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Herzinfarkt : Verkannte Lebensgefahr

25.11.2008 00:00 UhrVon Hartmut Wewetzer

Nach Luft schnappen bei Herzstillstand wird oft als normales Atmen fehlgedeutet. Die Schnappatmung tritt bei bei mehr als der Hälfte der Fälle nach einem plötzlichen Herzstillstand auf.

Es kann überall passieren: im Supermarkt, auf der Straße, im Kino oder in der U-Bahn. Plötzlich und völlig unerwartet sackt ein Mensch zusammen - Herzstillstand! Nicht selten erkennen Zeugen das Problem nicht, weil die Person noch zu atmen scheint. Sie schnappt nach Luft, gurgelt, röchelt, stöhnt, gibt unregelmäßige Schnarchlaute von sich. In Wahrheit besteht höchste Lebensgefahr, denn das vermeintliche Atmen ist ein Überlebensreflex des Gehirns, das um Sauerstoff ringt. Die Schnappatmung tritt in mehr als der Hälfte der Fälle nach einem plötzlichen Herzstillstand auf.

In dieser Situation sollte nach Benachrichtigung der Feuerwehr (Notruf 112) sofort mit der ununterbrochenen Herzdruckmassage begonnen werden.

Sie muss so lange erfolgen, bis Rettungskräfte eintreffen. Das ergab eine Studie der Universität von Arizona, die online im Fachblatt "Circulation" veröffentlicht wurde.

"Schnappatmung ist ein Zeichen dafür, dass das Gehirn noch am Leben ist", sagt der Herzspezialist Gordon Ewy, Mitarbeiter der Studie. "Sie sagt Ihnen: Wenn Sie sofort mit der Herzdruckmassage beginnen und ununterbrochen damit fortfahren, hat die Person eine hohe Chance zu überleben." Wie aus der Studie hervorgeht, betrug die Überlebenschance der "Schnapper" bei einer Wiederbelebung durch Laien fast 40 Prozent. Ohne Schnappatmung überlebten weniger als zehn Prozent.

Auf Mund-zu-Mund-Beatmung kann nach Ansicht von US-Experten verzichtet werden

"Viele Angehörige sagen später ,Aber er hat doch noch geatmet' und haben deshalb nichts unternommen", berichtet Dietrich Andresen, Herzspezialist am Berliner Vivantes-Klinikum Am Urban. "Eine folgenschwere Fehleinschätzung."

Und was ist mit der in Deutschland immer noch gelehrten Mund-zu-Mund-Beatmung? Gordon Ewy rät ab. Sie sei unnötig und unter Umständen sogar schädlich. "Wenn der Patient nach Luft schnappt, erzeugt er negativen Druck in seinem Brustkorb", erläutert der Mediziner. Dies sauge Sauerstoff in die Lungen. Im Gegensatz dazu "erzeugt die Mund-zu-Mund-Beatmung einen Überdruck im Brustkorb", sagt Ewy. "Schnappatmung bei Herzstillstand ist viel besser als Mund-zu-Mund-Beatmung."

Jedes Jahr erleiden in Deutschland etwa 80.000 Menschen einen plötzlichen Herztod. Nur in 30 Prozent der Fälle von Herzstillstand ergreifen Zeugen lebensrettende Erste-Hilfe-Maßnahmen. In den USA führte das zu einem Umdenken. Im März veröffentlichte die American Heart Association eine Richtlinie, in der der Herzdruckmassage bei einem Herzstillstand absoluter Vorrang gegeben wurde.

Auf die Mund-zu-Mund-Beatmung kann dagegen nach Ansicht der US-Experten weitgehend verzichtet werden. Viele Menschen ekeln sich vor ihr, und sie ist für Laien nicht einfach zu praktizieren. Zudem geht, während man sie anwendet, der Herzdruckmassage wertvolle Zeit verloren.

Kinder sollten in jedem Fall eine Atemspende bekommen

Während die Wirkung der Beatmung durch Laien nicht belegt oder schädlich ist, ist der Sinn der Herzdruckmassage unstrittig. Durch diese Maßnahme wird Blut in den Kreislauf und vor allem in das Gehirn gedrückt. Zumindest für einige Minuten enthält das Blut noch genügend Sauerstoff, um das Gehirn zu versorgen.

So weit wie die Amerikaner gehen die europäischen Notfallexperten des European Resuscitation Council bislang nicht. Aber eine Herzdruckmassage sei besser als nichts, schreiben sie in einer Erwiderung auf die US-Richtlinie.

Es gibt seltene Fälle, in denen die Beatmung noch immer unerlässlich ist. Meist dann, wenn der Herzstillstand Folge von Atemproblemen ist - bei einem schweren Asthmaanfall, bei Drogenvergiftung oder nach Ertrinken. Kinder sollen ebenfalls in jedem Fall eine Atemspende bekommen. Auch mit Verschlucken darf die Schnappatmung nicht verwechselt werden. Der Unterschied: Wer etwas verschluckt hat, ist bei Bewusstsein. Hartmut Wewetzer

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