Wissen : Handys auf der Schlachtbank

TU-Ingenieure entwickeln Demontagezentren für Mobiltelefone, Waschmaschinen und Fahrzeugmotoren

Heiko Schwarzburger

Noch ist das Chaos beim Dosenpfand allgegenwärtig, da ziehen schon neue „Katastrophen“ am Himmel auf: Ab Sommer 2005 müssen die Hersteller von elektrischen und elektronischen Geräten innerhalb der EU ihre Altgeräte kostenlos zurücknehmen.

Technisch gesehen, ist die Rücknahme von Weißblechdosen oder PET-Flaschen dagegen ein Kinderspiel. Die meisten elektronischen Geräte entstehen am Fließband, sind aus Hunderten oder Tausenden Einzelteilen zusammengesetzt. Jede Fertigungslinie ist auf eines oder wenige Modelle zugeschnitten. Im Handel ist jedoch eine unüberschaubare Vielfalt an Geräten. Allein bei Waschmaschinen kommen leicht dreißig verschiedene Modelle zusammen. Keine automatische Demontagelinie kann die gesamte Produktpalette erkennen und sachgerecht auseinander schrauben. Bislang ließen sich Altgeräte nur von Hand zerlegen. „Das ist eine schmutzige, gefährliche und teilweise sehr schwere Arbeit“, erläutert der Ingenieur Bahadir Basdere vom Produktionstechnischen Zentrum (PTZ) in Charlottenburg. „Eine Waschmaschine enthält ein Schwingsystem von vierzig bis sechzig Kilogramm Gewicht. Das kann ein Mann gar nicht ständig von einem Demontagetisch zum anderen hieven.“

Bahadir Basdere ist Geschäftsführer des Sonderforschungsbereiches „Demontagefabriken“, für den die Deutsche Forschungsgemeinschaft jährlich etwa 1,5 Millionen Euro an die TU Berlin gibt. Das PTZ ist ein gemeinsames Institut der TU und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Konstruktion (IPK). Seit Jahren entwickeln dort zahlreiche Wissenschaftler ein Demontagezentrum für Waschmaschinen.

Kamen die Geräte einst weiß lackiert in den Supermarkt, sind sie nach 15 Jahren Gebrauch ein Wrack. Die Schrauben sind festgerostet, Gummiteile rissig, Bleche verbeult. Für die Demontageroboter ist das ein Problem: Sie benötigen klar standardisierte Angriffspunkte, um die Teile zu greifen, abzuschrauben oder zu entlöten. Die TU-Ingenieure haben ein Werkzeug entwickelt, das mit Schrauben aller Art fertig wird. Ein spezieller Greifer kann sogar verbeulte Teile festhalten. Drei Knickarmroboter arbeiten gleichzeitig. Jeder dieser Stahlkameraden hebt zwischen sechzig und 150 Kilogramm, ohne zu ermüden. Sie verständigen sich über eine ausgeklügelte Elektronik miteinander, um sich schnell auf die jeweilige Waschmaschine einzustellen.

Auch die Hersteller von Mobiltelefonen sind an den Entwicklungen der Berliner Ingenieure interessiert. Riesig ist der zu erwartende Rücklauf bei den Handys. „In der Regel sind sie nach spätestens zwei Jahren veraltet“, sagt Bahadir Basdere. „Von einigen Kratzern am Gehäuse und den Akkus abgesehen, sind diese Mobiltelefone meist noch voll funktionstüchtig.“ Derzeit kursieren in deutschen Haushalten mehrere Millionen Althandys, vollgestopft mit wertvoller Elektronik, Metallen und Kunststoffen. Eine Forschergruppe um den TU-Professor Günther Seliger, Leiter des Sonderforschungsbereichs, baute am PTZ eine Demontagezelle speziell für Handys auf. Jeder Handy-Hersteller hat seine eigenen Standards. So ergeben sich mehrere tausend Varianten, die von der Demontagezelle bearbeitet werden müssen. „Unser System ist flexibel aufgebaut“, sagt Bahadir Basdere. „Wir können die Gehäuseteile, die Akkus, die Tastaturen, die Platinen mit der Elektronik und die Displays unterschiedlicher Handys schnell separieren. Schwierig ist es noch bei den so genannten Flip-Handys, die sich aufklappen lassen und bei denen das Display in den Deckel integriert ist.“ Nach der Zerlegung werden die einzelnen Baugruppen auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Defekte Module wandern in den Elektronikschrott oder zu den Kunststoffen. Funktionierende Baugruppen werden in ein neues Gehäuse gepackt, um als revitalisiertes Handy erneut auf den Markt zu kommen. Das neue Gehäuse, gleichfalls eine Entwicklung der TU-Ingenieure, ist für die meisten Marken geeignet. Die erfolgreichen Entwicklungen zum Handy haben die Ingenieure ermutigt. „Mit unserer Firma Remobile wollen wir Handyherstellern und Netzbetreibern die Sorge um die Altgeräte abnehmen“, sagt Basdere, der die Firma mit drei Wissenschaftlern gründete.

Schwierig wird es, die Altgeräte zu sammeln. Für kleinere Elektroaltgeräte mögen Sammelcontainer in Supermärkten genügen. „Allerdings dürfen die Geräte beim Einwurf nicht zusätzlich beschädigt werden, man will sie ja schonend demontieren“, sagt TU-Logistiker Thomas Sommer-Dittrich, der zu Rücknahmesystemen forscht. Größere Geräte landen bisher oft in den Recycling-Höfen der BSR.

Doch ab 2005 gilt: Wird eine neue Maschine geliefert, muss der Lieferant die alte Schleuder gleich mitnehmen. „Darauf ist bislang niemand vorbereitet“, kritisiert Thomas Sommer-Dittrich. „Da fährt ein Lieferwagen vor. Der Fahrer und der Beifahrer wuchten die neue Waschmaschine in die Wohnung. Um die alte Waschmaschine abzuholen, kommt irgendwann ein zweiter Wagen, natürlich wieder mit zwei Leuten.“

Das verursacht erhebliche Kosten. „Wir haben deshalb ein Spezialregal für Lastkraftwagen entwickelt, vor allem für schwere Waschmaschinen oder Kühlschränke“, erläutert TU-Logistiker Christian Schneiders. „Die Geräte stecken nicht mehr in Kartons sondern in festen Boxen. Das Neugerät wird aus der Box entladen, das Altgerät darin wieder verstaut. Aufblasbare Manschetten sichern die Fracht während der Fahrt in den Boxen.“

Informationen im Internet:

www.sfb281.de

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