko um ein Vielfaches. Von da bis zu einem einfachen Bluttest, wie ihn sich die Neurologin Benes für die Zukunft wünscht, ist es zwar noch ein weiter Weg. „Jetzt ist das RLS aber wenigstens aus der ‚Psycho-Neurosen-Schublade’ herausgeholt worden.“

Wie es auf dieser genetischen Ausgangsbasis zu dem Syndrom kommt – und warum es auch Menschen trifft, deren Familienmitglieder von RLS verschont bleiben, ist damit jedoch keineswegs klar. Inzwischen wird vermutet, dass eine Auffälligkeit des Eisenstoffwechsels mitspielen könnte. Außerdem fällt auf, dass das Leiden häufig erst später im Leben auftritt. „Das deutet darauf hin, dass es sich um eine fortschreitende Funktionsbeeinträchtigung von Nervenzellen handeln könnte, wobei allerdings Nervenzellverluste wie bei Parkinson-Erkrankten bisher nicht beobachtet worden sind“, sagt Kupsch.

Mit dieser Erkrankung gibt es jedoch eine auffällige Gemeinsamkeit: Gegen das Syndrom der unruhigen Beine wirken Medikamente aus zwei Gruppen, die auch bei Parkinson eingesetzt werden. L-Dopa, eine Vorstufe von Dopamin, und Dopaminagonisten, die an den Nervenzellen Andockstellen für den Botenstoff besetzen. Beide sind inzwischen auch für RLS zugelassen. Sie werden allerdings in deutlich niedrigerer Dosierung eingesetzt als bei Parkinson.

Hoffnung für Patienten, die auch tagsüber nicht ruhig sitzen können, sind Pflaster, die den Wirkstoff ständig abgeben. Sie werden gerade getestet. Inzwischen gibt es etwas Erfahrung mit den Mitteln, und so weiß man, dass sie bei einigen Patienten im Lauf der Zeit immer höher dosiert werden müssen. „Das muss allerdings nicht daran liegen, dass sie ihre Wirkung einbüßen, sondern könnte auch auf eine Verschlimmerung der Erkrankung hindeuten“, sagt Kupsch.

Die Neurologen versuchen in diesen Fällen, den Betroffenen auf ein anderes Medikament umzustellen. In Extremfällen kommen dabei auch Opiate zum Einsatz. L-Dopa wird zu Beginn auch als Test eingesetzt: „Wenn es die Beschwerden lindert oder zum Verschwinden bringt, kann der Arzt die Diagnose RLS stellen und dann gemeinsam mit dem Patienten entscheiden, ob eine dauerhafte oder zeitweise Behandlung erforderlich ist“, erklärt Benes.

Die Vermutung, dass zwischen Parkinson und dem Syndrom der unruhigen Beine ein Zusammenhang besteht, ist zwar wegen der Wirksamkeit der Anti-Parkinson-Mittel nahe liegend. Wissenschaftlich gesichert ist das jedoch noch nicht.

Ist RLS der Preis für den sesshaften Lebensstil der Moderne? Würden alle ruhiger schlafen, wenn wir uns tagsüber auf dem Feld oder bei großen Fußmärschen verausgabt hätten? Ganz so einfach kann es schon deshalb nicht sein, weil nach Auskunft der Neurologen auch junge Sportler über die nächtlichen Symptome klagen. Erstmals beschrieben wurde das Phänomen zudem schon im Jahr 1685, als der Alltag der meisten Menschen noch wesentlich bewegter war.

Der britische Arzt Thomas Willis und seine Kollegen hatten damals denn auch eine andere Erklärung zu bieten: Sie meinten, die Unruhe müsse vom Kaffee kommen, der gerade seinen Siegeszug in Europa angetreten hatte, vielen gesundheitsbewussten Menschen aber nicht geheuer war. Dabei könnte es eher die zu dieser Zeit beliebteste Universalbehandlungsform gewesen sein, die der Unruhe in den Beinen Vorschub leistete, wie Benes vermutet: „Wiederholte Aderlässe führten immer wieder zu Blutarmut und damit zu Störungen des Eisenstoffwechsels.“

Mehr Infos auf der Homepage der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung e.V.: www.restless-legs.org

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