Wissen : „Gewalt überfällt den Menschen“

Mörder sind unter uns: Anthropologe Christoph Wulf über das Töten und die Mordslust auf den „Tatort“

In den Arm gefallen. Im Krimi geht es darum, die Ordnung wiederherzustellen, die für einen Moment zerstört war, sagt FU-Anthropologe Wulf. Fiktive Mörder faszinierten uns, „weil sie Möglichkeiten unseres Menschseins zeigen“. Im Bild eine „Tatort“-Szene von 1986. Foto: Cinetext
In den Arm gefallen. Im Krimi geht es darum, die Ordnung wiederherzustellen, die für einen Moment zerstört war, sagt...Foto: CINETEXT

Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Jemanden umzubringen ist eines der größten Tabus der Menschheit, das trotzdem immer wieder überschritten wird. Warum?

Der Mensch deckt ein weites Spektrum ab an rationaler Vernunft, ethischem Verhalten, Sorge für andere – und gleichzeitig an Möglichkeiten von Gewalthandlungen. Wir haben nicht wie die Tiere einen festen Instinktrahmen, der uns steuert, sondern wir sind freie Wesen. Wir können uns für oder gegen etwas entscheiden, wir können Nein sagen. Diese Freiheit bedeutet aber auch, dass wir labil und dadurch gefährdet sind.

Mörder erliegen also dieser Gefährdung.

In Deutschland gibt es etwa 900 Mordfälle pro Jahr. Man denkt vielleicht, diese Mörder seien alle schreckliche Monster, aber das ist nicht der Fall. Sehr häufig hört man von Gewaltverbrechern: Ich weiß gar nicht genau, wie es passiert ist. Wir versuchen immer, Gewalt kausal zu erklären, um sie für uns verständlich und handhabbar zu machen. Aber Gewalt ist nicht immer erklärbar, häufig überfällt sie den Menschen.

Heißt das, dass sich die mordende Person im Augenblick auch sich selbst fremd wird?

In vielen Mordfällen lässt sich beobachten, dass es schon vor der Krisensituation zu einer Aufweichung der Persönlichkeitsstruktur kommt. Häufig fühlt sich der Tötende nicht geachtet, nicht ernst genommen. Wenn er dann noch eine labile Persönlichkeit hat, bricht die Gewalt ganz plötzlich aus. Man muss sich aber auch klarmachen, dass alle Tötungsfälle sehr unterschiedlich sind und man jeden Fall gesondert in seinem Kontext betrachten muss.

Es gibt aber nicht nur diese Form des Tötens. Im Krieg wird systematisch gemordet.

Prinzipiell gibt es eine Grundhemmung im Menschen zu töten; die sehen wir auch im Krieg. Vielen Soldaten empfinden diese Hemmung und schießen absichtlich daneben. Damit Krieg als Form des Massentötens funktioniert, muss man den Menschen als Feind, als Nicht-Menschen etikettieren. Es geht darum: Wer überlebt – du oder ich? Hier kommt es plötzlich zu einer Gruppensolidarität, die das Subjekt freisetzt und seine Tötungshemmung aufhebt.

Bieten Kriege also eine Möglichkeit, Tötungshandlungen zu legitimieren?

Genau. Die Gewalt während der Französischen Revolution beispielsweise war lange akzeptiert. Inzwischen melden sich kritische Stimmen, die diese Gewalthandlungen anders bewerten und fragen: War das in diesem Ausmaß nötig? Die Legitimierung von Gewalt spielt gerade bei Massenmorden und Genoziden eine wichtige Rolle. Hier haben wir es mit unglaublich rationalen Formen des staatlichen Tötens zu tun, das sehr technisiert abläuft. Und auch moderne Kriege gehen ja nicht mehr Mann gegen Mann: Jemand drückt den Knopf für die Atombombe, und Zehntausende werden getötet. Diese abstrakte Form des Tötens ist moralisch gesehen sehr problematisch. Aber auch im Rahmen dieses „legitimierten Tötens“ müssen wir uns individuell vollzogene Gewalt ansehen. Einer der Henker der Nürnberger Prozesse beispielsweise war ausgesprochen sadistisch und hat den Verurteilten vor der Vollstreckung des Urteils seine Tötungsfantasien erzählt.

Töten hat scheinbar auch viel damit zu tun, sich mächtig fühlen zu wollen?

Diese Macht speist sich aus dem Gefühl, selbst am Leben bleiben zu können während der andere um Gnade winselt und dann stirbt. Eine solche Situation beschert dem Mörder eine Allmachtsfantasie. Manche haben diese Macht im Augenblick des Tötens mit einem Orgasmus beschrieben. Häufig hängen auch Tötung und Selbsttötung zusammen. In den USA gab es einmal ein junges Mädchen, das ihre erste Nacht mit ihrem Freund verbracht hatte. Ihr Vater war entsetzt und wollte sie bestrafen, also nahm er eine Waffe und den Hund der Tochter, ging mit ihnen in den Wald und forderte die Tochter auf, ihren Hund zu erschießen. Das Mädchen richtete die Waffe erst auf den Hund, dann auf den Vater – und erschoss schließlich sich selbst.

Wie ist das zu erklären?

In vielen Fällen werden Aggressionen, die eigentlich nach außen gehen, auf sich selbst umgelenkt. Töten ist immer eine Grenzsituation, in der im Menschen etwas umkippt und seine gefährdete Seite zum Vorschein kommt.

In unserer Phantasie nimmt das Töten einen großen Raum ein: Jeden Sonntagabend schauen wir uns im „Tatort“ an, wie getötet wird. Wir selbst töten nicht, sind aber Tötungsvoyeure.

Kein Abend vergeht im Fernsehen ohne einen Mord! Im Krimi geht es natürlich darum, den Mörder zu finden und diejenige Ordnung wiederherzustellen, die für einen Moment zerstört war. Doch der Krimi inszeniert immer auch das Endgültige des Tötens, von dem es kein Zurück mehr gibt. Für viele Menschen hat das Töten eine Faszination – vor allem deswegen, weil in der Fiktion nicht wirklich jemand getötet wird und die Frage der Schuld daher in den Hintergrund treten kann. Filme und Bücher inszenieren diese andere Seite des Menschen, die uns zeigt: Wir sind nicht nur rationale Wesen.

Viele unserer Lieblinge in Literatur- und Kulturgeschichte sind grausame Mörder: Medea, Judith, Woyzeck, Jack the Ripper … Liegt im Töten auch ein theatrales Moment, das wir immer wieder als mörderisches Schauspiel aufgeführt sehen wollen?

Diese Figuren faszinieren uns, weil sie Möglichkeiten unseres Menschseins zeigen. Das Inszenieren des Tötens spielt eine wichtige Rolle. Im Wien des 18. Jahrhunderts etwa haben 30 000 Menschen zugeschaut, wie man einen zum Tode Verurteilten mit glühenden Zangen gezwickt und gerädert hat. Die Menge hat gejuchzt! Oder denken Sie an Steinigungen. Menschen empfinden Lust daran zu sehen, wie jemand anderes bestraft und zerstört wird, während sie selbst überleben, die Gewinner sein dürfen. In dieser Hinsicht hat das Töten auch etwas schrecklich Banales.

Ist das Töten eine universelle Konstante des Menschseins? Die Grausamkeit des Tötens sucht uns, gerade auch historisch und politisch, immer wieder heim.

Im 20. Jahrhundert gab es 90 Millionen Tote in Europa durch Kriege und Gewalthandlungen, da kann man kaum noch vom „finsteren Mittelalter“ sprechen. Die Gefährdung durch Gewalt ist in der Tat ein anthropologischer, universeller Grundfaktor. Jede Form der Gewalt kann immer wieder passieren. Unser gesellschaftliches und soziales Bemühen geht natürlich dahin, genau das zu verhindern. Die Literatur zum Beispiel bietet hier die Möglichkeit, sich mit dem Töten auseinanderzusetzen, sich gegen Gewalt zu impfen, Widerstandskräfte zu aktivieren.

Gibt es für Sie eine große ungelöste Frage zum Töten?

Gewalt ist eine Bedingung des Menschseins. Ich kann vieles am Töten benennen und erklären, aber es bleibt ein Moment des Nichtverstehens. Es gibt diese rätselhafte Komponente, die nicht zugänglich ist und die uns auf die Abgründe der menschlichen Existenz verweist, die man nicht ein für allemal beheben kann. Kein Mörder ist einfach ein Monster, sondern wir Menschen müssen begreifen, dass die Gewalt eine Seite von uns allen ist. Mit dieser Gefährdung müssen wir leben und uns auseinandersetzen. Dies ist der beste Schutz.

Das Gespräch führte Anna-Lena Scholz. Die Konferenz „Töten. Affekte, Arten und Formen“, veranstaltet vom FU-Exzellenzcluster „Languages of Emotion“, dem Interdisziplinären Zentrum für Historische Anthropologie der FU und der Gesellschaft für Historische Anthropologie, findet vom 17. bis 19. Februar im Clubhaus der Freien Universität Berlin statt, Goethestraße 49, Berlin-Dahlem.

Weitere Infos und Programm unter:

www.languages-of-emotion.de

Christoph Wulf (66) ist Professor für Historische Anthropologie und Erziehungswissenschaft an der FU Berlin und organisiert dort eine Tagung zum „Töten. Affekte, Arten und Formen“.

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