Großstadt-Geräusche : Der Lärm der anderen

28.01.2012 00:00 UhrVon Adelheid Müller-Lissner
  • Wie kann man sich vor Alltagslärm schützen? Ohrenschützer sind wohl nur in der äußersten Not ein Hilfsmittel. - Foto: dpa
  • Fluglärm ist in Berlin und Mainz momentan das Thema Nummer eins. - Foto: dapd
  • Flug-, Bau-, Verkehrslärm. Der größte Teil des Lärms dringt unverschuldet in unser Ohr. Doch manche Lärmquelle regeln wir selbst. - Foto: dpa

"Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur", sagt Tucholsky. Aber in der Großstadt ist der Mensch von anderen Menschen umgeben, von ihren Hunden, Autos, Flugzeugen. Wann werden Geräusche zur Gefahr für die Gesundheit?

Lärm bedeutet Krieg, das zeigt schon die Sprachgeschichte. Das frühneuhochdeutsche Verb „lerman“ entstand aus dem Wort „Alarm“, dessen unbetontes Anfangs-A eines Tages wegfiel. Alarm wiederum kommt aus dem italienischen „all'arme“, zu den Waffen.

Tatsächlich wird in modernen Großstädten erbittert um das Thema „Lärm“ gekämpft. „Das ist ja das Spezifikum des menschlichen Ohres: Man kann es nicht schließen wie die Augen“, sagt der Berliner HNO-Arzt Hans Behrbohm. Denn: Die Augen kann man schließen, die Ohren bleiben auf Empfang. Was uns aufschreckt, sind dabei vor allem die fremden, ungewohnten Geräusche. „Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur“, bemerkte Kurt Tucholsky.

„Lärm ist das Geräusch der anderen.“ In der Großstadt gibt es viele dieser anderen.

Schon im 19. Jahrhundert, in dem die Städte explosionsartig wuchsen, überflügelten die Geräusche die allgegenwärtigen Gerüche in der Hitliste der Belästigungen des Großstadtlebens. So warnte etwa der Arzt Wilhelm Stekel vor den Geräuschen der Straßenbahn: „Tief in die Stunden des Schlafs hinein tönt der Lärm fort. Das Rasseln der Wagen, das Sausen und Stöhnen der Elektrischen, sie beschäftigen unser Gehirn auch im Schlaf.“

Der Wiener Historiker und Stadtforscher Peter Payer ist der anschwellenden Geräuschkulisse und der bürgerlichen Kulturkritik des Lärms wissenschaftlich nachgegangen. Der Kulturphilosoph Theodor Lessing verfasste etwa im Jahr 1908 eine „Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ und gründete gleich noch einen „Antilärmverein“, der von Hannover aus schnell Berlin, Wien und München eroberte. Dessen Mitgliederzeitschrift trug den schönen Titel „Der Antirüpel. Das Recht auf Stille.“

Praktisch zeitgleich begann in Berlin der Apotheker Maximilian Negwer in seiner Schöneberger „Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten“ mit der Produktion von kleinen, formbaren Wachs-Watte-Kügelchen, die man sich in die Ohren stecken konnte, um sich gegen unliebsame Geräusche abzuschotten – so wie weiland Odysseus seine Reisegefährten gegen den verführerischen Gesang der Sirenen geschützt hatte: Das weltweit erfolgreiche Lärmschutz-Markenprodukt Ohropax war geboren.

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