Heilmittel : Imatinib könnte Leukämie-Art heilen

Der Leukämie-Wirkstoff Imatinib unterdrückt Blutkrebs. Jetzt zeigt sich: Er könnte ihn sogar heilen.

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Erfolgsprodukt. Das Imatinib-Präparat Glivec kam schon 2001 auf den Markt. Foto: ddp
Erfolgsprodukt. Das Imatinib-Präparat Glivec kam schon 2001 auf den Markt. Foto: ddpFoto: ddp

„Es gibt neue Munition im Krieg gegen Krebs. Und das hier sind die Kugeln.“ Das Foto unter dem martialischen Schriftzug auf dem Titelbild des US-Nachrichtenmagazins „Time“ vom 28. Mai 2001 zeigte einige längliche gelbe Tabletten mit dem Wirkstoff Imatinib. Im gleichen Monat war Imatinib von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen worden, eine Krebstherapie neuen Typs: Imatinib wirkt zielgerichtet und hochwirksam gegen eine bestimmte Art von Blutkrebs, die chronisch-myeloische Leukämie. Nun gibt es Hinweise darauf, dass der Wirkstoff Blutkrebs nicht nur unterdrücken, sondern auch heilen kann.

Leukämien, bei denen der Krebs im blutbildenden System entsteht, sind lebensbedrohlich. Das gilt auch für die chronisch-myeloische Leukämie (CML), die etwa ein Fünftel aller Erkrankungen ausmacht und im mittleren Erwachsenenalter auftritt. Vor acht Jahren gab es für die Betroffenen eine gute Nachricht: Imatinib, ein damals noch neuer Hemmstoff für ein Protein, das bei der CML aus dem Ruder läuft, schnitt in einer Studie so gut ab, dass er seitdem als Standard der Behandlung gilt. Heute, acht Jahre nach Beginn der Untersuchung, leben noch 85 Prozent der Behandelten. Der Preis dafür: Sie nehmen das teure und nicht ganz nebenwirkungsfreie Imatinib-Präparat Glivec oder eines der neueren Mittel mit dem gleichen Wirkmechanismus seit Jahren weiter – ohne Aussicht, es eines Tages absetzen zu können.

Nun könnte es für einige von ihnen eine zweite gute Nachricht geben: Vor wenigen Tagen wurden im Fachjournal „Lancet Oncology“ online die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, in die Daten aus 19 französischen Kliniken eingeflossen sind. Die Krebsmediziner unter Leitung von Francois-Xavier Mahon von der Universitätsklinik in Bordeaux hatten sich bei einer Minderheit von CML-Patienten getraut, das Mittel ganz abzusetzen – natürlich unter enger Kontrolle.

Alle diese 69 Patienten hatten Imatinib zuvor mindestens zwei Jahre lang täglich eingenommen. Bei ihnen konnte nun auch mit sensiblen molekulargenetischen Methoden das krank machende veränderte Eiweiß namens brc-abl nicht mehr nachgewiesen werden, unter dessen Regie im Knochenmark der Betroffenen ungehemmt weiße Blutkörperchen gebildet werden.

Das bcr-abl-Eiweiß gehört zu den Tyrosinkinasen, die als Schaltstellen in den Zellen dienen. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, Signale von außerhalb aufzunehmen und in den Zellkern weiterzuleiten. Geraten sie außer Rand und Band, dann teilen sich Zellen zu häufig und werden „unsterblich“. Ursache für das Entstehen des brc-abl-Eiweißes ist eine Verschmelzung von Teilen des Chromosoms 9 mit Chromosom 22 zum „Philadelphia-Chromosom“, das bei mindestens 95 Prozent der Erkrankten nachgewiesen werden kann. Tyrosinkinasehemmer wie Imatinib fungieren als Bremse für die überaktiven Proteine.

Für die französischen Mediziner war es eine freudige Überraschung, dass 41 Prozent der Studienteilnehmer auch nach einem Jahr ohne die Medikamente in den Tests „clean“ blieben, 38 Prozent sogar zwei Jahre. Nun besteht Hoffnung, dass einige von ihnen dauerhaft geheilt sind, was bei der CML bisher allenfalls nach strapaziösen Transplantationen von Spender-Stammzellen erreichbar schien. „Eine sehr mutige Studie, deren Ergebnisse einen Hoffnungsschimmer für unsere Patienten beinhalten“, urteilt der Krebsspezialist Nikolas von Bubnoff, der sich im Münchner Klinikum rechts der Isar wissenschaftlich mit der Entstehung von Leukämien beschäftigt.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Nicht bei allen CML-Patienten wirken die neuen Mittel. Bei einigen verändern sich die Proteine im Lauf der Behandlung so, dass die Krebszellen gegen die Medikamente unempfindlich werden. Und nicht alle, bei denen sie wirken, können hoffen, die Mittel nur für begrenzte Zeit nehmen zu müssen. Nur bei etwa zehn Prozent gelingt es, die krank machenden Vorläuferzellen so zurückzudrängen, dass sie selbst mit feinsten Methoden nicht mehr aufgespürt werden können. „In weiteren Studien muss nun geklärt werden, bei welchen Patienten wir die Einnahme ohne Risiko unterbrechen und vielleicht dauerhaft beenden können“, sagt Bubnoff.

Auch die Frage, ob die Studienteilnehmer aus Frankreich nun wirklich geheilt sind oder ob sie Rückfälle zu befürchten haben, ist nach zwei Jahren noch nicht geklärt. „Hinter das Wort Heilung würde ich noch ein dickes Fragezeichen setzen“, sagt Bubnoff. Außerdem ist noch völlig offen, ob auch die neueren Substanzen Nilotinib und Dasatinib, die Imatinib inzwischen Konkurrenz machen, im günstigen Fall eventuell nur zeitlich begrenzt genommen werden müssen. Obwohl es kaum schwere Nebenwirkungen gibt, leiden viele Betroffene unter Müdigkeit, Magen-Darm-Problemen oder Muskelbeschwerden. Trotzdem rät Bubnoff strikt von Absetzversuchen ab. „Außerhalb von Studien, in denen die Blutwerte eng kontrolliert werden, ist das gefährlich.“ In fünf bis zehn Jahren könnte das seiner Ansicht nach aber schon anders aussehen.

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