Globalisierung : Eine neue Weltgeschichte

Historiker denken zunehmend global. Aber im Studium fehlt die transnationale Perspektive noch.

Bettina Mittelstraß

Je größer die eigene Welt wird, die man überblickt, desto größer wird auch der Wunsch, sie im Ganzen zusammenhängend zu beschreiben und zu verstehen. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus schrieb der griechische Geschichtsschreiber Herodot seine „Historien“ als Universalgeschichte und präsentierte die damals bekannte Welt. Da ist es nur folgerichtig, wenn in Zeiten der Globalisierung auch eine „Global History“ angegangen wird.

Begonnen hat die moderne Auseinandersetzung in den USA mit der Debatte um die Erneuerung von Lehrplänen im Fach Geschichte an Highschools und Colleges. Der multikulturellen Schüler- und Studentenschaft wurde der üblicherweise eurozentrische Blick auf die Geschichte der Zivilisationen längst nicht mehr gerecht. Das könne man als einen ersten, wichtigen Anstoß auch für die europäischen Geschichtswissenschaften betrachten, um ihre in allen Ländern traditionelle Beschäftigung mit Nationalkultur zu überwinden, sagt der Berliner Historiker Jürgen Kocka.

Spätestens seit dem Zusammenbruch des Ost-West-Gegensatzes und der enormen Vervielfältigung transnationaler und transkultureller Kontakte durch das Internet wurde augenfällig, dass sich auch die Geschichtswissenschaft der globalen Perspektive stärker widmen muss. Seither häufen sich über Europa hinaus auch in den USA, China, Indien oder Japan internationale Konferenzen, auf denen mögliche Forschungsfelder für eine Weltgeschichte abgesteckt werden. Im Februar wurde beispielsweise an der Harvard Universität über „Global History, Globally“ debattiert, Ende Mai lud die Humboldt-Universität zu Berlin zum „Nachdenken über das Ganze“ ein. Und Anfang Oktober war auch der Deutsche Historikertag in Dresden zu „Ungleichheiten“von der globalen Perspektive geprägt.

Häufig geht es in den aktuellen Diskussionen noch um Konzepte, um die Frage, „wie“ Globalgeschichte geschrieben werden kann. In Berlin wurden zunächst die eigenen Wurzeln des neu erwachten Interesses erkundet, universalgeschichtliche Ansätze Berliner Historiker im 18. und 19. Jahrhundert. Daneben mangelt es der Debatte aber nicht an Vorschlägen und Ansätzen für „große Themen“.

Ein großes Thema etwa wäre eine transkulturelle Geschichte der Umweltprobleme, darunter zum Beispiel die weltweite Rodung von Wäldern. Oder Geschichten von Wegen: von Waren, Sklaven, Post, Informationen oder auch Drogen, berichtet die Konstanzer Historikerin Valeska Huber aus Havard. Schließlich seien es unter anderem Themen der Wirtschaftsgeschichte, die sich bestens eigneten, in globaler Perspektive betrachtet zu werden. Bislang habe etwa die Geschichte der Arbeit die Grenzen Europas selten überschritten und Begriffe wie Arbeitskampf, Streik oder Lohnarbeit seien von der europäischen Sicht geprägt. Neuere Studien, die sich mit Arbeit in Lateinamerika, Indien oder Südafrika beschäftigen, erweitern die Perspektive, sagt Huber. Ein Großvorhaben zum Thema Arbeit startet jetzt in Berlin: An der Humboldt-Uni fördert das Bundesforschungsministerium das Internationale Forschungskolleg „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“. Geleitet wird es von dem Afrikawissenschaftler Andreas Eckert (siehe Infokasten).

Unter Historikern ausgiebig debattiert wird über die enormen, zum Teil wechselhaften, wirtschaftlichen Unterschiede in verschiedenen Regionen der Welt. In der Debatte um diese große Divergenz geht es vor allem „um das Verhältnis einzelner Teile von Nordost-China zu Westeuropa einschließlich England“, sagt Kocka. Der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel sieht die Zunft in Bewegung: Auf die Frage, wie wirtschaftliches Gefälle zustande komme, verweisen Historiker bislang auf günstige Umstände und einen „Sonderweg (West-)Europas zu Reichtum und weltpolitisch imperialer Vorherrschaft“. Neuere empirische Arbeiten dagegen blicken vergleichend auf Wechselverhältnisse, aber auch auf mögliche Entwicklungsvorteile in China. Denn es gibt das Phänomen, dass in Teilen Chinas bis zum 18. Jahrhundert „die Wirtschaftskraft und die Modernität der chinesischen Wirtschaft mindestens so hoch war wie in Teilen Europas“, betont Kocka. „Und dann ist es zu diesem take off in England und Westeuropa gekommen hin zu Industrialisierung, während China zurückgefallen ist.“ Das Verhältnis aber drehe sich jetzt im 21. Jahrhundert wieder um.

Die intellektuelle Wurzel für das neue Interesse an Globalgeschichte sei der „postkoloniale Geist“ der Diskussionen in den letzten 20 Jahren, sagt Kocka. Gemeint ist damit ein reges Interesse an den historisch zahlreichen asymmetrischen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Verflechtungen zwischen dem Westen und anderen Teilen der Welt, wie etwa Großbritannien und Indien oder Europa und dem Teil der Welt, der von hier aus mit „Orient“ bezeichnet wurde.

Bereits seit Ende der 70er Jahre werden wissenschaftliche Arbeiten diskutiert, die sich beispielsweise mit dem Einfluss von klischeehaften Orient-Vorstellungen auf das europäische Selbstverständnis beschäftigen oder kulturelle Erfahrungen der englischen Oberschicht in der großen indischen Kolonie betrachten und etwaige Rückwirkungen auf das englische Schulsystem ergründen. In solchen Untersuchungen schwinge bereits die Kritik an einem jahrhundertelang von Europa aus geprägten Geschichtsbild mit, die auch die Leidenschaft vor allem junger Neuzeithistoriker und -historikerinnen für „Global history“ speist, meint Jürgen Kocka.

Obwohl das Interesse der Studierenden an Globalgeschichte groß ist, haben sich Lehre und Forschung in Deutschland noch nicht darauf eingestellt, und auch an Schulen fehlen entsprechende Unterrichtsmaterialien. Die Fachdidaktik, so Osterhammel, stehe vor einer großen Aufgabe, wenn sie weltgeschichtliche Perspektiven in den sechssemestrigen Bachelor-Studiengängen unterbringen wolle. Dafür nötig ist nicht zuletzt die Kenntnis der durchaus unterschiedlichen globalgeschichtlichen Diskussionen in anderen Ländern und Kulturen.

Ein anderes Problem „transnationaler Geschichte“ ist sicher die tatsächliche interkulturelle Verständigung unter den Wissenschaftlern über gemeinsam anzugehende Themen aus dem Topf der zahlreichen Ansätze und Vorschläge. Das aber sei, so der Historiker Jörn Rüsen vom Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, derzeit die vornehmliche Aufgabe, um im Globalisierungszusammenhang endlich den sogenannten „Clash of Civilisations“ zu überwinden. Denn dass man einen vielseitigen Blick auf ein gemeinsames Ganzes nur gemeinsam erreichen kann, liegt auf der Hand.

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