Gutachter : Der Wahrheit näher rücken

Wie Gutachter Täter- und Opferaussagen beurteilen.

Dagny Lüdemann

Es leuchtet ein, dass Straftäter nicht immer die Wahrheit sagen. Doch auch Unschuldige erfinden nicht selten phantasievolle Geschichten. Zum Beispiel, weil das, was wirklich geschehen ist, so skurril klingt, dass sie Angst haben, man glaube ihnen nicht. Aber es kommt auch vor, dass Unschuldige Geständnisse ablegen oder Geständige bei der Schilderung des Tathergangs lügen.

Aussagen von Angeklagten und Zeugen auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen, ist Aufgabe von Psychiatern und Psychologen. Sie müssen Richtern brauchbare Gutachten darüber liefern, ob Täter – aber auch Opfer – die Wahrheit sagen. Wie schwierig das sein kann, wurde auf der 12. Berliner Junitagung deutlich, zu der das Institut für Forensische Psychiatrie der Charité eingeladen hatte.

Am Fall des Ende September 2001 im Saarland im Alter von fünf Jahren verschwundenen Pascal erläuterte Charité- Psychologe Max Steller das Problem von falschen Geständnissen. Zwölf Angeklagte, darunter vier Frauen, wurden in diesem Fall beschuldigt, den Jungen mehrfach missbraucht und schließlich getötet zu haben. Die zum Teil geistig behinderten und alkoholkranken Angeklagten verstrickten sich immer wieder in Widersprüche, gaben Geständnisse ab und widerriefen sie. Im September 2007 wurden sie nach einem dreijährigen Prozess aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

„Es kommt vor, dass Menschen Geständnisse ablegen, um sich wichtig zu machen“, erläuterte Steller. Andere hielten dagegen dem Stress in der Verhörsituation nicht stand und würden sagen, was die Polizisten „hören wollen“.

Doch nicht nur mutmaßliche Täter lügen. Manche Menschen geben sich auch zu Unrecht als Opfer aus. „Denn daraus leiten sich Ansprüche ab, etwa auf Fürsorge“, sagte Hans Stoffels, Psychiater an der Berliner Schlossparkklinik. Häufig glauben Lügner selbst, was sie sagen – vor allem, wenn das geschilderte Erlebnis schon Jahre zurückliegt. „Das Gedächtnis ist kein Speicher, in dem Information eingebrannt ist“, sagte Stoffels. Die Erinnerung sei ein fortlaufender Prozess, der auch von der gegenwärtigen Bewertung eines Erlebnisses aus der Vergangenheit beeinflusst werde.

Dass auch Polizeibeamte und Gutachter nicht frei von ihrer persönlichen Bewertung sind, machte der Kieler Psychologe Günter Köhnken deutlich. „Meistens haben sie ja einen Verdacht – zum Beispiel, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde“, sagte Köhnken. „Und dann suchen sie gezielt nach Anhaltspunkten, die ihre Hypothese bestätigen.“ Dabei werde die Gegenprobe, ob es auch andere Ursachen für diesen „Beweis“ geben könnte, häufig vernachlässigt.

In ähnlicher Weise könne es zu Suggestivfragen in Verhören kommen. Selbst wenn die Polizisten gar nicht die Absicht hätten, den Befragten zu manipulieren. Sogar für Psychologen, die bei ihrer Begutachtung auch prüfen, unter welchen Umständen Aussagen zustande gekommen sind, sei dies häufig nicht zu erkennen.

„Die ganze Wahrheit lässt sich nie ergründen“, sagte der Berliner Psychologe Max Steller. „Doch für die Praxis vor Gericht müssen wir ihr zumindest so nah wie möglich kommen.“ 

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