Gesundheit : Was wirklich hilft

Evidenzbasierte Medizin – eine Erfolgsgeschichte

Rosemarie Stein

Aristoteles soll seinem Arzt auf dessen Verordnungen erwidert haben: „Ich will es tun, wenn du mir die Gründe deiner Vorschläge mitteilst und ich sie einsehe.“ Nun hatte Aristoteles es leicht, seinem Arzt auf Augenhöhe zu begegnen. Er war selber Arzt und nicht nur Philosoph. Heute wollen immer mehr Patienten wissen, was mit ihnen geschieht, und über den Behandlungsprozess auch mit entscheiden. Immer mehr Ärzte akzeptieren diese Haltung und fördern sie sogar. Es sind oft Ärzte, die sich bemühen, nur sinnvolle Verfahren anzuwenden, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen („evidenzbasiert“) ist. Gemeinsam mit dem Patienten überlegen sie dann, ob diese oder eine andere prinzipiell effektive Behandlung speziell für ihn tatsächlich Nutzen verspricht.

Mehr als 800 solcher zugleich wissenschaftlich und partnerschaftlich arbeitender Ärzte, dazu viele Institutionen des Gesundheitswesens haben sich zum „Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“ zusammengeschlossen, dessen 10. Jahrestagung gerade in Berlin stattfand. „Von evidenzbasierter Medizin spricht man dann, wenn ärztliche Kunst und Erfahrung, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und die Bedürfnisse der Patienten miteinander verknüpft werden. Erst durch diese ,Dreieinigkeit’ sind gute Therapieentscheidungen möglich, können überholte, unwirksame oder gar schädliche Diagnose- oder Behandlungsmethoden vermieden werden“, heißt es in einer Erklärung des Netzwerks.

Kritisch nachgefragt

Dieses Konzept hat während des letzten Jahrzehnts die Medizin verändert, sagte der Marburger Hochschul-Allgemeinmediziner Norbert Donner-Banzhoff als Kongresspräsident. Informationen aus hieb- und stichfesten Studien über Nutzen und Risiken diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen werden kritisch bewertet und als Entscheidungshilfe für die aussichtsreichste Behandlung eines Patienten genutzt.

Am Anfang dieser Bewegung war es Ziel des Netzwerks, die evidenzbasierte Medizin nach angelsächsischem Vorbild auch in Deutschland zu verbreiten und weiterzuentwickeln, erläuterte als Netzwerk-Vorsitzender der Chirurgie-Forscher Edmund Neugebauer (Universität Witten/Köln). Dies hält er für gelungen: „Das Verständnis von guter medizinischer Versorgung hat sich grundlegend gewandelt.“ Jetzt geht es den Netzwerk-Mitgliedern darum, neue, wissenschaftlich gesicherte medizinische Erkenntnisse allen Ärzten und auch interessierten Patienten zugänglich zu machen, sagte Neugebauer.

Die evidenzbasierte Medizin steht aber noch „unter Druck“, so das Kongressmotto. Ablehnung kommt von vielen älteren Ärzten, die sich statt auf wissenschaftliche Studien lieber allein auf die eigene Erfahrung oder auf Autoritäten verlassen („eminenzbasiert“ statt „evidenzbasiert“). Andere fürchten, die evidenzbasierte Medizin könnte die Rationierung medizinischer Leistungen beschleunigen. Im Gegenteil, meinen die Netzwerk-Ärzte: Für notwendige Therapien mit erwiesener Wirksamkeit werden Mittel frei, wenn man nutzlose Untersuchungen und Behandlungen aufgibt.

Eine Kniegelenkspiegelung ist oft nutzlos - aber nicht ohne Risiko

Dies allerdings ist schwer durchsetzbar, denn, so Donner-Banzhoff, „es gibt den Druck von kommerziellen Herstellern, die auf eine rasche Marktetablierung von Innovationen drängen. Auch der Patient übt auf den Arzt Druck aus, um eine Behandlung zu erhalten.“

„Druck machen für gute Gesundheitsinformationen“ möchte der Regensburger Gesundheitswissenschaftler David Klemperer. Jeder Interessierte soll erkennen, wann eine Maßnahme ihm wahrscheinlich mehr schaden als nützen könnte. Klemperer nannte Beispiele: Röntgen bei jedem Kreuzschmerz bringt nichts, vermittelt aber das falsche Gefühl, ernsthaft krank zu sein. Die Kniegelenkspiegelung ist oft nutzlos, aber nicht ohne Risiko. Auch für den Nutzen von Infusionen beim Hörsturz gibt es keinen Nachweis. Eine verengte Halsschlagader braucht ohne Beschwerden nicht behandelt zu werden.

Dass sogar völlig unsinnige Behandlungen angeboten werden (wie etwa Vitamin-C-Infusionen bei Atemwegsinfekten), erklärt sich für Donner-Banzhoff durch den Konkurrenzdruck in Städten mit hoher Ärztedichte wie Berlin. Solche fragwürdigen Therapien, die die Krankenkassen nicht erstatten, daneben aber auch Sinnvolles wie reisemedizinische Beratung werden den Patienten als „Individuelle Gesundheitsleistung“ („Igel“) angeboten. Ein Ratgeber mit dem Titel „Selbst bezahlen?“ mit Checklisten als Entscheidungshilfe wurde auf dem Kongress vorgelegt (erhältlich beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, Wegelystr. 3, 10623 Berlin und unter www.aezq.de), eine Liste von Informationsquellen gibt’s unter www.davidklemperer.de.

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