Wissen : Gute Unis halten einen schlechten Präsidenten aus

375 Jahre Harvard - die älteste Universität der Vereinigten Staaten feiert Geburtstag

Sebastian Litta
John Harvard. 300 Jahre dümpelte seine Uni vor sich hin. Foto: Reuters
John Harvard. 300 Jahre dümpelte seine Uni vor sich hin. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Harvards 375-jähriges Jubiläum in diesem Oktober wäre belanglos, wäre die Universität das geblieben, was sie fast 300 Jahre lang war – ein provinzielles College zur Ausbildung von Predigern und zur Erziehung der Söhne von Neuenglands wohlhabenderen Familien. 1636, nur 16 Jahre nach Ankunft der Pilgerväter, gegründet, war die nach einem großzügigen Buchspender benannte Hochschule im Vergleich mit englischen oder deutschen Hochschulen eine Nachzüglerin. Heidelberg, Oxford und andere konnten damals bereits auf eine jahrhundertealte Tradition europäischen Hochschulbetriebs zurückblicken. Auch später tat sich die Hochschule im Bostoner Vorort Cambridge mit Innovationen schwer. Lange Zeit wollte Harvard kein Ort der Wissenschaft werden. Zum Promovieren gingen die akademisch interessierten jungen Männer lieber nach Oxford, Göttingen oder Berlin. Nur mit Verzögerung und etlichen Abwandlungen kam das Humboldtsche Modell einer forschenden Universität in Harvard an.

Es folgte jedoch eine Kette an weltgeschichtlichen Ereignissen und klugen wissenschaftspolitischen Entscheidungen, die aus dem eher unbedeutenden College eine Universität machten, die heutzutage vielen als vorbildlich gilt. Die Vertreibung einiger der besten Wissenschaftler aus Deutschland in den dreißiger Jahren, die massiven staatlichen Wissenschaftsinvestitionen der zur Weltmacht aufgestiegenen USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Herausbildung eines globalen, akademischen Marktes und der vom Historiker Niall Ferguson so genannte „Niedergang“ der deutschen und englischen Spitzenuniversitäten – all diese Entwicklungen halfen, den heutigen Mythos Harvard zu schaffen. Dieser ist so stark, dass der Name Harvard immer wieder auch zur Aufwertung lokaler Ambitionen herhalten muss, sei es als „Harvard an der Spree“ oder auch als „Heide-Harvard“.

Die Finanzkrise hat die Universität trotz Verlusten im Stiftungsvermögen in Milliardenhöhe recht gut überstanden, sie hat, wie schon öfter, einen Alumnus im Weißen Haus, und alle drei diesjährigen Physiknobelpreisträger haben in Harvard studiert oder geforscht.

Auf die 1600 Plätze für das Bachelorstudium haben sich nahezu 35 000 junge Menschen beworben. Harvard kann aus den leistungsstärksten Schulabgängern eines 320-Millionen-Volkes auswählen. Als Alumni werden die College-Absolventen später Geld spenden und so nicht nur ihre teure Ausbildung refinanzieren, sondern gleichzeitig auch die Weiterentwicklung der Universität ermöglichen.

Wie schafft Harvard es, sich Jahr für Jahr an der Spitze zu behaupten? Einer muss es wissen. Derek Bok, Hochschulpräsident von 1971 bis 1991, sitzt trotz seiner 81 Jahre fast täglich noch in seinem bescheidenen und mit Büchern vollgestellten Büro mit Blick auf den Charles River. Bok sagt, dass es ja nicht nur Harvard sei. Vielmehr seien von den neun Hochschulen, die vor der amerikanischen Unabhängigkeit gegründet wurden, immer noch sieben unter den heute besten zehn Universitäten der USA. Ein gewisser Startvorteil scheint vorhanden zu sein. Den könnten Universitäten aber viel länger nutzen als Unternehmen. Letztere könnten ihre Stellung durch eine einzige Fehlentscheidung, ein schlechtes neues Produkt oder die Einstellung eines unfähigen Vorstandschefs, einbüßen. In guten Universitäten sei die Macht dagegen so dezentralisiert, dass sie auch einen schlechten Präsidenten für eine Weile aushalten.

Ein weiterer Unterschied zu Unternehmen: Wenn ein Autobauer schlechte Autos baut, hören die Kunden auf, diese zu kaufen. Wenn eine Universität ihre Studenten schlecht ausbildet, merkt das zunächst niemand.

Was aber, wenn Harvard nicht schlechter, sondern die anderen einfach besser werden? Mittlerweile bauen chinesische Wissenschaftspolitiker eifrig an eigenen Weltklasseuniversitäten. William Kirby, langjähriger Dekan der Faculty of Arts and Sciences und nun Leiter des Harvard China Funds, meint, dass es mit den chinesischen Spitzenuniversitäten einen Wettbewerb sowohl um die besten Studierenden als auch um die besten Wissenschaftler geben wird. Er fügt hinzu, dass dieser Wettbewerb beiden Seiten guttun werde. Die besten chinesischen Universitäten würden bald zu den besten 20 Universitäten der Welt zählen, da ist sich Kirby sicher, denn kein anderes Land der Welt schätze Hochschulbildung so stark und investiere so viel wie China.

Bis dahin ist noch Zeit. Heute befindet sich Harvard auf dem Höhepunkt seiner globalen Anziehungskraft als Ort für Ideen und Talente. Lange genug hat es gedauert, diesen Platz einzunehmen. Sebastian Litta

Der Autor ist Fellow der Stiftung „Neue Verantwortung“. Er hat in Harvard studiert und war Forschungsassistent des ehemaligen Harvard-Präsidenten Derek Bok.

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