Handicap : Auf allen Vieren

Kein Streich der Evolution, sondern ein Hirnschaden: Warum manche Menschen nicht aufrecht gehen.

Adelheid Müller-Lissner

Vor gut zwei Jahren zeigte der britische Fernsehsender BBC sensationelle Aufnahmen aus der Südtürkei. Fünf erwachsene, bäuerlich gekleidete Menschen waren dort zu sehen, die auf allen Vieren liefen. War in dieser abgelegenen Region eine verschüttete genetische Anlage wieder zum Vorschein gekommen? Hatte sich eine biologische Zeitreise ereignet – zurück in eine Ära, in der unsere Vorfahren den aufrechten Gang noch nicht erlernt hatten? Oder handelte es sich einfach um den Versuch, einen genetisch bedingten Hirnschaden zu kompensieren? Um die Ursache des „Vierfüßler-Syndroms“ ist ein Streit zwischen deutschen und türkischen Wissenschaftlern entbrannt.

Nicht nur die Füße, sondern auch die Handballen hatten bei fünf Geschwistern der kurdischen Familie Ulas Kontakt mit dem Boden, die Finger wurden jedoch geschont. Die „behände“ Fortbewegungsart, die manche Kleinkinder nach dem Krabbelstadium übergangsweise wählen, wirkt bei Erwachsenen befremdlich, fast animalisch.

Von der türkischen Familie war bekannt, dass die Eltern enge Verwandte sind – und dass die erwachsenen Kinder neben dem Vierfüßlergang auch Merkmale geistiger Behinderung haben. Schon vor der Ausstrahlung des Films hatten der Berliner Humangenetiker Stefan Mundlos von der Uniklinik Charité und sein Team die Familie untersucht und im Jahr 2006 eine Veränderung auf dem Chromosom 17 entdeckt und publiziert. Der Medienrummel habe dann auch Kollegen aus der Türkei auf den Plan gebracht, erzählt der Humangenetiker dem Tagesspiegel.

Weitere Familien wurden ausfindig gemacht und auf genetische Veränderungen untersucht, nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Chile, Brasilien, dem Iran und dem Irak. Bei einigen von ihnen wurde eine Veränderung des Gens gefunden, das die Produktion bestimmter Fettsäuren steuert, dem VLDLR-Gen (für: „Very Low Density Lipoprotein-Receptor“). Und zwar praktisch zeitgleich von zwei Arbeitsgruppen in Berlin und in Ankara. Die Gruppe um den Humangenetiker Tayfun Özcelik von der Bilkent-Universität in Ankara konnte ihre Ergebnisse bereits am 18. März im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichen, die Berliner folgten eine Woche später im „European Journal of Human Genetics“.

So sehr die Analysen übereinstimmen, so unterschiedliche Schlüsse ziehen die Forscher. Özcelik glaubt, mit VLDLR das mutierte Gen gefunden zu haben, das den Vierfüßlergang verursacht. Schon ist die Rede vom Gen, das die Evolution rückwärts laufen lassen kann.

Zusammen mit dem britischen Evolutionspsychologen Nicholas Humphrey von der London School of Economics, der die BBC auf das Thema stieß, hat Mundlos dem nun in einem Diskussionsbeitrag im Fachblatt „PNAS“ widersprochen. Sollte das veränderte Gen die Ursache sein, dann müsse man erwarten, den Vierfüßlergang Erwachsener immer zu finden, wenn die genetische Veränderung auftritt. Dagegen spreche, dass betroffene Mitglieder von zwei der untersuchten Familien sich ganz normal auf zwei Beinen fortbewegen. Umgekehrt fand sich bei der Familie Ulas eine andere genetische Auffälligkeit.

Was alle verbindet – und was auch mit dem VLDLR-Gen in Verbindung steht – sind aber Veränderungen des Kleinhirns. Das Kleinhirn steuert Bewegungen. Sie führen dazu, dass die Betroffenen die Balance nicht halten können. In den Augen des Humangenetikers Mundlos ist nun also keineswegs das Gen für den aufrechten Gang gefunden, dessen Mutation den Menschen in ein früheres Stadium der Evolution zurückwerfen würde. „Wir glauben vielmehr, dass es sich beim Vierfüßlergang um einen Kompensationsmechanismus handelt, auf den Menschen zurückgreifen, weil sich bei ihnen aufgrund genetischer Veränderungen das Kleinhirn nicht gut entwickeln kann. Sie würden beim Gehen sonst leicht umkippen.“

Dazu passt, was Humphrey vor kurzem in der Londoner „Times“ berichtete: Nach der Ausstrahlung des BBC-Beitrags hätten ihn Physiotherapeuten kontaktiert, die von Schlaganfall-Patienten mit Gehstörungen berichteten. Einige wenige von ihnen bedienen sich nach Auskunft der Therapeuten ebenfalls des Vierfüßlergangs – zumindest innerhalb der eigenen vier Wände.

Veränderungen des VLDLR-Gens wurden schließlich auch bei Mitgliedern der Hutterer gefunden, einer religiösen Gemeinschaft, die abgeschieden in den USA lebt und in der Heiraten unter engen Verwandten ebenfalls üblich sind. „Sie lernen teilweise spät, mit Gehhilfen oder gar nicht laufen, aber sie gehen nicht auf allen Vieren“, sagt Charité-Forscher Mundlos.

Wie der Evolutionspsychologe Humphrey ist er überzeugt davon, dass Betroffene durch frühes Training, therapeutisches Einwirken und mit Gehhilfen den aufrechten Gang erlernen könnten. Das sei bei den Betroffenen in der Türkei durchaus versucht worden, kontert allerdings Özcelik. Möglich, dass es für sie geschickter ist, die Anforderungen ihres ländlichen Alltags auf ihre eigene Art zu durchlaufen.

Derzeit werden in der Charité DNS-Proben einer Familie aus dem Irak untersucht, deren Mitglieder sich ebenfalls zum Teil auf allen Vieren fortbewegen. Wie man jetzt schon weiß, haben sie weder einen Defekt des VLDLR-Gens noch eine Veränderung auf Chromosom 17, sondern sind Träger einer weiteren genetischen Besonderheit. „Ein einzelnes Gen kann nicht die Erklärung für eine komplexe Eigenschaft wie den Vierfüßlergang liefern“, kommentiert Mundlos. Das letzte Wort über die genetischen Voraussetzungen des aufrechten Ganges dürfte also noch nicht gesprochen sein.

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