Harvard-Universität : Versteckte Kameras überwachten Anwesenheit von Studierenden

Die Harvard-Universität überprüfte mit versteckter Kamera die Anwesenheit von Studierenden. Die Empörung ist groß, ein Professor spricht von einem Vorgehen "Orwell'scher Natur".

von
Studierende gehen über den Campus der Harvard-Universität.
Unter Beobachtung. Zehn Kurse mit 2000 Studierenden sollen überwacht worden sein. Die Studierenden wurden darüber bis heute nicht...Foto: Reuters

Um die Anwesenheit von Studierenden in Vorlesungen und Seminaren zu prüfen, hat die Universität Harvard versteckte Kameras eingesetzt. Studierende und Professoren wurden darüber nicht informiert. Der Einsatz der Kameras wurde erst Monate später – nämlich in der vergangenen Woche – bekannt, was erregte Diskussionen an der US-Elite-Universität auslöst. Auf dem Campus ist von „Orwell’schen“ Maßnahmen die Rede. Über den Vorfall berichtet die „New York Times“.

Die Unileitung spielt den Einsatz der Kameras herunter. Ihrer Darstellung zufolge sollten nicht einzelne Studierende sanktioniert werden. Es sollte im Rahmen einer Studie lediglich geprüft werden, ob es überhaupt stimmt, dass Vorlesungen immer leerer werden, je länger ein Semester andauert. Der Anlass für den Kameraeinsatz waren Beschwerden von Professoren, die sich über sinkende Anwesenheitsquoten im Laufe eines Semesters beklagt hatten.

Aufnahmen in zehn Kursen mit insgesamt 2000 Studierenden

Forscher der „Harvard Initiative for Learning and Teaching“ installierten daraufhin im Frühjahr die versteckten Kameras. Sie machten Aufnahmen in zehn verschiedenen Kursen mit insgesamt 2000 Studierenden. Die Aufnahmen bestätigten die Wahrnehmung der Professoren: Tatsächlich nahmen im Laufe der Zeit immer weniger Studierende an den Veranstaltungen teil. Laut Unileitung wurden die Fotos nach der Auswertung gelöscht. Es sei bei der Anwesenheit nur ein Gesamtbild erstellt worden, einzelne Studierende habe man dagegen nicht identifiziert.

Während selbst die Professoren der betroffenen Kurse vorher nicht informiert wurden, wusste zumindest die Unileitung in Person von Peter K. Bol Bescheid. Bol ist Vice Provost for Advances in Learning, was in etwa mit einem Vizepräsidenten für Lehre an einer deutschen Uni vergleichbar ist. Bol hatte das Vorgehen genehmigt und rechtfertigte es auch jetzt: Hätte man den Einsatz der Kameras vorher angekündigt, wären die Resultate verfälscht worden, argumentierte er.

Einzelne Dozenten wurden zur Unileitung zitiert

Bekannt wurde die Maßnahme offenbar, weil nach Abschluss der Auswertung einzelne Dozenten zur zentralen Universitätsverwaltung zitiert wurden, um die durch die Kameras festgehaltenen Anwesenheitsquoten in ihren Kursen zu diskutieren. So schildert es die Studierendenzeitung „Harvard Crimson“. Andere Professoren sprangen ihren Kollegen daraufhin zur Seite und kritisierten die Überwachung. Der Germanistik-Professor Peter J. Burgard etwa sprach von „Spionage“. Es sei zwar richtig, dass die Uni Kameras zur Überwachung der Sicherheit auf dem Campus installiere. Das Vorgehen jetzt sei aber „Orwell’scher Natur“. Der Informatik-Professor Harry Lewis sagte: „Nur weil man etwas technisch machen kann, muss man es nicht gleich in die Tat umsetzen.“ Professoren und Studierenden hätten informiert werden müssen.

2013 fahndete die Uni in E-Mail-Accounts nach Whistleblowern

Die betroffenen Studierenden wurden indes bis heute nicht benachrichtigt, dass sie von Kameras überwacht wurden. Über die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und von Datenschutzgrundsätzen durch die Universität debattierte Harvard bereits im vergangenen Jahr: Damals hatte die Universität heimlich E-Mail-Accounts von Wissenschaftlern und Verwaltungsmitarbeitern durchsucht. Die Uni fahndete damals nach Whistleblowern, die Informationen über eine Betrugsaffäre an der Uni an die Presse durchgestochen hatten. Nach einem Sturm der Entrüstung über die E-Mail-Durchsuchung hatte Harvard strenge Richtlinien zur Einhaltung der elektronischen Privatsphäre verabschiedet.

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben