Glocken : Schwingende Bronze

Geplanter Anschlag: Das ständige Schlagen mit einem Stahlklöppel setzt Glocken zu. Dank neuer Messverfahren werden sie geschont – und klingen trotzdem gut.

von
Langer Klang. Die „Gloriosa“ im Erfurter Dom hat nach einer Reparatur im Jahr 2004 wieder einen Nachhall von sechs Minuten. Sie ist 2,5 Meter hoch und wiegt 11,4 Tonnen.
Langer Klang. Die „Gloriosa“ im Erfurter Dom hat nach einer Reparatur im Jahr 2004 wieder einen Nachhall von sechs Minuten. Sie...Foto: IMAGO

Weihnachten ist eine gute Zeit für Glocken. Übers Jahr hören nur wenige wohlwollend hin, wenn es zumeist von Kirchtürmen herab läutet. Die meisten erdulden das „Gebimmel“ leidenschaftslos wie das Wetter. Andere fühlen sich gar massiv gestört und kämpfen juristisch gegen die Schallimmissionen an. Weihnachten aber ist anders, da gehören für viele Glocken einfach dazu. Schön sollen sie klingen, doch das ist nicht immer der Fall. Werden sie nicht richtig gepflegt, leidet der Klang, mitunter gehen sie auch kaputt. An der Stelle, wo der Klöppel an die Glocke schlägt, wird im Lauf der Zeit das Material dünner. Das kann dazu führen, dass etwa der Nachhall nachlässt. Unter Umständen kann die Glocke sogar reißen, dann ist der Klang völlig weg.

Um das zu verhindern, müssen feine Risse frühzeitig aufgespürt werden. Andreas Rupp von der Fachhochschule Kempten ist auf solche Fragen spezialisiert. Der Materialforscher hat 2009 das europäische Kompetenzzentrum „Pro Bell“ gegründet und mit seinen Mitarbeitern schon mehr als 100 Glocken untersucht. Dazu stellen sie in der Nähe des Geläuts empfindliche Mikrofone auf und analysieren die aufgezeichneten Schwingungen. „Das Klangbild einer Glocke ist aus ungefähr zehn verschiedenen Tönen zusammengesetzt“, sagt er. Hinzu kommen Dutzende weiterer Schallwellen, die man nicht hören kann – sensible Geräte allerdings schon. „Anhand der aufgezeichneten Schwingungen können wir erkennen, wo sich möglicherweise Risse befinden“, sagt Rupp. Je nachdem, wie stark die Abnutzung der Glocke ist, kann es genügen, sie etwas zu drehen, damit der Klöppel an anderer Stelle anschlägt. In schweren Fällen muss sie abgenommen und geschweißt werden.

Der Stahl darf nicht zu fest sein

Damit die Glocke weiterhin gut klingt, versuchen Rupp und seine Kollegen zudem, den Anschlag zu optimieren. Da kommt es zunächst auf das Material an. Während die Glocke meist aus Bronze (Kupfer und Zinn) besteht, ist der Klöppel aus Stahl. Seit 1900 wurde oft ein besonders fester Stahl verwendet, doch der strapaziert die Bronze zu stark, berichtet der Wissenschaftler. Besser geeignet seien moderne Stähle, die leicht verformbar sind. So wird der „Glockenkuss“, wie das Zusammentreffen der beiden Metallteile genannt wird, sanfter. Wobei dieses Wort für Laien kaum passend erscheint. Immerhin wirken Kräfte bis zum 500-fachen der Erdbeschleunigung, wenn Stahl und Bronze zusammendonnern. Auch der „Kuss“ selbst ist mit einer Dauer von einer halben Tausendstelsekunde recht flüchtig. Aber immer noch lang genug für die Sensoren der Glockenforscher.

Aus ihren Daten berechnen sie den idealen Treffpunkt für den Klöppel, ändern vielleicht auch noch dessen Gewicht, um den Schlag „ausgewogen“ zu machen. Ein generell leichterer Anschlag, wie ihn sich vielleicht auch manche Nachbarn nach dem Fest wieder wünschen, ist aus der Glockenperspektive wenig sinnvoll. „Dann klingt sie nicht richtig“, sagt Rupp. Deshalb wurden Geläute in der Vergangenheit mit einem recht schweren Klöppel und kräftigen Anschlag eingerichtet, dem Ton zuliebe. Das ist nicht immer sinnvoll. „Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass es oft besser ist, den Glockenschlag ein wenig schwächer einzustellen, als es lange Zeit gemacht wurde.“ Dann klingt sie immer noch gut, hält aber länger.

Immer mehr Privatleute bestellen sich eine Glocke

Wenn eine Glocke nicht mehr repariert werden kann, oder wenn das Geläut erweitert werden soll, muss eine neue beschafft werden. Mit etwas Glück findet sich eine gebrauchte: Da immer wieder Kirchen geschlossen werden, bleiben Glocken übrig, die mitunter verkauft oder verschenkt werden. Aber nicht jedes Schnäppchen vom Gebrauchtmarkt kann aufgehängt werden. Es muss vom Ton her zu den anderen passen. Ist das nicht der Fall, wird eine neue Glocke gegossen.

Gerade vier Gießereien gibt es seit Jahresanfang noch in Deutschland. Ihre Blütezeit ist längst vorbei. Nach dem Krieg, als rund 80 000 Glocken für die Metallbeschaffung eingeschmolzen worden waren, hatten die Gießer alle Hände voll zu tun, um die leeren Türme wieder zu bestücken.

Eine ähnliche Entwicklung findet gerade im Baltikum statt, wo zu Sowjetzeiten viele Glocken aus Kirchen entfernt wurden, berichtet Matthias Bethge von der Gießerei Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher, die mehrere Aufträge aus diesen Ländern bearbeitet. Die Nachfrage aus Deutschland geht weiter zurück, zumindest bei großen Kirchenglocken. Dafür gebe es zunehmend Privatleute, die Glocken bestellen. „Liebhaber, die sich eine in den Garten stellen, aber auch Landwirte, die eine Besucherglocke wollen, die über das gesamte Anwesen zu hören ist.“

Die Schablone für die Gussform ist ein großes Geheimnis

Jede Glocke ist ein Einzelstück, betont Bethge. Zunächst wird die Tonhöhe festgelegt, sie muss zu den übrigen Glocken im Turm, aber auch zu denen in Nachbarkirchen passen. Dann wird überlegt, wie voluminös der Klang sein soll, die neue soll die übrigen nicht übertönen, aber auch nicht untergehen. Nach diesen Vorgaben zeichnet der Gießer eine „Glockenrippe“, das Querschnittsprofil der umlaufenden Wand. Sie ist die Schablone für die Gussform. Und ein gut gehütetes Geheimnis, schließlich stecken darin lange Erfahrungen, die über Wohl- und Missklang entscheiden. „In unserer Firma kennen nur drei Leute die Rippe“, erzählt Bethge. „Der Glockengießer, seine Frau und der Geschäftsführer.“

Beim Material gibt es kaum Gestaltungsmöglichkeiten. 78 Prozent Kupfer, 22 Prozent Zinn und maximal zwei Prozent fremder Bestandteile sind für Glockenbronze vorgeschrieben. Pro Kilogramm müsse man mit zehn Euro Materialkosten rechnen, sagt Bethge. Vor zehn Jahren seien es nicht mal fünf gewesen. Hinzu kommt die Herstellung, Verzierungen, Klöppel und ein Antrieb. Macht bei einer 1000-Kilo-Glocke rund 35 000 Euro. Von den Planungen bis zum ersten Läuten vergehen rund vier Monate.

Manchmal dauert es aber noch länger, bis die Glocke ihren Dienst aufnehmen kann. „Jede Diözese und jede Landeskirche hat Glockensachverständige, die die Leistung genau überprüfen“, sagt Matthias Braun vom Deutschen Glockenmuseum in Gescher. Von der Oberflächenbeschaffenheit über die Masse bis zum Klang. Stimmt etwas nicht, muss der Hersteller nacharbeiten. Ist etwa der Ton zu hoch, wird innen Material abgeschliffen. Dadurch erhöht sich das Volumen, der Ton wird tiefer. „Höher stimmen ist fast unmöglich, dann muss die Glocke wieder eingeschmolzen werden“, sagt Braun. Auch wenn der Klang nicht zufriedenstellend ist. Das kann unter Umständen an die Substanz einer Gießerei gehen, und darüber hinaus. „Eine Firma in Österreich hatte einen Auftrag für eine mehrere Tonnen schwere Glocke erhalten“, erzählt er. „Sie musste dreimal gegossen werden, danach war die Gießerei pleite.“

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben