Gesundheitsstandort Berlin-Buch : Gesund und weltoffen

Der Campus Buch ist ein Zukunftsort – 3000 Menschen aus über 50 Nationen arbeiten hier an der Gesundheit von morgen.

Beatrice Hamberger
Augenuntersuchung im Studienzentrum Berlin-Nord der Nationalen Kohorte auf dem Campus Berlin-Buch.
Augenuntersuchung im Studienzentrum Berlin-Nord der Nationalen Kohorte auf dem Campus Berlin-Buch.Foto: David Ausserhofer

Mit Klein-Klein hat man sich am Campus Buch noch nie gerne zufrieden gegeben. Schließlich hat der Gesundheits- und Wissenschaftscampus ja außer einem parkähnlichen Areal auch große Namen und einen weltweiten Ruf mit langer Tradition vorzuweisen. Früher war Buch einmal die größte Krankenhausstadt Europas, heute wird hier biomedizinische Spitzenforschung gemacht; Technologietransfer und regionales Wirtschaftswachstum inklusive. Wenn einer deshalb den „Gefällt-mir-Button“ drückt, dann ist es die Stadt Berlin. Zugpferde wie der Gesundheitscampus werden gebraucht, um aus der Hauptstadt einmal eine „SmartCity“ zu machen. Darum wurde Buch auch zu einem der zehn Berliner „Zukunftsorte“ erklärt. Buch sei groß, Buch sei attraktiv und Buch habe Zukunftspotenzial, heißt es sinngemäß in der Begründung des Senats für Wirtschaft, Technologie und Forschung.

Da passt die Nationale Kohorte gut ins Konzept. Auch Deutschlands größte Bevölkerungsstudie ist für die Zukunft dimensioniert: 30 Jahre Laufzeit, 200 000 Teilnehmer, davon 10 000 am Campus Buch – wenn ein Projekt den Namen „Big Data“ verdient hat, dann dieses. „Eine Studie dieser Größenordnung hat es in Deutschland noch nicht gegeben“, erklärt Professor Tobias Pischon vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) und Leiter des Studienzentrums Nord am Campus Buch. Doch um das Geheimnis von Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Entzündungen zu lüften, brauche man eine Studie solchen Kalibers.

NAKO, wie die Beobachtungsstudie abgekürzt heißt, läuft bereits seit dem Frühjahr vergangenen Jahres. Die Forscher wollen herausfinden, wie Lebensstil, Umwelt und Genetik das Risiko für bestimmte Krankheiten beeinflussen und welche Stoffwechselvorgänge eine Rolle spielen. Darum werden die Studienteilnehmer nicht nur gründlich körperlich untersucht, sondern auch ausführlich nach ihren Lebensumständen befragt. 6000 Probanden werden zusätzlich mit einem Ganzkörper-MRT „durchleuchtet“.

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Kunstwerk vor dem jüngsten Laborbau des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC). Die circa drei Meter hohe Skulptur von Ulrike Mohr bildet das Carvon-Molekül ab, das in der Natur in den Formen (D)-Carvon und seinem Spiegelbild (R)-Carvon vorkommt. Chemisch und physikalisch betrachtet sind diese Carvon-Isomere identisch. Doch während ein Carvon-Isomer nach Minze riecht, duftet dessen Spiegelbild nach Kümmel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: David Ausserhofer, MDC
18.10.2013 10:45Kunstwerk vor dem jüngsten Laborbau des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC). Die circa drei Meter hohe Skulptur von...

Dem Bucher Studienteam stehen also noch überaus arbeitsreiche Zeiten bevor. Bei durchschnittlich zehn Untersuchungen am Tag wird allein die erste Untersuchungsphase bis 2018 dauern. Fünf Jahre nach der Erstuntersuchung wird jeder Teilnehmer noch mal einbestellt und anschließend alle zwei bis drei Jahre schriftlich befragt – die letzten im Jahr 2042. „Das Spannende daran ist, dass wir die Menschen über einen langen Zeitraum beobachten und so erkennen können, was das Auftreten einer Erkrankung begünstigt hat“, meint NAKO-Experte Pischon, der sich von den Daten mehr als nur internationale Beachtung verspricht: „Die Daten sollen uns in die Lage versetzen, völlig neue Wege der Prävention, Vorhersage und Früherkennung zu finden“, sagt er.

Solche Sätze hört man öfter in Buch. Der Campus wirbt damit, der Gesundheit verpflichtet zu sein. Und zwar nachhaltig, wie Campus-Manager Ulrich Scheller betont. Auf den fließenden Übergang zwischen Forschung und Patientenversorgung ist er besonders stolz. „Wir forschen hier für die Gesundheit von morgen, aber die Patienten profitieren auch unmittelbar“, sagt Scheller.

Elf Hochschulambulanzen betreibt die Charité heute in den Backsteingebäuden der ehemaligen Robert-Rössle-Klinik am Lindenberger Weg. Draußen steht „Experimental and Clinical Research Center“ (ECRC) dran, was verrät, dass hier Charité und MDC gemeinsam an neuen Diagnostik- und Therapieansätzen forschen. Drinnen werden Patienten mit Herzleiden, Nierenkrankheiten, Neurodermitis, Stoffwechselstörungen oder neurologischen Krankheiten wie Multipler Sklerose von Spezialisten behandelt – auf Krankenschein, aber mit Zugang zu klinischen Studien und neuesten diagnostischen Verfahren und Therapien.

Neue Therapien gegen Alzheimer in der Gedächtnissprechstunde

Die Hochschulambulanz für Muskelkrankheiten war im Jahr 2009 die erste am Campus und betreut mittlerweile 2000 Patienten. Menschen, die an Muskeldystrophien oder immunologisch bedingten Muskelkrankheiten leiden, finden hier Hilfe. Für Patienten kaum merkbar: Die behandelnden Ärzte arbeiten eng mit Grundlagenforschern auf dem Campus zusammen, etwa um die Rolle der Muskelstammzellen im Krankheitsgeschehen zu erforschen. Besonders viel Hoffnung setzt die leitende Ärztin Professor Simone Spuler auf ein Projekt, das den Einfluss des Moleküls Myostatin auf eine bestimmte Form der Muskeldystrophie erforscht. Der Ansatz sei viel versprechend, sagt sie, um eines Tages eine wirksame Gentherapie gegen die bislang unheilbare Erkrankung entwickeln zu können.

In der Gedächtnissprechstunde beschäftigt man sich unterdessen mit neuen Therapien gegen Alzheimer. Ziel sei es, noch frühere Krankheitsstadien zu identifizieren und mit therapeutischen Versuchen dort anzusetzen, wo die Krankheit ursächlich beeinflusst werde, erklärt der Ärztliche Leiter Professor Oliver Peters. Auch hier geben klinische Studien Patienten und Angehörigen neue Hoffnung, obgleich die meisten Therapieversuche den Krankheitsprozess bislang nicht aufhalten können.

Manchmal können die Ärzte aber auch Entwarnung geben, weil hinter der vermeintlichen Alzheimer-Erkrankung etwas ganz anderes steckt, etwa eine Entzündung des Nervensystems. Bucher Spezialleistungen wie das Ultrahochfeld-MRT oder die Untersuchung der Gehirnflüssigkeit erlauben eine exakte Differentialdiagnose.

Ein Zukunftsort wie der Campus Buch, der selbst mit „nachhaltiger Gesundheit“ wirbt, muss sich natürlich auch die Frage gefallen lassen, was er selbst für die Gesundheit seiner 3000 Mitarbeiter tut. Christine Minkewitz vom BBB Management erzählt von dem Konzept „Campusvital“ mit seinen vielen Sport- und Entspannungsmöglichkeiten, den geplanten Präventionsprogrammen und Gesundheitstagen, den Erholungsflächen im Grünen. Auch das Gesundheitsticket für Mitarbeiter, das an 256 Sport-/Präventionseinrichtungen eingelöst werden kann und von vielen Campus-Einrichtungen bezuschusst wird, gehöre zum Konzept. „Ich selbst profitiere sehr davon, weil ich einen Ausgleich zu meiner sitzenden Tätigkeit brauche“, sagt die PR-Referentin.

So geht es vielen aus der Bucher LifeSciene-Gemeinde. Die halte übrigens wie Pech und Schwefel zusammen, wenn es um die aktuelle Flüchtlingsfrage geht, berichtet Campus-Geschäftsführer Ulrich Scheller. Mit Gegendemonstrationen gegen pöbelnde Neonazis und unmittelbarer Hilfe für die Bewohner der Bucher Flüchtlingscontainer habe man gezeigt, dass in Buch kein Platz für Fremdenfeindlichkeit sei. „Wir sind doch ein weltoffener Campus“, sagt Scheller. „Ein Zukunftsort eben.“

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