Wissen : Hauptschulen demotivieren Jugendliche

Das negative Image beeinflusst die Leistungen und somit auch die Chancen auf einen guten Abschluss

Aliki Nassoufis

Hauptschulen haben einen extrem schlechten Ruf. Ihre Schüler seien dumm, faul und teilweise sogar aggressiv, lautet das weit verbreitete Vorurteil in der Gesellschaft. Jugendliche wie Erwachsene fühlen sich dabei durch Meldungen wie der Berliner Rütli-Schule bestätigt, an der die ausgelaugten Lehrer vor rund zwei Jahren mit einem Hilfe-Brief an den Bildungssenator bundesweit für Aufsehen gesorgt haben. Doch sind die Schülerinnen und Schüler tatsächlich selbst Schuld an diesem schlechten Image? Sind die Hauptschulen wirklich die einzig richtige Schulform für diese Jugendlichen?

„Nein“, sagt der Psychologe Michel Knigge. In einer neuen Studie an der Freien Universität Berlin fand er nämlich erstmals heraus, dass das negative Gesellschaftsbild die Hauptschüler deutlich demotiviert – und zu Schulschwänzen und schlechteren Leistungen führt. „Der Stempel, Mitglied einer ,Restschule‘ zu sein, kann in vieler denkbarer Hinsicht das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit erschüttern“, erklärt Knigge. Ein Teufelkreis also, aus dem die Mädchen und Jungen kaum mehr herausfinden.

Hauptschulen sind wissenschaftlich zwar gründlich erforscht. Bislang konzentrierten sich die Studien zur Identitätsentwicklung jedoch mehr auf die positiven Auswirkungen dieser Schulform. Der Fischteich Effekt beispielsweise beschreibt die Tatsache, dass sich Menschen innerhalb der eigenen Bezugsgruppe – also dem Fischteich vergleichen. Weil Jugendliche sich daher an ihren Schulen untereinander messen, fühlen sich einige Hauptschüler durchaus begabter als andere. Wären sie dagegen an einem Gymnasium, müssten sie sich alle ihre schlechteren Leistungen eingestehen und wären kollektiv frustriert. Für Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems waren Ergebnisse wie dieses wichtige Argumente zum Erhalt der Hauptschule.

„Das kann nicht alles sein, da fehlt noch etwas“, dachte sich Knigge jedoch. Als er 1996 studentischer Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde, ließ ihn diese Frage nicht los. „Diese Ergebnisse sind nicht anzuzweifeln, aber ich glaubte, dass die Schüler die negative Sichtweise spüren und dass das einen Effekt auf sie haben muss.“

Er sollte Recht behalten: Nach dem Psychologiestudium an der Technischen Universität wechselte er für seine Dissertation an die Freie Universität. In Vorstudien fand er wie erwartet heraus, dass Hauptschulen ein schlechtes Image haben und den Jugendlichen dieses auch bewusst ist. Ein Schüler schrieb sogar zu der Frage „Was denken die Leute noch über Hauptschüler?“: „Irgendwelche Hirnamputierten, die nichts zustande bringen.“

Das war der Ausgangspunkt für Knigges Hauptstudie. Er befragte schließlich knapp 1300 Berliner Schülerinnen und Schüler von zwei Gymnasien und 15 Hauptschulen aus den Klassen sieben und neun. Seine Ergebnisse waren eindeutig: Je stärker die Jugendlichen sich des Hauptschul-Stigmas bewusst sind, desto geringer ist ihre Motivation, überhaupt etwas für die Schule zu tun. „Wenn man etwas für sich als unbedeutend ansieht, sich also nicht mehr anstrengt, dann kann einem ein negatives Urteil dieses Bereichs nicht mehr so viel anhaben“, erklärt Knigge. Besonders dramatisch ist dabei, dass dieses Denken schon bald nach dem ersten Tag an der Hauptschule einsetzt – und sich mit den Jahren weiter verstärkt. Knigges Ergebnissen zufolge war dieses negative Image den Schülern der neunten Klasse stärker bewusst als denen aus den siebten Klassen. Diese Wahrnehmung führt zu einer Spirale, in der die Leistungen nachlassen und die Chancen auf gute Abschlüsse sinken.

Für den Psychologen gibt es deswegen nur zwei Möglichkeiten. Entweder muss der Ruf der Hauptschulen verbessert werden, denn dann könnten die Hauptschüler wieder mehr an sich glauben. Dies erscheint allerdings als sehr unwahrscheinlich, können doch Vorurteile nur schwer beseitigt werden. Daher sieht Knigge nur eine Alternative: Man muss möglicherweise die Hauptschulen abschaffen. Ihm ist klar, dass er damit aktuelle Diskussionen anheizt, in denen einige Politiker Ähnliches fordern. Ein Denken in starren Parteizugehörigkeiten ist jedoch nicht Knigges Ziel, er gibt sich trotz seiner brisanten Ergebnisse zurückhaltend. „Man darf nicht zu vorschnell reagieren und muss alle Effekte der Hauptschule vergleichen, die positiven wie die negativen – erst dann sollten endgültige Entscheidungen getroffen werden.“

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