Hetzers Nachfolger : Volkmar Falk ist der neue Chef des Deutschen Herzzentrums Berlin

Gerüchte gab es schon lange, nun steht es fest: Der neue Chef des Deutschen Herzzentrums heißt Volkmar Falk, im Oktober fängt er an. Im Interview erzählt der Mediziner, was er am Herzzentrum anders machen möchte.

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Herzoperation
Risikoreich. Wenn das Herz repariert werden muss, wird meist der Brustkorb geöffnet. Doch manchmal geht es auch anders.Foto: picture alliance / dpa

Sie wechseln nach Berlin, um Roland Hetzer abzulösen. Was reizt Sie an der Stelle?

Das Deutsche Herzzentrum Berlin gehört zu den einflussreichsten Herzkliniken Europas. Für einige Schwerkranke, die anderswo nicht behandelt werden konnten, ist es die letzte Hoffnung. Dieses Zentrum weiterzuentwickeln, ist für mich eine Herausforderung.

Es geht nicht darum, alles anders zu machen. Roland Hetzer ist ein Gigant der Herzchirurgie, er hat vor allem bei der Transplantation und den mechanischen Kreislaufassistenzsystemen – also Kunstherzen – Pionierarbeit geleistet. Das sind große Schuhe, die vor der Tür stehen. Ich hoffe, dass ich sie ausfüllen kann und wir damit in eine gute Zukunft laufen werden.

Kommen Mitarbeiter aus Zürich mit?

Ja, aber in Zürich setzt kein Exodus ein. Ich suche Kontinuität, will aber auch eigene Akzente setzen. Das ist klar.

Zum Beispiel?

Ich kann das Methodenspektrum um die Schlüsselloch-Chirurgie ergänzen, die traditionell in Berlin nicht so etabliert war. Ein Beispiel ist die minimalinvasive Mitralklappenrekonstruktion unter endoskopischer Sicht. Statt den Brustkorb zu öffnen, können bei Hochrisiko-Patienten und bei älteren Patienten mit einer Herzschwäche Kathetersysteme eingeführt werden, um die Funktion der Klappe wiederherzustellen. Hier entwickeln wir derzeit ganz neue Systeme, die die Behandlung der Klappenerkrankungen in Zukunft verändern werden.

Warum fasziniert Sie das Herz?

Als junger Arzt bin ich nach Göttingen gegangen und hatte an der Uniklinik einen charismatischen Chef. Wer sich einmal mit der Herzchirurgie beschäftigt, den fesselt sie. Es ist das zentrale Organ, die Operationen sind für die Patienten emotional belastend. Es gibt so viele ungelöste Probleme.

Welche interessieren Sie besonders?

Die Liste ist lang. Eine Frage ist, wie man das Herz am besten während der Operation schützt. Bei Transplantationen müssen wir die Abstoßung besser in den Griff bekommen. Bei den Kunstherzen sind die Kabel ein Problem, die es steuern und mit Energie versorgen – sie sind eine ständige Infektionsquelle. Eines unserer Ziele ist es, auf Kabel durch die Haut zu verzichten und die Induktion elektrischer Energie zu nutzen. Die neue Batterietechnik aus der Automobilindustrie hilft dabei. Durch sie kann man jetzt ausreichend Energie speichern, um ein Kunstherz anzutreiben.

In Zürich arbeiten sie eng mit der ETH zusammen. Worum geht dabei?

Wir konzeptionieren das Kunstherz neu. Das fängt mit den Oberflächen an: Blut gerinnt, sobald es Fremdkörper wie das Kunstherz berührt. Deshalb brauchen die Patienten Blutverdünner, dadurch kommt es oft zu Komplikationen. Statt der Metallteile wollen wir flexible Membranen verwenden, die mit körpereigenen Zellen besiedelt sind. Außerdem wollen wir einen Antrieb finden, der die mechanische Pumpe ersetzt. Es soll eine weiche Maschine werden. Das ist ambitionierte Grundlagenforschung.

Volkmar Falk, der neue Chef des Deutschen Herzzentrums Berlin.
Nachfolger. Volkmar Falk (49) leitet das Herzzentrum der Uni Zürich. Er hat in Bonn Medizin studiert und in London, Paris und...Foto: Universität Zürich

Sind andere Projekte schon weiter?

Ja, in der bildgestützten Therapie. Wir möchten zum Beispiel den kathetergestützten Ersatz der Aortenklappen vorher am Computer simulieren und sehen, wie die Implantate beim jeweiligen Patienten ihre Umgebung verändern. So kann man besser entscheiden, welches Verfahren für wen geeignet ist und Komplikationen vorhersagen. Technisch haben wir das gut gelöst, es können bald klinische Studien beginnen. Das werden wir sicher in Berlin weiterführen.

Und regenerative Methoden?

Dazu gibt es am Deutschen Herzzentrum Berlin bereits einiges. Wir werden zusätzlich eine Gruppe gründen, die Herzklappen aus körpereigenen Zellen herstellt. Ein Thema ist auch, wie man Herzmuskelgewebe regenerieren kann. Die Zahl der Patienten mit Herzinsuffizienz steigt, wir können sie aber nicht heilen. Möglicherweise können Stammzellen helfen. Es reicht aber nicht, die Zellen zu injizieren. Dann verschwinden sie einfach wieder. Wir hoffen, dass Zellverbände – Patches – das Problem besser lösen. Es gibt noch eine Menge zu erforschen!

Sie kooperieren weiter mit Zürich?

Forschung ist international. Aber natürlich wird es in Berlin neue Projekte geben. Ich habe mich mit Robotik beschäftigt und weiß, dass es an der TU interessante Arbeiten dazu gibt. Das würde ich mit gern in Ruhe anschauen.

Sie haben unter anderem in Stanford zur Robotik geforscht.

Ja, als „Mann der ersten Stunde“ bin ich trotzdem kein „Roboterchirurg“. Damals war das alles neu und die Euphorie groß. Aber die Technologie hatte für die Patienten nicht den erwünschten Nutzen. Für den sehr beschränkten Platz zwischen Herz und Thoraxwand war die Beweglichkeit der endoskopischen Instrumente noch nicht ausreichend. Die Präzision fehlte, wenn sich das Herz noch etwas bewegt. Die nüchterne Bewertung unserer Studien hat damals gezeigt: Die Roboter-Technologie war noch nicht ausgereift. Das Feld hat sich allerdings seitdem rasant entwickelt, man muss den technologischen Fortschritt jetzt wieder neu bewerten.

Mit Ihnen an der Spitze des Herzzentrums sollen sich auch die Strukturen ändern.

Die Charité und das Deutsche Herzzentrum Berlin arbeiten schon lange zusammen, nun sollen sie sich weiter annähern. Das ist mit meiner Berufung auch personell festgeschrieben: Ich übernehme gleichzeitig die Nachfolge von Wolfgang Konertz an der Klinik für Kardiovaskuläre Chirurgie der Charité. Beide Herzchirurgien sollen künftig institutionell gemeinsame Strukturen schaffen. Das ist nicht einfach, das Herzzentrum ist eine Stiftung, die Charité eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Die Häuser haben unterschiedliche Philosophien. Wir werden versuchen, die Kooperation zwischen Kardiologie und Herzchirurgie in festen Behandlungsteams interdisziplinär zu verankern.

Woher soll das Geld für die Forschung kommen? Berlin ist notorisch klamm.
Da muss nicht immer die Stadt, das Land, der Staat einspringen. Was in Zürich bemerkenswert gut klappt, ist die Zusammenarbeit mit Stiftungen. Es gibt auch in Deutschland genug einkommensstarke Bürger, die Geld für die Forschung bereitstellen könnten statt einen Fußballverein zu unterstützen. Das ist eine Mentalitätsfrage. Wer etwas spenden kann, sollte sich fragen: Wo ist mein Geld am besten aufgehoben?

Die Charité und auch das Herzzentrum kamen Ende 2012 durch einen Keimausbruch in die Schlagzeilen. Damals fiel immer wieder das Schlagwort Fehlerkultur.
Solche Ausbrüche können in jeder Klinik passieren, multiresistente Keime sind ein globales Problem. Aber man sollte mit Infektionsraten und Fehlern transparent umgehen und alles versuchen, damit sich die Ergebnisse verbessern. Außerdem darf der einzelne Mitarbeiter keine Angst haben. Im ärztlichen Beruf passieren Fehler, wir sind alle nur Menschen. Wichtig ist, dass sie sich nicht wiederholen und man daraus lernt. Das ist die Philosophie, der ich folge.

Sie sind im Laufe Ihrer Karriere oft umgezogen. Wollen Sie in Berlin bleiben?

Ja! Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, es gibt überall unterschiedliche Philosophien. Aber jetzt möchte ich bleiben. Das soll nicht heißen, dass Berlin ein Ruhestandsmodell ist. Im Gegenteil: Es ist ein Energieschub. Ich freue mich darauf, etwas Neues anzupacken und ich freue mich auf Berlin.

- Die Fragen stellte Jana Schlütter

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