Wissen : Guck und sprich!

Studie: Kleine Kinder lernen leichter sprechen, wenn sie Dinge gezeigt bekommen.

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Es ist der Kontext, Baby! So könnte man zusammenfassen, was die Psychologin Erica Cartmill von der Universität Chicago und ihre Kollegen aus Pennsylvania und Philadelphia in der aktuellen Ausgabe der „Proceedings of the National Academy of Science“ der USA berichten: Der Wortschatz von Vorschulkindern hängt zum guten Teil davon ab, wie anschaulich der Kontext ist, in dem ihre erwachsenen Bezugspersonen in der Kleinkindzeit neue Wörter ins Spiel gebracht haben. Also davon, ob die Eltern ihrem Kind ein Zebra oder eine Zange zeigen, während sie das Wort fallen lassen, oder ob sie nur die Absicht äußern, bald im Zoo ein Zebra anzuschauen oder aus dem Werkzeugkasten eine Zange zu holen.

Was spontan einleuchtet, haben die amerikanischen Sprachentwicklungsforscher nun mit einer raffinierten Versuchsanordnung auch wissenschaftlich bewiesen: Für ihre Langzeitstudie konnten sie fünfzig Mutter-oder-Vater-Kind-Paare aus Chicago und Umgebung gewinnen, die alle einsprachig Englisch miteinander kommunizierten. Sie besuchten die Familien im Abstand von vier Monaten, das erste Mal kurz nach dem ersten Geburtstag des Kindes, das letzte Mal, wenn es viereinhalb geworden war. Bei diesen Gelegenheiten machten sie jeweils 90-minütige Videoaufzeichnungen – und baten die Eltern, sich möglichst in ihrem ganz normalen Alltagsablauf nicht stören zu lassen, also weiterzuspielen, -zusprechen, Bücher vorzulesen, zu essen oder das Kind zu baden. Anhand der Filme von den ersten beiden Treffen werteten sie aus, wie viel Mutter oder Vater mit dem Kind gesprochen hatten, anhand der Aufnahmen mit viereinhalb Jahren bewerteten sie den Wortschatz des Kindes, das inzwischen zum Vorschulkind geworden war.

Die Filme fanden allerdings noch eine zweite Verwendung – und die war in diesem Fall die Hauptsache: 218 Studenten schauten sich ausgewählte kurze Sequenzen daraus an, die ohne Ton liefen. In jedem dieser 40-Sekunden-Schnipsel stand ein Wort im Mittelpunkt, das die Eltern dem Kind gegenüber in dieser kurzen Zeitspanne einmal oder mehrmals aussprachen, das die Versuchsteilnehmer aber nicht hören konnten, sondern nur durch einen Piepton angezeigt bekamen. Zehn solcher Vignetten von jeder teilnehmenden Familie wurden zum Vorführen ausgewählt. Die Aufgabe der Studierenden: Direkt nach der Vorführung des Stummfilm-Schnipsels sollten sie das fragliche Wort erraten. Für jede Familie wurde dann ermittelt, wie viele Wörter korrekt ermittelt wurden. „Wir fanden systematische Unterschiede im Hinblick darauf, wie leicht die von den Eltern verwendeten Wörter aus dem sozio-visuellen Kontext erschlossen werden konnten“, stellen die Forscher fest.

Und diese Unterschiede fanden sich drei Jahre später auch bei den Kindern wieder: Eltern, die Begriffe häufig in einem Zusammenhang einführten, der es für erwachsene Versuchspersonen leicht machte, richtig zu tippen, hatten das offensichtlich auch bei ihren Kindern geschafft. Und damit ihre Sprachentwicklung gefördert. Jedenfalls hatten diejenigen Vorschulkinder, die als Kleinkinder solche Hilfen bekommen hatten, einen deutlich besseren Wortschatz – und zwar unabhängig von der Menge des sprachlichen Inputs, der während der gefilmten Hausbesuche von den Eltern gekommen war. Nonverbale Hinweise effektiv zu nutzen, sei für Erwachsene ein guter Weg, Kinder beim Start in die sprachliche Kommunikation zu unterstützen, leiten die Autoren daraus als Ratschlag ab.

Falls sich die Ergebnisse von anderen Arbeitsgruppen bestätigen lassen, ist das eine gute Nachricht. Denn in welchem Ausmaß Eltern, während sie mit ihren kleinen Kindern sprechen, Hinweise auf die Bedeutung der verwendeten neuen Wörter in das Gespräch einstreuen, ist nicht von deren sozioökonomischen Status oder Bildungsgrad abhängig. Cartmill und ihre Kollegen haben jedenfalls in ihrer Studie festgestellt, dass dieser qualitative Aspekt des sprachlichen Inputs über alle Bevölkerungsschichten gleich verteilt ist – während es beim Umfang der sprachlichen Mitteilungen deutliche schichtabhängige Unterschiede gibt.

Allerdings werden damit die unzähligen vorangegangenen Studien keineswegs nichtig, die einen engen Zusammenhang zwischen der Sprachentwicklung von Kindergarten- und Schulkindern und der Schichtzugehörigkeit ihrer Eltern belegt haben. Die Ergebnisse der neuen Studie lassen sich schon deshalb mit den bisherigen Befunden in Einklang bringen, weil mit der schieren Menge an sprachlichem Material, das Eltern ihrem Nachwuchs täglich anbieten, tendenziell auch die Anzahl lernförderlicher Kontextbezüge wächst. Nicht zuletzt beim Vorlesen und gleichzeitigen Anschauen von Bilderbüchern. Adelheid Müller-Lissner

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