Wissen : Gut gebildet

Wie Schulen und Unis verbessert werden können: 120 Millionen Euro für neues Forschungsprogramm

Uwe Schlicht

Bund und Länder haben sich auf ein ehrgeiziges Programm für eine gemeinsame Bildungsforschung verständigt, das die deutsche Schul- und Hochschullandschaft nachhaltig verändern könnte. Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) und der Präsident der Kultusministerkonferenz Jürgen Zöllner (SPD) stellten jetzt die gemeinsamen Projekte vor. In den nächsten fünf Jahren wird das Bundeswissenschaftsministerium für das Rahmenprogramm 120 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Das entspricht einer Verdoppelung der bisher eingeplanten Ausgaben.

Künftig wird ein neues „Bildungspanel“ Bildungsverläufe von der Kinderkrippe über die Universität bis zur Volkshochschule über ein Leben lang verfolgen. Erst wenn zu den Bildungsverläufen empirische Daten vorliegen, kann man erkennen, wie Schulversagen oder mit Anstrengung erworbene Kompetenzen in Schule, Hochschule und Beruf Lebenskarrieren prägen können. Schon heute ist bekannt, dass die Übergänge zwischen Schule und Beruf oder Hochschule besondere Klippen darstellen.

Genauso wichtig ist die Verständigung darauf, dass die lange Zeit in Deutschland vernachlässigte empirische Bildungsforschung zu einem neuen Schwerpunkt von Bund und Ländern wird. Wenn Bund und Länder am selben Strang ziehen, wird auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft mehr Projekte der Bildungsforschung fördern als bisher.

Eine erste Konsequenz aus der empirischen Bildungsforschung war die Umorientierung der Politik auf die Lernergebnisse, anstatt immer kompliziertere Curricula zu entwickeln, deren Anforderungen oft weder Schüler noch Studenten erfüllen konnten. Pisa-Vergleiche der OECD haben das gezeigt. Bundesweite Vergleichsarbeiten, Bildungsstandards für die wichtigen Altersstufen vor dem Wechsel von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen sowie vor den Schulabschlüssen der Haupt- und Realschulen und vor dem Abitur sollen künftig für jeden Lehrer relevantes Material liefern. Die Ergebnisse der Tests auf der Grundlage von Bildungsstandards werden so aufbereitet, dass sie den Lehrern rechtzeitig Hinweise geben, um Schwächen und Stärken der Schüler zu erkennen. Solche Diagnosen sind nicht nur für Lernschwache wichtig, sondern auch für Begabte und Hochbegabte. Diese Handreichungen sollen von den Bildungsforschern so aufbereitet werden, dass jeder Lehrer sie im Internet abrufen kann. Damit fließen die Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung nicht nur in dicke Bücher, sondern werden den Schulalltag verändern.

Bund und Länder wollen auch die Hochschulwirklichkeit empirisch erforschen lassen, um überlangen Studienzeiten, den schlechten Betreuungsverhältnissen, den hohen Abbrecherquoten auf die Spur zu kommen. Auch die Bildungsökonomie soll nicht mehr das Hobby einer weniger Forscher sein. Ohne Kenntnis der demografischen, gesellschaftspolitischen Zusammenhänge wie der Jahrgangsstärken, der Bildungsversorgung und den Hintergründen der leidigen Finanzierung – kurz, ohne Kenntnis der Bildungs- und Hochschulökonomie – bleibt vieles, was in den Gremien der Hochschulen beschlossen wird, Traumtänzerei. Die neuen Forschungsimpulse von Bund und Ländern können hier langfristig positiv wirken.

Die Änderung des Grundgesetzes hat dem Bund die Möglichkeit genommen, auf die Schulen über die Bildungsplanung einzuwirken. Aber in der Bildungsforschung darf der Bund Anregungen geben sowie internationale Tests zum Vergleich des Leistungsstands der deutschen Schüler mitfinanzieren. Zu diesen Tests gehören die Pisa- und Iglu-Untersuchungen. Außerdem darf der Bund mit den Ländern über Folgerungen aus den Forschungsergebnissen beraten. Die politische Umsetzung liegt jedoch allein in der Verantwortung der Länder. Die neue Kooperation lässt nach dem jetzt vorgestellten Programm hoffen. Uwe Schlicht

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