Heilen mit Licht : Laserstrahl und Chlorophyll zersetzen Prostatakrebs

Therapie aus dem Meer: Ein neuartiges Verfahren ermöglicht die schonende Behandlung von Prostatakrebs im Frühstadium.

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Verborgen. Die von Nervenbahnen durchzogene Prostata liegt unter der Harnblase. Eine Entfernung der Drüse hat oft Impotenz oder Inkontinenz zur Folge. Foto: imago/Science Photo Library
Verborgen. Die von Nervenbahnen durchzogene Prostata liegt unter der Harnblase. Eine Entfernung der Drüse hat oft Impotenz oder...Foto: imago/Science Photo Library

Ein besonderes Problem bei Prostatakrebs ist die Behandlung von Geschwülsten, die als wenig bösartig eingestuft werden. Hier befindet sich die Therapie in einer Grauzone. Es kann sinnvoll sein, abzuwarten und das weitere Wachstum zu beobachten. So erspart man dem Patienten die Operation oder Strahlenbehandlung mit deren Risiken Impotenz und Inkontinenz. Andererseits entwickelt sich möglicherweise aus dem „Haustierkrebs“ doch ein „Raubtierkrebs“. Eine mögliche Alternative in diesen Fällen könnte künftig die „photodynamische Therapie“ sein, wie eine europäische Studie mit der Substanz Padeliporfin zeigt. Sie kann den Krebs in der kastaniengroßen Drüse zum Verschwinden bringen und den Patienten eine OP oder Strahlentherapie ersparen.

Padeliporfin ist eine der Natur entlehnte Substanz, sie gleicht weitgehend einem in Meeresbakterien gefundenen Chlorophyll. Das Bakterium lebt in fast vollständiger Dunkelheit auf dem Meeresboden. Wird sein Chlorophyll einer starken Lichtquelle wie einem Laserstrahl ausgesetzt, dann bildet es Radikale, giftige Sauerstoffverbindungen.

Sauerstoffradikale attackieren die Krebszellen

Diese Eigenschaft liegt der photodynamischen Therapie zugrunde. Zunächst werden die Tumorherde in der Prostata mit Glasfasersonden „gespickt“. Dann wird Padeliporfin in die Vene gespritzt. Einige Minuten später hat sich die Substanz im Körper verteilt. Wird dann das Laserlicht in die Prostata geschickt, aktiviert es das im Gewebe angereicherte Chlorophyll. In der Folge zerstören Sauerstoffradikale den Tumor. Das gelingt nicht immer perfekt, aber in vielen Fällen, wie die im Fachblatt „Lancet Oncology“ online veröffentlichte Studie zeigt.

Mark Emberton vom University College London und sein Team in zehn europäischen Ländern behandelten 413 Männer mit Niedrigrisiko-Prostatakrebs. In der nach dem Pathologen Gleason benannten Gefahreneinstufung lagen sie bei Grad drei (Grad eins: ungefährlich, Grad fünf: hochgefährlich). Die eine Hälfte der Patienten wurde photodynamisch behandelt, die andere überwacht.

Nach zwei Jahren wurde Bilanz gezogen. In der Lichttherapie-Gruppe war bei jedem Zweiten kein Tumor mehr nachweisbar, in der unbehandelten war dies nur bei rund jedem Siebten (13,5 Prozent) der Fall. Lediglich bei sechs Prozent der Behandelten war eine radikale Therapie wie eine Entfernung der Prostata erforderlich. Bei den Überwachten lag diese Rate bei 30 Prozent.

Das Risiko einer höheren Gefahreneinstufung war zudem um das Dreifache geringer, wenn die Patienten die Lichttherapie bekommen hatten; der durchschnittliche Zeitraum bis zu dieser Risikoerhöhung verdoppelte sich von 14 auf 28 Monate. Nebenwirkungen wie Schwierigkeiten beim Wasserlassen und Erektionsprobleme waren vorübergehend und nach drei Monaten verschwunden.

Eine echte Alternative - oder eine Therapie ohne Patienten?

„Diese Ergebnisse sind eine willkommene Neuigkeit für Männer mit Prostatakrebs im Frühstadium. Die Behandlung vernichtet Krebszellen, ohne dass es nötig wäre, die Prostata zu entfernen oder zu zerstören“, kommentierte der Studienleiter Emberton laut einer Pressemitteilung. „Das ist ein großer Schritt für die Behandlung von Prostatakrebs, die Jahrzehnte hinter der von anderen soliden Tumoren wie Brustkrebs hinterherhinkt. 1975 wurde fast jeder Frau mit Brustkrebs die Brust entfernt, seitdem wurde die Therapie verfeinert, und heute müssen wir sie nur selten herausnehmen. Bei Prostatakrebs entfernen oder bestrahlen wir noch immer das ganze Organ, umso erfreulicher ist die Neuigkeit, dass wir nun das Gewebe schonen können.“

Nicht alle Fachleute teilen Embertons Euphorie. In einem Kommentar verleiht Stephen Freedland vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles seiner Skepsis Ausdruck. Das Verfahren sei „geringfügig effektiv bei Prostatakrebs, zumindest nach zwei Jahren“. Freedland sieht keine echten Vorteile. Wer ein sehr niedriges Risiko habe, dem helfe die Lichttherapie nicht, wer ein höheres besitze, der sei mit der herkömmlichen Radikalkur besser bedient. Die Methode führe also zur Überbehandlung ungefährlicher Tumoren wie zur Unterbehandlung aggressiver Wucherungen. Doch werde es sicher eines Tages eine Patientengruppe geben, für die die photodynamische Therapie maßgeschneidert sei, schließt Freedland sarkastisch. Noch ist Zeit dafür, denn bis zu einer Zulassung werden noch Jahre vergehen.

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