Grün-rote Reformvorhaben : Sanfte Schulreform im Südwesten

Die Grünen wollen sich in Baden-Württemberg auch an die Reform des dreigliedrigen Schulsystems heranwagen. Dabei wollen sie jedoch auf Volkes Stimme hören. Gemeinschaftschulen soll es nur da geben, „wo es gewünscht wird“.

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In der Bildungspolitik sei das Ziel der künftigen grün-roten Landesregierung, „dass wir den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft entkoppeln“, sagt der künftige grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Grün-Rot in Baden-Württemberg strebt eine große Schulreform an. „Länger gemeinsam lernen“ sollen die Kinder in Gemeinschaftsschulen von der 5. bis zur 10. Klasse, die Grünen nennen sie „Basisschulen“. Beide Parteien kritisieren das dreigliedrige Schulsystem als sozial ungerecht.

In der neuen Schulform sehen sie auch eine Antwort auf den demografischen Wandel. Nur durch die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen könnten auch kleinere Kommunen eine weiterführende Schule betreiben. „Deshalb müssen wir den Weg für Gemeinschaftsschulen möglichst schnell freimachen – wo es gewünscht wird“, sagt SPD-Bildungsexperte Frank Mentrup. Einen Schulkampf wie in Hamburg wollen beide Parteien vermeiden, sie propagieren eine „Schulreform von unten nach oben“: Die Kommunen sollen entscheiden, ob sie eine Gemeinschaftschule einrichten wollen. Dort sei das längere gemeinsame Lernen durchaus gewollt: 60 Gemeinden und Städte hätten in den vergangenen Jahren solche Versuche beantragt, die CDU-FDP-Regierung habe aber alle abgelehnt.

Das Gymnasium stellt Grün-Rot als Schulform bislang nicht infrage. Auch beim „Turbo-Abitur“ liegen die Parteien nah beieinander: Die SPD will den Schulen die Möglichkeit geben, neben G8 einen parallelen G9-Zug einzurichten. Die Grünen wollen Schulversuche mit „zwei Geschwindigkeiten in der Unter- und Mittelstufe bis zur mittleren Reife“ ermöglichen. Beide kündigen einen Ausbau von Ganztagsschulen an, die sie nach zwanzig Jahren als Modellversuch im Schulgesetz verankern wollen.

Das Baden-Württembergische Bildungssystem zeichnet sich durch eine relativ hohe Durchlässigkeit aus: Fast ein Drittel der Abiturienten hat die Hochschulreife nach der mittleren Reife an einem beruflichen Gymnasium abgelegt. Die Berufsgymnasien sind stark nachgefragt, haben bislang ein Drittel der Bewerber abgewiesen. SPD und Grüne versprechen nun einen Rechtsanspruch auf einen Platz für alle Schüler, die die Voraussetzungen formell erfüllen.

Beide Parteien wollen die verbindliche Empfehlung der Grundschule für den weiteren Schulbesuch abschaffen, die Eltern sollen frei wählen können. Es sei unhaltbar, dass nur 22 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund aufs Gymnasium gingen, aber 43 Prozent der Kinder mit deutschen Eltern.

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