Großbritannien : Englands neue Schule

Mehr Pflichtfächer, strengere Prüfungen: Der konservative britische Bildungsminister will Leistungsanforderungen steigern. Nur noch fünf Prozent der Schüler sollen künftig die Bestnote bekommen.

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Zu leicht? Londoner Schülerinnen warten auf den Beginn der GCSE-Prüfung in Mathematik.
Zu leicht? Londoner Schülerinnen warten auf den Beginn der GCSE-Prüfung in Mathematik.Foto: Reuters

Als Londons Bürgermeister Boris Johnson vor wenigen Tagen eine Offensive für mehr Schulqualität startete, wusste er seinen Parteifreund, den konservativen Bildungsminister Michael Gove an seiner Seite. Mehr Bauplätze für neue Freie Schulen, höhere Bildungsstandards mit einem „London Curriculum“, mehr Geld für bessere Lehrerbildung und ein „Gold Club“ für besonders erfolgreiche Schulen: Das liegt auf der Linie der „radikalsten Bildungsreform Großbritanniens seit einer Generation“, die Gove Mitte September im Unterhaus angekündigt hat. Damit läutete er eine neue Runde in der seit Jahrzehnten zwischen Konservativen und Labourpartei geführten Debatte über die Schulbildung aus. Es geht um Leistungsförderung und -forderung auf der einen und Chancengleichheit auf der anderen Seite.

Der Bildungsminister will ein neues „Ebacc“ (Englisches Bakkalaureat) einführen. Es soll die bisherige Schulprüfung General Certificate of Secondary Education für 16-Jährige (GCSE) ersetzen, eine Art mittlerer Reife vor dem zweijährige Vorbereitungskurs für die Unis, den A-Levels.

Labourchef Ed Miliband stieg daraufhin mit einem „Technischen Bakkalaureat“ in den Ring und wählte für seinen Vorstoß den politischen Jahreshöhepunkt, die Parteitagsrede: Er will sich um die „vergessenen 50 Prozent“ kümmern, die nicht zur Universität gehen und schielt, wie jetzt viele in Großbritannien, auf das bewunderte System der deutschen Berufsausbildung.

„Es ist Zeit, dass der Wettlauf in die Talsohle ein Ende hat.“ So hatte der konservative Bildungsminister den Kampf eröffnet. Die neue Abschlussprüfung soll die Noteninflation beenden, die das britische Bildungssystem untergraben und wettbewerbsunfähig gemacht habe. Der Tory kann sich auf die Pisa-Rankings für England beziehen. Von 2000 bis 2009 fielen englische Schüler im Lesen von Platz 7 auf 25, in Mathematik von 8 auf 27 und in Naturwissenschaft von 4 auf 16.

Nach Goves Plänen sollen Schüler ab 2015 auf die neue Prüfung lernen: Die Kernfächer Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft werden wieder Pflicht. Orthografie und Grammatik werden wieder notenrelevant. Statt Multiple- Choice-Kreuzchen werden Aufsätze geschrieben. Auch Fremdsprachen gehören zum Pflichtcurriculum und die Prüfungen dauern statt 90 Minuten drei Stunden.

Gove will noch weitere Hürden einbauen, um die Leistungsfähigkeit der Schüler herauszufordern. Die Möglichkeit, Prüfungsteile als „Moduls“ abzulegen und diese so oft zu wiederholen, bis das Ergebnis zufriedenstellt, soll gestrichen werden. Höchstens fünf Prozent der Schüler dürften die Bestnote erhalten. Vor allem will Gove den Wettbewerb zwischen den privaten Prüfungskommissionen abschaffen, die sich nach der Analyse des Ministeriums im Kampf um Schulkunden mit der Leichtigkeit ihrer Prüfungen übertrumpft hatten.

„Dem Minister scheint es wichtiger zu sein, seine ideologische Agenda durchzuboxen, als das, was fair für alle ist“, warnte Christine Blower, Generalsekretärin der NUT, der größten Lehrergewerkschaft Europas. Labours Bildungssprecher verurteilte die Reform als „irrelevant“ für die Zukunft junger Menschen.

Konservative kritisieren dagegen, Großbritanniens der Labour Partei nahestehender Bildungssektor habe bis 1988 alle Formen der Begabtenauslese im Schulsystem abgeschafft. Zuerst wurde 1976 die Eleven plus-Prüfung gestrichen, eine Prüfung vor dem Übergang an verschiedene Typen von Sekundarschulen. 1988 wurde die Trennung der Schulabschlussprüfungen GCSE in O-Levels (Ordinary) und A-Levels (Advanced) eingestellt. Die frühere Trennung in Grammar Schools (Gymnasien) für Schüler mit Uni-Chancen und die Secondary modern oder Technical Schools wurde aufgehoben.

Für Kritiker des britischen Schulsystems begann damals die „Noteninflation“, das „dumbing down“, die ständige Senkung der Leistungserwartung mit immer besseren Noten. Das sahen nicht nur Tories, sondern auch Tausende von Eltern so, die ihre Kinder unter hohen finanziellen Opfern auf Privatschulen schicken – sieben Prozent aller Schüler, 18 Prozent aller über 16-Jährigen. Auch britische Universitäten trauen den Uni-Zulassungsprüfungen immer weniger und klagen über ungenügend auf das Studium vorbereitete Studenten.

Gove ist der radikalste Bildungsreformer der Nachkriegszeit. Sein Plan, guten Schulen als direkt vom Ministerium und Sponsoren geförderte Academies die Unabhängigkeit von Lokalbehörden und das Recht eigener pädagogischer Systeme und Lehrpläne zu geben, geht zügig voran. Bereits die Hälfte der höheren Schulen sind Academies oder auf dem Weg dahin. Damit will Gove Vielfalt und Wettbewerb in das Schulwesen bringen.

Aber viele Reformer sehen Goves Vorstöße immer noch als halbherzig an. Sie würden lieber die Wiedereinführung der Grammar Schools und eine klare Auslese sehen, in der sie einen Garant für soziale Mobilität sehen. Das jetzige System der Schülerauslese dagegen bevorzuge diejenigen, die sich stark leistungsorientierte Privatschulen leisten können.

Premier David Cameron lehnt die Rückkehr der Grammar Schools jedoch kategorisch ab, weil es zu viele Erinnerungen an Privilegien und Klassenkampf wachrufen würde. Gove soll Berichten zufolge versucht haben, die alte O-Level-Prüfung für Begabtere wieder einzuführen. Dabei wurde er vom Koalitionspartner, den Liberaldemokraten ausgebremst. Sie setzten auch den verzögerten Beginn der Reform nach der nächsten Wahl durch.

So wird der Streit um das britische Schulsystem weitergehen. Viele fordern eine Reform, die nicht bei der Rückkehr zu Strenge und Wettbewerb stehen bleibt, wie Sir Peter Hampl, Chairman des Sutton Trusts, einer Bildungsstiftung. Er meldete sich mit einer vernichtenden Kritik der zu frühen Spezialisierung der britischen Schüler zu Wort. Europäer und Amerikaner hätten „eine breitere Allgemeinbildung, können besser rechnen und sind besser einstellbar als die Produkte unseres engen, englischen Bildungssystems“, schrieb er im „Daily Telegraph“.

Für Hampl enden die Probleme nicht bei den zu leichten Prüfungen, „sondern bei der Spezialisierung danach“. Denn britische Schüler wählen nach den GCSE-Prüfungen nur drei oder vier Fächer für ihre A-Levels, die sie auf die meist nur noch dreijährigen Studiengänge vorbereiten sollen. „Wir brauchen ein wirkliches englisches Bakkalaureat, das Schüler nicht nur für die Universität, sondern fürs Leben vorbereitet“, fordert Hampl.

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