Gleichstellung : Der weite Weg der Wissenschaftlerin

Gegen die „Seilschaften der alten Herren“: Wie Frauen in der Forschung besser an die Spitze kommen.

Verena Friederike Hasel

Bis Frauen im Hochschulbetrieb in den großen Industrienationen ihren männlichen Kollegen gleichgestellt sind, werden noch rund fünfzig Jahre vergehen. Das ergibt eine neue Studie, die die australische Wissenschaftlerin Kate White jetzt auf der fünften europäischen Konferenz zur Gleichstellung in der Wissenschaft in Berlin vorgestellt hat. Ein Befund, den für Deutschland vor kurzem Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigten: Wenn hierzulande der Anteil der Professorinnen ähnlich langsam wie bisher wächst, würde es sogar länger als ein halbes Jahrhundert dauern, bis beide Geschlechter in den Spitzenpositionen in den Unis ausgewogen repräsentiert sind.

Wie kann man diesen zähen Prozess beschleunigen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Tagung an der Humboldt-Universität. Als „Best Practice Modell“ – also eine besonders effektive Förderung – sahen die meisten der Vortragenden Mentoring an. Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Terry Dworkin verwies auf ein Erfolgsmodell an der University of Michigan: 100 Studienanfängerinnen aus dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich steht jeweils eine persönliche Mentorin – selbst eine Ehemalige des Programms – zur Seite. Alle „Mentees“ – Geförderten – wohnen gemeinsam in einem Haus und können sich Studiengruppen anschließen und an organisierten kulturellen Aktivitäten teilnehmen. Was zunächst den Eindruck von Abschottung vermittelt, soll den Frauen einen Raum eröffnen, der ihnen später den Weg in den Beruf ebnet. Weibliche Allianzen seien von entscheidender Bedeutung für den Erfolg, sagt Dworkin. Marieke Van den Brink von der Radboud Universitet Nijmegen unterstützt den Netzwerkgedanken: Frauen müssten, so die holländische Wissenschaftlerin, die Seilschaften der alten Herren unterlaufen und ihre Ambitionen deutlich artikulieren. Oft sei es den Männern in den Schlüsselpositionen immer noch nicht klar, dass Frauen genauso ernsthafte Karriereabsichten hätten.

Diesen Eindruck bestätigt die Untersuchung, der Tineke Willemsen vom holländischen Netzwerk für weibliche Professoren die 14 Universitäten ihres Landes unterzog. Zwar erwähnen sämtliche Hochschulen die europäischen Leitlinien zur Gleichstellung in ihren Jahresberichten. Doch versäumen es die Dekanate, diese auf Fakultätsebene umzusetzen. Deshalb darf laut Willemsen die Finanzierung der Gegenmaßnahmen nicht den Fachbereichen überlassen werden, sondern sollte zentral angeordnet werden. Ein gutes Beispiel seien speziell für Wissenschaftlerinnen eingerichtete Lehrstühle; ein Vorgehen, das bislang erst an einer Hochschule üblich ist. Außerdem plädiert Willemsen für eine Veränderung der Einstellungverfahren: Zum einen bedürfe es regelmäßiger kritischer Besprechungen der Auswahlprozesse. Zum anderen müsse der Frauenanteil in den Auswahlkomitees aufgestockt werden: Nur an fünf der 14 Hochschulen in Holland ist wenigstens eine Frau in diesem Gremium vertreten.

Eine andere Stoßrichtung verfolgt die University of Florida: Laut Angel Kwolek-Folland gilt das Bestreben dort vor allem der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hierüber wacht der Vizepräsident für Personalfragen, dessen Posten 2004 neu geschaffen wurde. Das Schlüsselwort an ihrer Uni laute Flexibilität: Weiblichen Mitarbeitern werde die Möglichkeiten gegeben, ihre Arbeitszeit mit anderen Kollegen aufzuteilen oder die Anzahl ihrer Lehrveranstaltungen nach familiären Erfordernissen zu variieren.

Die University of Oxford, an der nur fünf Prozent der Dekane weiblich sind, geht einen anderen Weg: Im letzten Jahr luden sie 27 Nachwuchswissenschaftlerinnen in Entwicklungszentren ein. Dort bekamen sie persönliche Beratung in Sachen Zielsetzung und Führungsstil. Im Gegensatz zu Männern, so die Koordinatorin Judith Secker, taten sich viele der Frauen schwer damit, ihre Wunschposition in Oxford klar zu benennen; ihre Haltung gegenüber Führungsaufgaben war ambivalent. Nicht das System versuchte das Oxforder Programm zur Gleichstellung also zu verändern, sondern die Frauen selbst. Verena Friederike Hasel

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