Hilfreicher Tratsch : Der ist echt nicht fair!

Schon Vorschulkinder können Altersgenossen vor unfairen Mitspielern warnen. Und zwar hinter deren Rücken.

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Du, hör mal zu! Tratschen muss nichts Schlechtes sein. Es werden Informationen weitergegeben, die einem helfen, sich auf die jeweilige Person einzustellen.
Du, hör mal zu! Tratschen muss nichts Schlechtes sein. Es werden Informationen weitergegeben, die einem helfen, sich auf die...Foto: mauritius images

Hast du schon gehört, dass …? Gestern habe ich erfahren, dass … Findest du nicht auch, dass …? So beginnen Geschichten über vermutete Trennungen, kürzlich eingetretene Schwangerschaften und peinliche gesellschaftliche Entgleisungen unter Alkoholeinfluss. Kein Wunder, dass Klatsch und Tratsch unter seriösen Zeitgenossen keinen sonderlich guten Ruf genießen. Der Entwicklungspsychologe Jan Engelmann vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig betrachtet sie unter einem milderen Licht. Er bezeichnet seinen Forschungsgegenstand deshalb der Genauigkeit halber als „prosozialen Klatsch“. Meint: Die Weitergabe von Insiderinformationen, die für andere nützlich sein können. „In einer Gesellschaft, in der unmöglich jeder jeden kennen kann, sind wir auf diese Art von Informationen angewiesen.“ Zum Beispiel bei der Wahl geeigneter Kooperationspartner.

Ende der 90er Jahre machte der britische Anthropologe Robin Dunbar mit der These Furore, das Bedürfnis zum Klatschen und Tratschen über andere Gruppenmitglieder sei der eigentliche Grund dafür, dass der Mensch zur Sprache fand – und damit ein wirkungsvolleres Mittel hatte, um sozialen Zusammenhalt herzustellen, als etwa die Affen mit dem gegenseitigen Kraulen und Lausen. Bisher wurde allerdings nie untersucht, wie früh in seinem Lebenslauf Homo sapiens mit dieser speziellen Form der sprachlichen Kommunikation beginnt. Zusammen mit seinen Kollegen Esther Herrmann und Michael Tomasello hat Engelmann das nun nachgeholt und festgestellt, dass schon Vorschulkinder den „prosozialen Klatsch“ beherrschen.

Ein Gespräch unter vier Augen

Für ihre Studie, die im „British Journal of Developmental Psychology“ erschienen ist, haben die Forscher eine raffinierte Spiel-Situationen ersonnen: Drei- und fünfjährige Kinder sollten über ein Rohrsystem Spielsteine mit hinter einer Wand sitzenden Puppen, ihren „Mitspielern“, austauschen. Ziel des Spiels war es, möglichst viele Steine zu sammeln und damit eine Belohnung einzuheimsen. Dabei sollte aber die Regel beachtet werden, in jeder Runde mindestens vier Spielsteine abzugeben. In verschiedenen Runden gab nun eine der Puppen auch zuverlässig die vier Steine ab, eine andere war in einer Konstellation spendabler und ließ sieben Steine springen, geizte dafür in einer anderen Versuchsanordnung mit den Steinen.

Danach sollte ein gleichaltriges, dem ersten Spieler nicht bekanntes Kind aus einer anderen Kita das Spiel spielen. Als dieser zweite Spieler den Raum betrat, wurde den Kindern mitgeteilt, aus Zeitgründen könne das zweite Kind nur mit einer Puppe spielen. Dann verabschiedete sich der Versuchsleiter für einen Moment, und auch die Puppen wurden kurz entfernt. Beste Voraussetzungen für einen kleinen „prosozialen Klatsch“ unter vier Augen, bei dem das neu hinzugekommene Kind für die anstehende Wahl der geeigneten Mitspieler-Puppe von den Erfahrungen des ersten profitieren konnte.

Die Fünfjährigen begründen das Urteil mit ihrer Erfahrung

Tatsächlich zeigten sich schon die Dreijährigen bereit, den neuen Spieler mit Zeichen und Hinweisen zur großzügigeren Puppe zu dirigieren. Verbale Hinweise, mit denen sie das Verhalten der Puppen charakterisierten, gaben allerdings erst die Fünfjährigen. Im Unterschied zu den Kleineren machten sie dabei wertende Bemerkungen wie: „Geh nicht zu dieser Puppe, die ist geizig und gibt dir zu wenig ab!“ Zwischen Mädchen und Jungen gab es in beiden Gruppen keine Unterschiede. Damit hatten die größeren Kinder ein Grundprinzip von Klatsch und Tratsch beherzigt: Nur wer seine Aussagen untermauern kann, ist glaubwürdig. „Wir vertrauen dem Gesprächspartner, der gute Gründe angibt“, sagt Engelmann.

Im nächsten Schritt testete er, ob die Unterschiede nur dann auftreten, wenn Personen charakterisiert werden sollen. Daher spielten die Kinder nun nicht gegen Puppen, sondern gegen zwei Maschinen, von denen eine die korrekte Anzahl, die andere hingegen konstant zu wenige Spielsteine ausspuckte. Auch hier zeigte sich das gleiche Bild. Die Fünfjährigen warnten ihre Nachfolger ausdrücklich vor dem „kaputten“ Apparat, die Dreijährigen zeigten meist nur warnend auf ihn, und auch das nicht so reaktionsschnell wie die Größeren. Da sie ihren Altersgenossen genauso bereitwillig helfen wollten wie die größeren Kinder, können nach Ansicht der Forscher Gründe wie Schüchternheit oder geringere Motivation der Kleinen ausgeschlossen werden.

Was kleinen Menschen mit drei Jahren aber fehlt, ist die Fähigkeit, ihre Tipps mit Urteilen zu rechtfertigen, die auf ihre Erfahrung verweisen. Und die aus sozialer Interaktion gewonnene Erkenntnis, dass rufschädigender Klatsch wesentlich glaubwürdiger rüberkommt, wenn man ihn ein wenig unterfüttern kann. „Das unterscheidet Klatsch und Tratsch ja vom Gerücht“, sagt Engelmann.

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