Hirnforschung : Das Geheimnis des Gehirns

In den letzten 100 Jahren machte die Hirnforschung gigantische Fortschritte. Was haben die Neurologen in dieser Zeit herausgefunden?

Adelheid Müller-Lissner

Als Ärzte vor mehr als hundert Jahren anfingen, die Vorgänge im Kopf des Menschen zu erforschen, standen sie Gehirn- und Nervenleiden weitgehend hilflos gegenüber. Im Jahr 1907 wurde die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) gegründet. Auf der 80. Jahrestagung der DGN, die bis Samstag im ICC Berlin stattfindet, zeigte sich, welche Fortschritte die Neurologie bis heute gemacht hat.

Hirnentzündungen, die durch Herpes-Viren ausgelöst werden, waren früher in vier von fünf Fällen tödlich, heute können vier von fünf Patienten gerettet werden. Wer jung an Parkinson erkrankte, hatte allenfalls eine Lebenserwartung von zehn Jahren, heute kann er über Jahrzehnte erfolgreich mit Medikamenten behandelt werden. „Und Epilepsien waren früher stigmatisierende Erkrankungen, heute sind viele Betroffene durch Medikamente anfallsfrei und nehmen am gesellschaftlichen Leben teil“, sagte DGN-Präsident Günther Deuschl.

Der Gesellschaft, die zu Beginn 134 Mitglieder hatte, gehören heute fast 6000 Fachleute an. 400 neurologische Krankenhausabteilungen gibt es bundesweit, etwa 4000 Teilnehmer werden beim Kongress erwartet.

Neue Behandlungsmethoden von Alzheimer

Typische Erkrankungen des zentralen Nervensystems, wie Schlaganfall, Parkinson oder Alzheimer, treten vor allem im höheren Lebensalter auf – und werden durch den demografischen Wandel häufiger. Auf der Tagung werden neue Behandlungsmöglichkeiten, etwa die Entwicklung eines Impfstoffs, der Alzheimer frühzeitig aufhalten könnte, diskutiert. „Das Prinzip funktioniert, wir müssen nun aber schauen, wie wir schlimme Nebenwirkungen wie Hirnhautentzündungen in den Griff bekommen können“, sagte Karl Max Einhäupl, Direktor der Klinik für Neurologie der Charité. Dazu laufen bereits Studien an Patienten. Neue Therapien stellen die Neurologen aber auch vor volkswirtschaftliche Fragen, wie Einhäupl hervorhob: „Einige der neuen Verfahren sind vielleicht zehn Prozent besser, aber auch 300 Prozent teurer als die herkömmlichen.“

Medikamente einsparen könnte man mit der Tiefenhirnstimulation, die bei Parkinson, einigen Formen von Kopfschmerz und Erkrankungen mit motorischen Entgleisungen eingesetzt wird. Derzeit wird die Wirksamkeit der Methode gegen Depressionen erprobt.

Die größte Hoffnung der Neurologen ist, dass die Molekularbiologie Arzneimittel hervorbringt, mit denen Funktionen von Nervenzellen gezielt beeinflusst werden können. „Dann würden wir vielleicht nur noch ein einziges Medikament gegen Parkinson brauchen, das der Betroffene ganz am Anfang nimmt, wenn das Leiden sich ankündigt“, so Deuschl. Das Gehirn ist allerdings so komplex, dass Forscher hier wieder einmal ganz am Anfang stehen – fast wie die Kollegen vor hundert Jahren.

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