Harald Welzer : "Das Gehirn ist ein bio-kulturelles Organ"

Das meiste vergessen, um das Wichtige zu behalten: Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer erklärt im Interview, was ein gutes Gedächtnis ist.

Harald Welzer (52) ist Soziologe und Sozialpsychologe, Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Gedächtnisforschung am Kulturwissenschaftlichen Institut der Uni Essen und Mitherausgeber des kürzlich erschienenen interdisziplinären Handbuchs „Gedächtnis und Erinnerung“ (Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 2010, 364 Seiten, 49,95 Euro).
Harald Welzer (52) ist Soziologe und Sozialpsychologe, Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Gedächtnisforschung am...Foto: KWI Essen/Volker Wiciok

Herr Welzer, um kaum ein Thema kümmern sich so viele wissenschaftliche Disziplinen wie um Gedächtnis und Erinnerung. Was reizt Sie daran so sehr?

Wenn man sich wie ich in den Human- und Kulturwissenschaften bewegt, kommt man um das Gedächtnis gar nicht herum: Schließlich ist die Fähigkeit, unterschiedliche Zeitformen unterscheiden zu können, sich an Vergangenes zu erinnern und für die Zukunft zu planen, etwas, das Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Tiere haben viele Gedächtnissysteme, die mit denen des Menschen identisch sind, aber über ein episodisches und autobiografisches Gedächtnis verfügen nur wir.

Haben Meeresschnecken und Bienen also ein Gedächtnis, aber keine Erinnerung?

So könnte man das sagen. Wir teilen ganz viele Fähigkeiten mit anderen Lebewesen. Doch unser neuronales Netzwerk ist viel komplexer. Nur wir Menschen haben noch eine Ebene des Bewusstseins darüber. Wir können uns nicht nur erinnern, sondern uns auch erinnern, dass wir etwas erinnern – können also bewusst auf das Gedächtnis zugreifen.

Was haben Sie als Soziologe und Sozialpsychologe von den anderen Disziplinen gelernt, zum Beispiel von den Hirnforschern?

Sehr viel: Ich habe früher sehr orthodox sozialwissenschaftlich gedacht und mich dann zunehmend für Anatomie und Physiologie des Gehirns interessiert. Mich fasziniert, dass das menschliche Gehirn sich bis zum jungen Erwachsenenalter entwickelt, und zwar unter den Bedingungen seiner jeweiligen historischen und kulturellen Umgebung. Es ist also in jeder Hinsicht ein bio-kulturelles Organ.

Und was können die Hirnforscher von Ihnen lernen?

Dass wir das menschliche Gehirn nicht verstehen, wenn wir es erstens als individuelles Organ und zweitens rein biologisch betrachten. Menschliche Gehirne entwickeln sich in Interaktion mit anderen Gehirnen. Das Gedächtnis eignet sich deshalb für eine interdisziplinäre Betrachtung besonders gut, von der Medizin über die Neurowissenschaften bis hin zur Literaturwissenschaft.

Was haben Sie für Erfahrungen mit der Interdisziplinarität gemacht, deren Nutzen ja nicht unumstritten ist?

An der Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern ist für mich spannend, dass wir so unterschiedliche Methoden anwenden. Und dass unsere Gütekriterien für Studien und für Texte so verschieden sind. Über die Schwierigkeiten, die das beim gemeinsamen Publizieren verursacht, könnte man ein eigenes Buch schreiben.

Als Sozialwissenschaftler haben Sie sich auch damit beschäftigt, dass Erinnerungen keine verlässlichen historischen Dokumente sind. In Ihrer Untersuchung „Opa war kein Nazi“ haben Sie herausgefunden, dass viele junge Deutsche überzeugt sind, ausgerechnet in ihrer Familie habe es zur Zeit des Nationalsozialismus nur aufrechte Demokraten und mutige Menschen gegeben. Ist es verzeihlich, sich die Vergangenheit immer wieder „passend“ zu machen?

Man muss Erinnerungen von der funktionalen Seite aus betrachten. Sie dienen dazu, sich auf Vergangenes beziehen zu können, um für die Zukunft zu planen. Insofern ist es egal, woraus jemand seine Erinnerung schöpft, ob aus Filmen, Büchern oder Gesprächen. Wird das sozial problematisch, erfolgt ja meist eine Korrektur, bei politischen Themen ergeben sich daraus üblicherweise öffentliche Debatten.

Wie etwa die Debatten über die Generation der 68er.

Wer sich einer Generation zugehörig fühlt, muss eben auch die entsprechenden Erinnerungen haben. Denn eine Generation ist eine Alterskohorte, die sich auch als Erinnerungsgemeinschaft definiert. Notfalls „erfindet“ sich jemand, der zur 68er-Generation gehört, noch eine „wilde“ Phase dazu, in der er demonstriert oder randaliert hat.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für exakte Geschichtsschreibung.

Soziale Wahrheiten entstehen eben im Austausch, im Gespräch, anders als wissenschaftliche Wahrheiten, für die Daten und deren transparente Verarbeitung maßgeblich sind. Ich bin dafür, beides gut auseinanderzuhalten.

Was ist dann aus Ihrer Sicht ein gutes Gedächtnis?

Sicher nicht der spektakuläre Gedächtniskünstler, der sich alle Details merken, aber zwischen wichtig und unwichtig oft keine Unterschiede machen kann. Wir müssen das meiste vergessen, um das Wichtige zu behalten. Zu sehr auf Erfahrung und Erinnerung zu pochen, kann bei der Deutung von Gegenwart sogar hinderlich sein. Ein gutes Gedächtnis wäre eines, das einen sicheren Zugriff auf die Informationen ermöglicht, die man gerade dringend braucht. Leider machen wir regelmäßig die Erfahrung, von unserem Gedächtnis im Stich gelassen zu werden. Erst gestern war mir das wieder peinlich: Der Name des früheren Kollegen, den ich in der Straßenbahn getroffen habe, ist mir immer noch nicht eingefallen!

Gedächtnis, Gewalt, Klimawandel, Veränderung von Lebensstilen: Wo ist für Sie der „rote Faden“, der alle Ihre Themen verbindet?

Nur von außen betrachtet sieht das aus wie Kraut und Rüben. Vom Gewalt-Thema führt ein direkter Weg zu den kulturellen Folgen des Klimawandels, sobald man sich fragt, welche neuen Quellen von Gewalt dort entstehen – durch Wassermangel oder wenn Menschen zu Umweltflüchtlingen werden. Und das führt unweigerlich zur Frage nach unserem aktuellen Lebensstil, einer klassischen sozialpsychologischen Frage.

Und die Brücke zur Erinnerung?

Wir brauchen für unsere Identität eine Vorstellung von der eigenen Vergangenheit. Deshalb hat es durchaus seinen Sinn, wenn wir „erinnerungsintensive“ Lebensalter haben, wie zum Beispiel die Lebensphase zwischen 17 und 22. In dieser Zeit sind Hirnreifung und Identitätsbildung noch nicht ganz abgeschlossen, zudem machen die meisten Menschen dann bestimmte Erfahrungen von hoher Bedeutsamkeit zum ersten Mal.

„Herzstücke der eigenen Lebensgeschichte“ heißen sie in Ihrem aktuellen Gedächtnis-Buch.

Ohne solche Bezugspunkte, die mir sagen, wo ich hingehöre und zu wem ich gehöre, wäre alles extrem schwierig. Dann kann man sich nur dem Universum dessen anschließen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt alle denken. Statt das selber zu tun.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

Christian Gudehus / Ariane Eichenberg / Harald Welzer (Hrsg): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 2010, 364 S., 49,95 Euro.

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