Glücksspiel : Die Lotto-Falle

Millionen Menschen beteiligen sich an Lotterien, obwohl die Chance auf einen sehr großen Gewinn sehr klein ist. Warum ist das so?

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Hoffen auf das große Glück. Die Chance, beim Lotto eine große Summe zu gewinnen, ist sehr gering. Gespielt wird trotzdem.
Hoffen auf das große Glück. Die Chance, beim Lotto eine große Summe zu gewinnen, ist sehr gering. Gespielt wird trotzdem.Foto: dpa/J. Wolf

Wenn ich am Samstag in meinem Spandauer Supermarkt einkaufe, ist an der Lottoannahmestelle immer diese Menschenschlange. Ernst und geduldig warten die Leute, bis sie an der Reihe sind und ihr hart verdientes Geld in die Hände der Lotteriegesellschaft wandert. Manchmal stelle ich mir vor, ich würde auf die Schlange einreden: „Leute, kommt zur Vernunft! Ihr könnt nicht gewinnen! Spart das Geld und kauft euch was Vernünftiges!“ Ein solcher Appell wäre vermutlich ebenso riskant wie nutzlos. Niemand will sich gern die Möglichkeit nehmen lassen, reich zu werden, und sei sie auch noch so gering. Der Spielverderber hätte schlechte Karten.

Elf Millionen spielen jeden Samstag Lotto

Laut Umfragen spielen elf Millionen jede Woche samstags Lotto in Deutschland. Große Jackpots steigern den Umsatz, animieren auch Lottomuffel zum Loskauf. Wie kürzlich in den USA, wo bei der staatlichen Powerball-Lotterie (Mindesteinsatz: zwei Dollar) schließlich der astronomische Gewinn von fast 1,5 Milliarden Euro auf drei Parteien verteilt wurde. Bei Powerball liegt die Chance für den Hauptgewinn bei eins zu 292 Millionen, beim deutschen Lotto sind es eins zu 140 Millionen (sechs Richtige und Superzahl).

Wie manipuliert wird, enthüllte kürzlich die „Washington Post“. Im Oktober 2015 hatte die Powerball-Lotterie ihre Regeln geändert, um die Jackpot-Chance von ursprünglich eins zu 175 Millionen auf besagte eins zu 292 Millionen zu verringern. Das bedeutet: Es sammelt sich mehr Geld im Jackpot, der Anreiz zum Spielen steigt. Zugleich wurde die Zahl der Kleingewinne (in Deutschland: „drei Richtige“ oder Ähnliches) deutlich erhöht und damit neben dem hohen Jackpot ein weiterer Kick erzeugt – kleine Gewinne halten den Spieler bei der Stange, lassen ihn Blut lecken.

Eins zu 140 Millionen - das kann sich keiner vorstellen

Wie kann man sich eine Chance von eins zu 140 Millionen, wie beim deutschen Lotto, vorstellen? Gar nicht. Bei solchen Zahlen versagt die Fantasie, sie sind unserem Mengensinn fremd. Im Lauf der Evolution haben wir es niemals mit solchen extrem geringen Wahrscheinlichkeiten zu tun bekommen, erläutert die Psychologin Jane Risen von der Universität Chicago. Uns fehlt der Maßstab. Diese Verunsicherung mag einer der Gründe dafür sein, dass Lottospieler in Irrationalismus und magisches Denken flüchten. Sie werden abergläubisch, setzen etwa auf Glückszahlen, ein Lotto-Horoskop oder geben ihren Tipp stets in der gleichen Annahmestelle ab.

Lottospieler denken häufig „kurzsichtig“. Der rituelle Kauf von ein oder zwei Lottoscheinen am Freitag oder Samstag ist eine liebgewordene Gewohnheit und keine große Ausgabe, aber über Jahre oder Jahrzehnte kommt ein hübsches Sümmchen zusammen. Und die Tagträume vom Gewinn einer Lotterie aktivieren die gleichen Hirnareale, die bei einem echten Gewinn involviert sind, erklärt der Psychologe Daniel Levine von der Universität Texas in Arlington. Die Folge kann ein Motivationsschub sein, sagte Levine gegenüber dem Magazin „Nautilus“. Hinzu kommt, dass beim Lotto das Auswählen von sechs aus 49 Zahlen häufig die Suggestion des „knapp daneben“ erzeugt. Es war haarscharf an fünf Richtigen vorbei, beim nächsten Mal klappt es bestimmt! Was eine Illusion ist.

Vor allem Ärmere spielen Lotto

Besonders beliebt ist Lotto bei Leuten, die wenig haben und die das Geld eigentlich mehr benötigen als Wohlhabende. Das Spielen vergrößert den Mangel, statt ihn zu beheben. „Ärmere sehen Lotteriespielen als die beste Möglichkeit an, ihre finanzielle Situation zu verbessern, obgleich das falsch ist“, kommentierte die Finanzexpertin Emily Halsley. In einer Studie der Carnegie-Mellon-Universität hatte Halsley Versuchsteilnehmer unter subtilen „finanziellen“ Druck gesetzt. Je ärmer sich die Teilnehmer daraufhin fühlten, umso eher waren sie bereit, die ihnen angebotenen Lotterielose zu kaufen.

Viele werden sagen, dass sie nicht ernsthaft mit einem großen Gewinn beim Spielen rechnen – aber man wird ja wohl noch hoffen dürfen. Und man weiß ja nie! Keine Frage, die Lottoteilnahme berechtigt zum Tagträumen, und darin mag deren wahrer Reiz liegen. Aber Träume sind nicht an Tippscheine geknüpft. Niemand hält einen davon ab, sich vorzustellen, wie man sein Leben verbessern, seine Ideen in die Tat umsetzen könnte. Und dann damit anzufangen, ganz ohne Gebühr und Gewinn.

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