Gesundheit : Wie sich die Heilkunde in China von der Magie befreite

Berlin ist im Begriff, zum europäischen Zentrum der Erforschung chinesischer Lebenswissenschaften zu werden und damit den interkulturellen Vergleich zu ermöglichen. Insbesondere ist das dem Wissenschaftler Paul U. Unschuld zu verdanken.

Rosemarie Stein

Berlin ist im Begriff, zum europäischen Zentrum der Erforschung chinesischer Lebenswissenschaften zu werden und damit den interkulturellen Vergleich zu ermöglichen. Das ist einem Wissenschaftler zu verdanken, der seinen Münchner Lehrstuhl für Medizingeschichte aufgab, um an der Charité das "Horst-Görtz-Stiftungsinstitut für Theorie, Geschichte und Ethik chinesischer Lebenswissenschaften“ zu gründen: Paul U. Unschuld, Sinologe, Public-Health-Experte und Medizinhistoriker.

Unschuld hielt jetzt seine Antrittsvorlesung im Rahmen eines Symposions im Langenbeck-Virchow-Haus und begründete damit eine neue Tradition, denn, so kündigte Charité-Dekan Martin Paul an, künftig sollen alle neuen Professoren auf diese Weise der Fakultät und der Berliner Ärzteschaft vorgestellt werden. Dass von Unschuld in Berlin „eine Fülle von Initiativen ausgehen werden“, dessen ist sich sein sinologischer Lehrer Rolf Trauzettel sicher. Der stellvertretende Generaldirektor der Staatlichen Museen, Günther Schauerte, erinnerte an die Ausstellung historischer Objekte zur chinesischen Heilkunde in den Jahren 1995 und 1996 im Ethnologischen Museum, die Unschuld gesammelt hatte und die das Museum inzwischen übernahm. Er kritisierte unseren noch immer nicht überwundenen „eurozentrischen Hochmut, mit dem wir von oben auf den Rest der Welt blicken“, statt endlich andere Kulturen als gleichberechtigt anzuerkennen. Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsblibliothek, möchte ihm deren 800 chinesische heilkundliche Handschriften in der Hoffnung auf wissenschaftliche Erschließung „zu Füßen legen“, von denen 300 ursprünglich aus Unschulds Besitz stammen.

In seiner Antrittsvorlesung wies Unschuld auf die erstaunlich parallele ideengeschichtliche Entwicklung in der europäischen und der chinesischen Heilkunde vor mehr als 2000 Jahren hin: In Griechenland wie in China befreite sich eine kleine Schicht von alten magischen Vorstellungen und sah den Menschen in Naturgesetze eingebunden, die alles Sein bestimmen. Krankheit wurde nun als Folge von Pflichtverletzung betrachtet „Die neue Medizin ging mit dem Versprechen der Freiheit von Leid und Kranksein einher, wenn sich der Mensch nur nach den Regeln, den Gesetzen richte“, sagte Unschuld. Er wies nach, dass die besonders von Theologen viel kritisierte Überzeugung, man habe ein „Recht auf Gesundheit“ (in der UN-Charta unter den Menschenrechten genannt), keineswegs erst in unserer Zeit entstand, sondern uralt ist.

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