Habilitation des Begründers der Ikonologie : Das Gesellenstück von Erwin Panofsky

Endlich liegt sie gedruckt vor: die verschollene Habilitation von Erwin Panofsky, dem Begründer der Ikonologie. Eine später Genugtuung für den einst von den Nazis vertriebenen Kunstwissenschaftler.

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Der Kunstwissenschaftler Erwin Panofsky, hier 1967 im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München.
Der Kunstwissenschaftler Erwin Panofsky, hier 1967 im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München.

Es war eine veritable Sensation des Wissenschaftsbetriebs, als im Sommer vor zwei Jahren die für immer verschollen geglaubte Habilitationsschrift Erwin Panofskys im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte entdeckt wurde. Panofsky zählt zu den ganz Großen seines Fachs. Mit seinem Namen ist, mehr noch als mit demjenigen Aby Warburgs, die Auszehrung der Kunstgeschichte durch die von den Nazis erzwungene Emigration ihrer besten Vertreter verbunden. Jetzt liegt der Text als aufwendig gedrucktes Buch vor: Das 336 Seiten lange Typoskript folgt dem Text als farbiges Faksimile. Herausgegeben hat das Buch Gerda Panofsky, die zweite Frau des Autors. Auch das gehört zu den glücklichen Fügungen, die dem Stapel Schreibmaschinenblätter doch noch zuteil wurden.

Panofsky war ein Hauptvertreter der Ikonologie

Erwin Panofsky, 1892 in Hannover geboren und 1968 im Alter von 76 Jahren gestorbenen, gilt gemeinhin als Begründer oder doch Hauptvertreter der Ikonologie, einer Methode der Kunstwissenschaft, die die frühere Epochen- und Stilbetrachtung sowie die immanente Darstellung des Künstlerschaffens hinter sich lässt. Die Habilitation ist allerdings noch genau letzterem gewidmet, ihrem Titel gemäß: „Die Gestaltungsprincipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels“. Da war Panofsky noch ein junger Mann von nicht einmal 30 Jahren. Seine Strategie als Wissenschaftler zielte darauf, durch die Beschäftigung mit den großen Namen der Kunst selbst jenes Renommee zu erwerben, das ihm mit der Berufung zum Professor an die junge Hamburger Universität 1925/26 denn auch bescheinigt wurde.

Seine Habilitation handelte von der Renaissance

Mit der Renaissance hatte sich der Autor die seit dem späten 19. Jahrhundert gerade in Deutschland beliebteste Epoche ausgesucht. Panofsky hält sich noch ganz an Stilgeschichte und -kritik, an Kennerschaft, wie sie sich – nebenbei – heute erneut erhebt, wenn auch noch leise.

Er selbst rückte alsbald davon ab. Mit seinem Aufsatz „Hercules am Scheidewege“ demonstrierte er 1930 jene Methode der Motiv- und Symboluntersuchung, vor allem der epochenbestimmenden symbolischen Formen, die in die Ikonografie und die ihr begrifflich übergeordnete Ikonologie führt. Seine enorme Kenntnis schriftlicher Quellen vor allem der Renaissance hat ihm denn auch den Vorwurf eingebracht, Kunstwerke, also Bilder nur mehr als Anwendungsgegenstände seiner Belesenheit zu benutzen und Kunst auf die Verbildlichung abstrakter Ideen zu reduzieren. In der Frage nach dem Fortleben antiker Motive in der Renaissance berührt er sich mit dem – 1929 verstorbenen – Warburg, zu dessen glanzvollem Kreis er gezählt hatte. Freilich ließ sich dieses Fortleben nur anhand von Textquellen entschlüsseln.

1933 wurde Panofsky von den Nazis vertrieben

Es drängt sich die Frage auf, warum Panofsky das Manuskript bei der Emigration 1933, als ihn die Nazis verjagten, in Hamburg ließ – und vor allem, warum er es später nie mehr zurückforderte. Darüber ist nach der Wiederentdeckung in einem verstaubten, verschlossenen Panzerschrank im Keller des – welche Ironie der Geschichte! – aus der Nazizeit stammenden Gebäudes des Münchner Instituts mittlerweile viel spekuliert worden. Man darf als einfachste Erklärung vermuten, dass der ungeheuer produktive Autor mit diesem Kapitel seiner intellektuellen Biografie 1933 bereits abgeschlossen hatte. Es ist eine späte Genugtuung für das hierzulande so lange gebeutelte Fach, dass Panofsky, der im amerikanischen Exil alsbald nach Princeton berufen wurde und sich dort mit Einstein auszutauschen pflegte, nun doch noch eine deutschsprachige Premiere bereitet wird. Lange hat es schließlich gedauert, bis Schriften wie die Dürer-Monografie oder die Übersicht über die frühniederländische Malerei, vor allem aber „Renaissance and Renascences in Western Art“ in deutscher Übersetzung erschienen sind.

"Eindrücke eines versprengten Europäers"

„Eindrücke eines versprengten Europäer“ hat Panofsky eine späte autobiografische Skizze mit jener melancholisch durchsetzten Ironie überschrieben, die ihm eigen gewesen sein muss. Nach 1945 wollte er nicht mehr in Deutschland lehren. Es hat ihn auch keiner gerufen. Hierzulande hielten die vielfach kompromittierten Kollegen die Posten besetzt. Erst mit seinem Tod im Schlüsseljahr 1968 begann die Aufarbeitung der Geschichte der Disziplin.

Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der jetzt die Ansprache bei der Münchner Buchvorstellung hielt, schrieb vor Jahren in einem Aufsatz zum 100. Geburtstag: „Panofskys Rang als einer der größten Gelehrten dieses Jahrhunderts ist unumstritten“. Mit dem Michelangelo-Buch liegt nun dessen staunenswertes Frühwerk vor.

- Erwin Panofsky: Die Gestaltungsprincipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu Raffael. Aus dem Nachlass herausgegeben von Gerda Panofsky. Verlag de Gruyter, Berlin 2014. Ca. 600 Seiten (Faksimileteil unpaginiert), 99,95 Euro.

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