Heinz-Elmar Tenorth : Volkserzieher von der Uni

Heinz-Elmar Tenorth, Professor für historische Erziehungswissenschaften, schildert in seiner Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Uni Wege und Irrwege der Pädagogik. 200 Ehrengäste verabschiedeten Tenorth mit stehenden Ovationen.

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Heinz-Elmar Tenorth. Foto: Promo
Heinz-Elmar Tenorth.Foto: Promo

Wilhelm von Humboldt hat das vorurteilsfreie Streben nach Wahrheit, das grenzenlose Suchen nach Wissen und die Bildung des Charakters bis hin zur Urteilsfähigkeit in den Mittelpunkt der 1810 gegründeten Berliner Universität gerückt. Von dem Theologen Friedrich Schleiermacher sind umfangreiche pädagogische Schriften überliefert. Doch die Pädagogik hatte im 19. Jahrhundert so gut wie keine Zuhörer, während Vorlesungen über die Fechtkunst in jedem Semester ein großes Echo bei den Studenten fanden. Pädagogik war lange keine selbstständige Disziplin. Künftige Lehrer wurden in Philosophie, Mathematik oder Germanistik geprüft, aber nicht in Erziehungswissenschaften.

Die Aufwertung der Pädagogik zu einer selbstständigen Wissenschaft an den Universitäten war schließlich eine Begleiterscheinung des Ersten Weltkriegs. Diese Pointe aus der Geschichte seines Fachs ist der Abschiedsvorlesung Heinz-Elmar Tenorths, Professor für historische Erziehungswissenschaften, zu verdanken. Die oberste Heeresleitung hatte sich 1917 Sorgen über die laxe Sexualmoral der deutschen Soldaten im besetzten Belgien gemacht. Außerdem plagten die Heeresleitung Ängste, dass die Sozialdemokraten in Deutschland an die Macht kommen könnten. Nach einer Konferenz im preußischen Kultusministerium im Jahr 1917 wurden pädagogische Lehrstühle an den deutschen Universitäten eingerichtet.

Der Pädagogik wurde die Aufgabe zugewiesen, für eine gesamtgesellschaftliche „Kulturreinheit“ zu sorgen. Von der Universität sollten Volkserzieher und Volksführer kommen. Mit dem Abwehrgedanken gegen die Sozialdemokraten wies man der Pädagogik im Friedenszeiten dieselbe Rolle zu wie dem Generalstab im Krieg. So ironisch hat es jedenfalls der Philosoph und Erziehungswissenschaftler Eduard Spranger formuliert.

Tenorth bezeichnete diese Aufwertung als aberwitzig. Der Tiefpunkt dieser Entwicklung sei die Tätigkeit des Starpädagogen der Nationalsozialisten, Alfred Baeumler, als Ordinarius an der Friedrich-Wilhelms-Universität gewesen.

Auch in der DDR seien die Erwartungen an die Ausbildung der Lehrer mit politischen Zielen überfrachtet worden. Die Absolventen sollten ideologisch erzieherisch tätig sein. Selbst in der Bundesrepublik sei die Pädagogik zunächst für die Einheit und Kultur der Nation in Anspruch genommen worden, sagte Tenorth. Erst nach den 1960er Jahren hätten sich die Erziehungswissenschaften zu forschenden Sozialwissenschaften entwickelt und die Hinwendung zur Empirie der Schulwirklichkeit vollzogen.

200 Ehrengäste verabschiedeten Tenorth mit stehenden Ovationen. HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz erklärte, die Universität verdanke Tenorth Konzepte für die Reform der Lehrerbildung, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master und kritische Dialoge mit der Politik. Zusammen mit Rüdiger vom Bruch ist Tenorth die Herausgabe der sechsbändigen Universitätsgeschichte anvertraut worden.

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