Harald zur Hausen : Nobelpreisträger: „Viele junge Forscher geben zu früh auf“

Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen über krebserregende Viren, die Forschung in Deutschland – und seine Altersvorsorge.

Herr zur Hausen, herzlichen Glückwunsch zum Nobelpreis, den Sie für die Entdeckung erhalten, dass Viren Auslöser für Gebärmutterhalskrebs sind. Dank Ihrer Arbeit können Mädchen heute dagegen geimpft werden. Wird es auch gegen andere Krebsarten bald Impfungen geben?

Gegen das Hepatitis-B-Virus, das Leberkrebs verursachen kann, haben wir schon eine Vakzine. Allerdings wurde sie nicht zur Krebsvorsorge entwickelt, sondern gegen die unangenehme Infektion selbst. Das ist der Unterschied zu dem Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs.

Welche Krebsarten werden noch durch Viren ausgelöst?

Wir kennen heute eine ganze Reihe. Weltweit sind 21 Prozent der Krebserkrankungen auf Infektionen zurückzuführen.

Ist die Veranlagung für Krebs nicht auch genetisch?

Durchaus. Aber das widerspricht sich nicht. In aller Regel kommt eine genetische Veränderung in der Zelle mit einer Infektion zusammen. Das ist auch der Grund, warum zwischen der Ansteckung mit einem Virus und dem Ausbruch einer Krebserkrankung oft 30 und manchmal sogar 60 Jahre liegen.

Werden Infektionsmediziner heute also immer stärker zu Krebsspezialisten?

Ja, und ich hoffe, dass der interdisziplinäre Austausch zwischen Onkologen und Immunologen noch stärker wird. Ich selbst bin Virologe und Mediziner.

Hatten Sie in Ihrer Forscherlaufbahn auch direkten Kontakt zu Krebspatienten?

Nein, nicht in der Klinik als Arzt. Aber ich habe mich immer stärker für die Krankheit Krebs und ihre Bekämpfung interessiert als für ein bestimmtes Virus. Erst später hat sich gezeigt, dass die Papillomviren sich gut als Forschungsobjekt eignen, um daraus eine Impfung zu entwickeln.

Haben Sie die entscheidende Nobelpreis- Forschung in Deutschland gemacht?

Das, wofür ich jetzt ausgezeichnet werde, ist eigentlich an fünf Plätzen entstanden. Angefangen hat alles in den USA, in Philadelphia. Aber danach habe ich in Deutschland weitergearbeitet – zuerst an der Uni Würzburg. Und danach in Erlangen, wo ich mich zum ersten Mal mit Papillomaviren beschäftigt habe. Viele der Viren, die heute als Auslöser für Krebserkrankungen gelten, habe ich mit Arbeitsgruppen am Deutschen Krebsforschungszentrum, DKFZ, in Heidelberg isoliert. Dort habe ich auch die Impfstoffversuche gemacht und Gespräche mit der Industrie geführt, damit die Vakzine hergestellt wird. Damals war das Interesse daran aber zu gering.

Heißt das, man kann hierzulande Spitzenforschung betreiben, ohne längere Zeit im Ausland gearbeitet zu haben? Viele junge Forscher bezweifeln das.

Die Bedingungen für Grundlagenforschung in Deutschland sind gut, aber sie sollten weiter hartnäckig gefördert werden. Viele junge Forscher geben zu früh auf, Projekte werden zu kurzfristig angelegt. Meinen jungen Kollegen rate ich, für mindestens zwei Jahre ins Ausland zu gehen. Ansonsten besteht die Gefahr, den internationalen Anschluss zu verlieren.

Der Physik-Nobelpreisträger 2007, Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich, hat gesagt, dass er an einer Universität neben dem Lehrbetrieb wohl kaum genug Zeit und Mittel gehabt hätte, so intensiv zu forschen. Wie war das bei Ihnen?

Ich sehe das anders. Auch an Universitäten kann man aufwendige Forschung machen. Am DKFZ hatte ich auch Verwaltungsaufgaben. Aber ich habe mich bemüht, jeden Tag im Labor vorbeizuschauen. Sie dürfen sich das nicht so vorstellen, dass ich selbst pipettiert hätte, aber ich habe mit den Forschern Versuche geplant und Ergebnisse diskutiert. All das geht nur mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit anderen Dingen gegenüber.

Welche Dinge waren das bei Ihnen?

Vor allem meine Familie ist etwas zu kurz gekommen. Meine erste Ehe wurde ja auch geschieden. Seit 15 Jahren bin ich mit meiner zweiten Frau verheiratet.

Und Ihre Kinder?

Zwei meiner Söhne sind auch Naturwissenschaftler geworden. Der eine ist Pathologe in Freiburg, der andere Molekularbiologe. Der Jüngste hat gerade sein Examen in Germanistik, Kommunikationswissenschaften und Geschichte gemacht. Hier in Berlin.

Sie teilen sich das Preisgeld mit Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi, die das Aidsvirus entdeckt haben. Was machen Sie mit einer halben Million Euro?

Am Freitag kommt meine Frau aus Argentinien zurück, dann können wir alles in Ruhe besprechen. Einen Teil des Geldes werden wir wahrscheinlich für unsere Altersversorgung verwenden.

Gerade in diesen Zeiten der Finanzkrise machen sich ja viele Menschen Sorgen um ihr Geld. Ein Problem, das Sie nun nicht mehr haben dürften.

Na ja, natürlich gibt mir der Preis jetzt eine zusätzliche Sicherheit.

Und wie geht es mit der Krebsforschung weiter? Woran arbeiten Sie gerade?

An neuen Therapien. Wir kennen heute die Moleküle, die den Krebs verursachen, und wollen sie gezielt hemmen.

Ist das eine Art Gentherapie?

Nein, eher eine Chemotherapie auf molekularer Ebene. Um Gene blockieren zu können, die Zellen zu Krebszellen mutieren lassen, muss man diese Gene erst finden. Bei den Molekülen sind wir schon einen Schritt weiter.

Die Fragen stellte Dagny Lüdemann.

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