Großbritannien : Uni-Gebühren ohne Limit

In Großbritannien sollen Studierende künftig deutlich mehr zahlen. Eine Expertenkommission schlägt vor, die Universitäten selbst Studiengebühren in unbegrenzter Höhe festlegen zu lassen.

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Gegen Kürzungen im Bildungsbereich gingen im Sommer Professoren und Studierende in London auf die Straße. Foto: AFP
Gegen Kürzungen im Bildungsbereich gingen im Sommer Professoren und Studierende in London auf die Straße. Foto: AFPFoto: AFP

Britische Studierende müssen sich darauf einstellen, in Zukunft wesentlich mehr für ein Studium zu bezahlen. So sollen Universitäten künftig Studiengebühren in unbegrenzter Höhe selber festlegen dürfen. Die bisherige Obergrenze für Gebühren – 3290 Pfund pro Jahr für Bachelor-Studierende – soll wegfallen. Das schlägt eine von der Regierung eingesetzte Expertenkomission unter der Leitung des ehemaligen BP-Chefs Lord John Browne vor. Noch muss die Regierung aus Konservativen und Liberaldemokraten entscheiden, ob sie den Plan auch umsetzt.

Hilfen des Steuerzahlers reduzieren sich in Zukunft auf die ärmsten Studenten, die weiterhin günstigere Kredite erhalten. Der Rest muss einen Realzins von zwei Prozent über der Inflationsrate bezahlen. Die Rückzahlung der Kredite soll beginnen, wenn das Jahreseinkommen der ehemaligen Studenten nach heutigem Stand 21 000 Pfund erreicht hat. „20 Prozent der Studenten werden diese Schwelle nie erreichen und müssen nie etwas zurückzahlen“, sagte Lord Browne mit Blick auf Kritiker, die eine überdurchschnittliche Belastung für niedrige Einkommensschichten fürchten und beklagen, dass die finanzielle Belastung der Mittelschichten in Zukunft noch größer wird.

Die Vorschläge wurden von den Eliteunis begrüßt, von anderen Universitäten und Parteien aber heftig kritisiert und haben die Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten in ihre erste Belastungsprobe gestürzt. Liberaldemokraten hatten im Wahlkampf die Abschaffung der Studiengebühren versprochen. Stattdessen sollen sie nun einer Erhöhung zustimmen.

Der Plan der „Libdems“, eine sozial gerechtere und „progressive“ Akademikersteuer einzuführen, die Höherverdienende stärker belastet, ist wegen „Undurchführbarkeit“ vom Tisch. Dies wurde von Premier David Cameron und Wirtschaftsminister Vince Cable bestätigt. Cable versprach seiner Partei heute in einer ersten Stellungnahme im Unterhaus, nach weiteren „progressiven“ Elementen in den Vorschlägen zu suchen.

Die Graduiertensteuer scheiterte aus mehreren Gründen. Einmal wäre frühestens in einem Jahrzehnt Geld in die Kassen geflossen. Die Vorausfinanzierung könnten sich die Briten derzeit nicht leisten. Ausländische Studierende hätten in Großbritannien praktisch umsonst studiert. Auch wären die Universitäten in hohem Maße von staatlichen Finanzzuwendungen abhängig geblieben. Ein Ziel der konservativen Reformer aber ist es, die Universitäten „unabhängiger und wettbewerbsorientierter“ zu machen.

Die frühere Labourregierung führte schon 1998 unter großen Protesten Studiengebühren ein. Dieses System soll nun radikal ausgebaut werden. Universitäten, die mehr als 7000 Pfund im Jahr verlangen, müssen allerdings eine Abgabe an die Aufsichtsbehörde entrichten, die dann ärmeren Studierenden zugutekommt. Nur wenige Spitzenunis werden daher über die 7000 Pfund hinausgehen, sagen Hochschulexperten. Sie rechnen mit einem Spitzensatz von um 12 000 Pfund. Außerdem müssen die Unis mit Gebühren über 7000 Pfund der Aufsichtsbehörde eine „faire Zulassungspolitik“ demonstrieren – etwa durch eine hinreichende Zahl von Stipendien –, ganz abgesehen davon, dass diese „teuren“ Universitäten gut genug sein müssen, um Studenten anzuziehen. „Es wird sich schnell herumsprechen, wenn Universitäten ihre Gebühren nicht durch Leistung rechtfertigen“, sagte Browne in der BBC. Matthias Thibaut, London

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