Hauptschule : Schulbus ins Abseits

Viele Hauptschulen in Baden-Württemberg arbeiten vorbildlich. Ihre Rektoren geben sie dennoch verloren.

Frank van Bebber

Es ist diese Idylle, die dem baden-württembergischen Kultusminister Helmut Rau (CDU) zu schaffen macht. Vor dem Schulhaus in Ravensburg-Oberzell weiden zwei Kühe, dahinter Wiesen bis zum Horizont. Schulleiter Josef Hartmann findet kein Graffiti am Gebäude. Beim Rundgang entdeckt er schließlich ein paar Flecken auf einer weißen Wand: Sie stammen von Äpfeln, die an einem Baum auf dem Schulhof reifen, bis sie hinabfallen und zum Wurfgeschoss werden. Auf dem Flur kommt Hartmann einer der Hauptschüler entgegen. „Das ist ein ganz Gefährlicher“, sagt der Rektor. Doch er redet nicht über Intensivtäter, sondern von Torjägern. Der Junge hat den strammsten Schuss im Dorfverein.

Hier in Oberschwaben ist Baden-Württemberg so, wie es die regierende CDU am liebsten sieht: eine Welt aus dem Bilderbuch, konservativ und christdemokratisch. Doch im hübsch gelegenen Schulhaus sitzt Hartmann und stört das Bild. Der Rektor der Grund- und Hauptschule Oberzell, seit 27 Jahren Lehrer, forderte im Frühjahr mit 96 Kollegen das Aus für die Hauptschule und stattdessen eine integrative Schule über Klasse vier hinaus. Seither gilt Hartmann mit drei anderen Hauptautoren des Briefes als Rebell.

Minister Rau versucht vergeblich, die Debatte zu beenden. Müttern und Vätern von Hauptschülern riet er: „Liebe Eltern verkrampft euch nicht, eure Kinder haben eine Chance.“ Doch der schulpolitische Krampf will sich nicht lösen. In den Sommerferien waren es die Industrie- und Handelskammern, die seine Ideen für die Hauptschule als unzureichend bemängelten. Über 250 Schulleiter haben den Protest derweil unterschrieben. Die Liste der Unterstützer reicht von der linken Lehrergewerkschaft bis zum Disziplinverfechter Bernhard Bueb.

Sein idyllisches Epizentrum verschafft dem Protest Kraft: Nicht jene der 1200 Hauptschulen im Land haben sich zu Wort gemeldet, die in Ballungsräumen wie Stuttgart oder Mannheim als Problemschulen in Brennpunkten gelten. In Oberzell ist die Hauptschule heute so, wie die Problemschulen mit Mühe und Geld erst werden wollen. Die Klassen haben 13 bis 25 Schüler. Sprachprobleme gibt es nicht, nicht einer der 80 Hauptschüler hat einen ausländischen Pass. Zum Elternabend kommen 95 Prozent der Väter und Mütter. Im Werkraum stehen computergesteuerte Fräsen, an denen die Schüler für einen Beruf üben. In der achten Klasse gehen die Schüler zwölf Montage in Betriebe. Es gibt eine extra Sportstunde und Zusatzstunden in Mathematik, Deutsch und Englisch. In der fünften und sechsten Klasse lernt jeder Schüler ein Instrument in der sogenannten Bläserklasse, von Querflöte bis Tuba. Beim Dorffest reihen sich alle beim Festumzug ein. Und dennoch weiß Hartmann, dass auch in Oberzell jeden Morgen Eltern und Nachbarn beobachten, welches Kind in welchen Bus steigt. Der Gewinnerbus fährt nicht zu ihm, sondern zu Gymnasium, Real- und Privatschule in die Stadt. „Egal mit welchem Reformpaket wir kommen, die Akzeptanz wird nicht steigen“, sagt Hartmann.

Recht gibt ihm der emeritierte Tübinger Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann. „Hauptschulen und Hauptschüler können sich abstrampeln, wie sie wollen“, sagt er, „ihre Qualifikationen werden am Markt nicht oder kaum nachgefragt.“ 1990 wechselten noch fast 37 Prozent aller Grundschüler im Südwesten auf eine Hauptschule, heute sind es nur noch 29 Prozent – Tendenz fallend. „Das dreigliedrige System ist im Kern ungerecht“, sagt auch der Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung, Detlef Müller-Böling. Je früher sich Bildungswege entschieden, desto stärker fielen sozialer Status und Herkunft ins Gewicht.

Rektor Hartmann sagt, die Eltern wüssten um die eingeschränkten Chancen, die der Abschluss einer Hauptschule biete. Er und seine Kollegen wünschen sich ein Schulsystem, in dem die Schüler länger von- und miteinander lernen. Er nimmt den Besucher mit in eine Klasse der Grundschüler. Die Kinder haben Poster gebastelt und halten kleine Referate. Die Mädchen und Jungen ahnen nicht, dass bald der Kampf beginnt, wer in den Gewinnerbus einsteigen darf. „Hier lernen alle gemeinsam, warum soll das zwei Jahre später nicht mehr möglich sein“, fragt Hartmann, „wir wollen eine Schule für alle.“

Die Zeit der Selektion durch Noten in der dritten und vierten Klasse nennt Hartmann ein Martyrium. „Der Druck ist ungeheuer.“ Es wird für Zehnjährige um Zehntel gekämpft, gerade weil die Eltern sich kümmern. Rau und die CDU- Schulpolitiker verweisen dagegen auf die Durchlässigkeit eines Systems, das spätere Aufstiege zulasse. Auch bei Hartmann geht die Schullaufbahn für die Hälfte seiner Hauptschüler irgendwie weiter. Doch zeigt das Umsortieren, wie unzuverlässig die Schulempfehlung in Klasse vier ist.

Psychologen der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg analysierten 84 dritte Klassen. Ergebnis: Der schlechteste Schüler einer Klasse konnte besser sein als der beste einer anderen. Professoren der PH Weingarten sagen, Noten seien außerhalb einer Klasse nicht vergleichbar. Schüler mit gleicher Leistung landeten darum in unterschiedlichen Schultypen. Die Durchlässigkeit des Systems halten sie für eine Mär. Korrekturen erfolgten in drei Viertel der Fälle nach unten. „Das derzeitige dreigliedrige Schulsystem lässt sich heute weder theoretisch noch auf Grundlage der Forschung legitimieren“, erklären die Wissenschaftler. Sie sind für eine längere gemeinsame Schulzeit und verweisen auf Erkenntnisse, nach denen schwächere Schüler von stärkeren profitierten, ohne dass deren Fähigkeiten litten. Die Elternbeiräte im Südwesten wünschen sich eine Schule, „die Verschiedenheit respektiert“.

Rau aber lehnt das Aus für die Hauptschule ab: „Das wäre kein Befreiungsschlag. Wir können die Schulart abschaffen, aber nicht die Schüler, die sie brauchen.“ Zumindest für den konservativen Teil der Landes-CDU ist die Hauptschule eine ideologische Trutzburg gegen sozialistische Gesamtschulideen. Der Minister pumpt nun 26 Millionen Euro in ein Programm zur Stärkung der Hauptschule. Pädagogische Assistenten sollen Lehrer an Schulen mit besonderen Herausforderungen unterstützen. Es sind mehr Praxisbezüge geplant, Kompetenzanalysen für Schüler und zusätzlicher Unterricht. Rektor Hartmann aber glaubt nicht mehr an solche Reformen. Schon zu viele davon hat er Jahr für Jahr umgesetzt. Der Gewinnerbus fährt in Oberzell dennoch jeden Morgen in die andere Richtung.

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