Wissen : Gesundheitsprobleme beginnen in der Kindheit Gefährdete Familien meiden Hilfsangebote

Rosemarie Stein

Täglich liest man Schreckensmeldungen über vernachlässigte Kinder. Haben solche Fälle zugenommen? Wahrscheinlich sehen wir nur endlich besser hin, meint Mechthild Paul, Leiterin des neuen „Nationalen Zentrums Frühe Hilfen“. Aber die Datenlage sei sehr schlecht. Nach Schätzungen werden in Deutschland fünf bis zehn Prozent aller unter Sechsjährigen vernachlässigt, und für 50 Kinder pro Jahr hat das tödliche Folgen.

Frühe Hilfen für Kinder gehörten deshalb zu den Themen des 13. bundesweiten Kongresses „Armut und Gesundheit“ letztes Wochenende in Berlin mit 1600 Teilnehmern. Der wichtigste Risikofaktor für die Gesundheit: Armut, verstanden nicht nur als Mangel an materiellen Mitteln, sondern auch an sozialer Teilhabe und an Bildung. Frauen unter der Armutsgrenze sterben acht Jahre, Männer elf Jahre früher als Wohlhabende.

Diese Daten nannte Elisabeth Pott, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Der Grund für den schlechteren Gesundheitszustand wird oft schon in der Kindheit gelegt: Nach dem Armutsbericht haben Kinder aus sozial schwachen Familien gehäuft nicht nur körperliche, sondern auch psychische Störungen und eine beeinträchtigte geistige Entwicklung.

Was jetzt Schlagzeilen macht – Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch – ist also nur ein kleiner Teil der Gesundheitsgefährdung von Kindern durch ungünstige Lebensverhältnisse und das daraus entstehende Verhalten. Die wichtigste vermeidbare Todesursache, das Rauchen, wird zum Beispiel immer mehr zum typischen Verhalten in sozial schwachen Schichten. Der Anteil der Raucher zwischen 12 und 17 Jahren sank seit 2001 zwar von 28 auf 18 Prozent, blieb jedoch bei den Hauptschülern gleich, sagte Elisabeth Pott.

Es gibt international Bestrebungen, das Problem der Ungleichheit anzugehen, es gibt einen nationalen Kooperationssverbund „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“. Und es gibt Institutionen und Projekte, die der Benachteiligung armer Kinder begegnen wollen.

Aber was davon ist Aktionismus und was hilft den Eltern tatsächlich? „Das Defizit an wissenschaftlichen Erkenntnissen ist enorm“, sagte Raimund Geene, Gesundheitswissenschaftler an der Hochschule Magdeburg/Stendal.

Am Beispiel der Frühförderstellen zeigte er, dass viele Hilfsangebote dem Bedarf bedrohter Kinder nicht gerecht werden: Weil die verwundbarsten Familien keine Hilfe in Anspruch nehmen; weil „Behinderung“ nur medizinisch definiert wird; weil deshalb Frühförderung an den Körperfunktionen orientiert ist und die soziale Situation ignoriert.

Auch auf Kommunikationsprobleme wies Geene hin: Die professionellen Helfer aus der Mittelschicht können sich kaum in die Lebenswelt ihrer Klienten oder Patienten einfühlen und sprechen nicht ihre Sprache. Nach Geenes Untersuchungen gilt das auch für viele Kinderärzte. Deshalb verspricht er sich nicht viel davon, die Kindervorsorgeuntersuchungen zur Pflicht zu machen.

„Mediziner reden nicht mit Sozialpädagogen“, sagte Jürgen Bilger, ein selbstkritischer Kinderarzt aus Hannover – Beispiel für die Vereinzelung der professionellen Helfer. Fehlende Kooperation der Institutionen und Personen, die oft nichts voneinander wissen, wurde als Haupthindernis der Prävention bezeichnet.

Eine andere Erkenntnis: Man muss mit der Vorbeugung von Vernachlässigung sehr früh beginnen, möglichst schon in der Schwangerschaft. Hausbesuche speziell geschulter Familienhebammen auch noch lange nach der Geburt haben sich anscheinend bewährt.

Über viele Modellprojekte wurde auf dem Kongress berichtet. Auch hier fehlt es an Vernetzung und der Auswahl brauchbarer Ansätze für die allgemeine Anwendung. Abhilfe schaffen soll das „Nationale Zentrum Frühe Hilfen“. Zu dessen Aufgaben gehört die Sammlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihre Aufbereitung für die Praxis.

Sozialarbeit hat aber Grenzen. „Wir laufen immer hinterher“, meinte Geene. Die eigentliche Prävention von Kindesvernachlässigung liege in der Verantwortung der Gesellschaft.

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