Hans Mommsen : Nachdenken über das deutsche Versagen

Ohne sein leicht entzündbares Temperament kann man sich die deutsche Geschichtswissenschaft der vergangenen fünfzig Jahre nicht vorstellen. Dem Historiker Hans Mommsen zum 80. Geburtstag.

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Foto: dpa/dpaweb

Hans Mommsen und sein Zwillingsbruder, der 2004 tödlich verunglückte Historiker Wolfgang Mommsen, bildeten über die Jahrzehnte hinweg eine eindrucksvolle Bastion des forscherischen Eifers und aufklärerischen Engagements. Vor allem für die Analyse von Nationalsozialismus und Drittem Reich sind von Hans Mommsen wichtige Anstöße ausgegangen. Da befand er sich immer an der Front der Auseinandersetzung, und oft war er die Front.

Ziemlich jede Interpretation, die sich anheischig machte, das Regime aus einem Punkt zu erklären, sah sich bald von Mommsen gestellt – die charismatische Sicht des Diktators ebenso wie später die Überschätzung der Volksgemeinschaft. Dagegen hob er ab auf die Wirkung des Versagens der deutschen Eliten und die Dynamik, die der sich von allen Gegengewichten losreißende, zerstörerische Machtwillen entwickelte. Dabei schrieb, forschte und lehrte der Historiker Hans Mommsen immer auch als wacher Zeitgenosse. Aus der deutschen Unglücksgeschichte der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, die seine wissenschaftlichen Arbeiten umkreisten, zog er auch Impulse und Maßstäbe seiner Haltung als öffentlicher Intellektueller. Darin blieb er ganz Angehöriger der Generation, die in ihrer Jugend noch in die Katastrophe hineingezogen wurde.

Den Spross der berühmten Historikerfamilie – Theodor Mommsen, der Nobelpreisträger von 1901, war sein Urgroßvater – hat das deutsche Versagen überdies gleichsam in der Nahperspektive der Familie erreicht. Der Vater, ebenfalls Historiker, verlor nach 1945 wegen seiner NS-Affinität seinen Marburger Lehrstuhl. Das mag dazu beigetragen haben, dass es Hans Mommsen als Kritiker im Fach und in der öffentlichen Debatte weit hinausgetragen hat.

Mommsen hat nicht das „große“ Buch geschrieben, das seinen Verfasser in die breite Öffentlichkeit katapultiert. Aber man wird sagen können, dass das Bild unserer Geschichte anders aussähe ohne seine Arbeiten – angefangen mit seiner Intervention im Streit um den Reichstagsbrand in den frühen sechziger Jahren, fortgesetzt in der Fülle seiner Untersuchungen zur Weimarer Republik, dem Dritten Reich, der Endlösung und dem Widerstand. Seit 1968 Professor an der Ruhr-Universität Bochum, hat der Schüler von Hans Rothfels, dem Inspirator der Zeitgeschichte in der Bundesrepublik, auch die Erforschung der Arbeiterbewegung zu seiner Sache gemacht.

Der eben vorgelegte Sammelband „Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Demokratie, Diktatur, Widerstand“ (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010) bezeugt die Breite seiner Arbeiten. An diesem Freitag wird Hans Mommsen achtzig Jahre alt. Hermann Rudolph

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