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Hirnforschung : Ü40? Da geht noch was

03.07.2011 15:35 Uhrvon
Denkzettel. Manchem kommt es wie ein bösartiger Streich der Natur vor, dass das Gehirn ihn schon im mittleren Alter zwingt, sich mehr und mehr auf Notizen und Gedächtnisstützen zu verlassen. In anderen Bereichen, wie Wortschatz oder verbalem Gedächtnis, schneiden Menschen zwischen 40 und 65 Jahren aber besser ab als 25-Jährige. Foto:avatra /Stefanie Sudek Foto: avatra/stefanie sudekBild vergrößern
Denkzettel. Manchem kommt es wie ein bösartiger Streich der Natur vor, dass das Gehirn ihn schon im mittleren Alter zwingt, sich mehr und mehr auf Notizen und Gedächtnisstützen zu... - Foto: avatra/stefanie sudek

Schlüssel verlegt, Namen vergessen: Kommt man ins mittlere Alter, zweifelt man immer öfter an den Fähigkeiten des Gedächtnis. Ein Trugschluss: Auch das erwachsene Gehirn gewinnt weiter Fähigkeiten dazu.

Da war doch was. Da war doch diese Verabredung, die ich treffen wollte, dieses Ding, das ich holen wollte, dieser Mensch, dessen Namen ich mal wusste – aber wo, verdammt noch mal, finde ich sie in meinem Gehirn? Wie weggeblasen ist der Name, wo ich das Auto geparkt habe, fällt mir auch nicht ein, und wie um Himmels willen ist die Sonnenbrille ins Badezimmer gekommen? Gedächtnispannen dieser Art werden mit zunehmendem Alter häufiger. Wer die vierzig überschritten hat, hat mitunter das Gefühl, auf die Inhalte seines Gehirns nur noch begrenzt zuzugreifen. Baut das Denkorgan ab? Sind das die ersten torkelnden Schritte in Richtung Demenz?

Barbara Strauch, Wissenschaftsredakteurin der New York Times und Autorin eines Buches über das Gehirn von Teenagern („Warum sie so seltsam sind“, Berlin Verlag), lebt bereits seit einiger Zeit „auf dem nebligen Planeten der verlegten Schlüssel und fehlgeleiteten Gedanken“ – und zog daraus den Schluss, sich genauer mit dem Gehirn im mittleren Alter zu beschäftigen.

Das spannend zu lesende Buch, das die 56-Jährige nach zahlreichen Gesprächen mit Neurowissenschaftlern und Altersforschern und nach der Lektüre umfangreicher Studien geschrieben hat, trägt den optimistischen Titel „Da geht noch was – Die überraschenden Fähigkeiten des erwachsenen Gehirns“. Da geht noch was! Was denn?

Strauch macht zuerst auf einen offenkundigen Widerspruch aufmerksam: Dieselben Menschen zwischen 40 und 65, die Sonnenbrillen verlegen und Namen vergessen, sind in der Lage, Schulen, Unternehmen und Großprojekte zu leiten und sich nebenbei noch um ihre durchgedrehten Teenager-Kinder oder ihre kranken Eltern zu kümmern. Das mittlere Alter, von der Forschung lange Zeit vernachlässigt, steckt voller Herausforderungen und die meisten von uns bewältigen sie vergleichsweise effizient und gelassen, besser jedenfalls als die Herausforderungen der Jugend. Offenbar gewinnt unser Gehirn neben den unleugbaren Verlusten auch Fähigkeiten hinzu.

In ihrem Buch hat Strauch viele Studien zusammengetragen, die der alternden Generation der Babyboomer Hoffnung geben. Wissenschaftler in Seattle haben beispielsweise die kognitiven Leistungen von Versuchspersonen über Jahrzehnte hinweg verglichen und stellten fest: In vier von sechs getesteten Kategorien – Wortschatz, verbales Gedächtnis, räumliches Vorstellungsvermögen und induktives Denken – schnitten die Teilnehmer im mittleren Alter besser ab, als sie mit 25 abgeschnitten hatten.

Andere Studien zeigen: Im mittleren Alter sind wir besonders gut in der Lage, den Charakter anderer Menschen zu beurteilen, unsere soziale Kompetenz erreicht ihren Höhepunkt. Und auch wenn es schwerer fällt, neue Informationen aufzunehmen oder gar auswendig zu lernen: Das erwachsene Gehirn ist besser in der Lage, aus einer Vielzahl von Informationen das Wesentliche herauszufiltern. Es erkennt schneller Muster, hat den Blick fürs große Ganze, findet eher tragfähige Lösungen. „Die Neuronen mögen zwar an Verarbeitungsgeschwindigkeit einbüßen, aber sie werden durch immer reichhaltigere Verknüpfungen verbunden“, zitiert Strauch den Altersforscher Gene Cohen.

Diese Erkenntnisse der Hirnforschung sind im Grunde auch dem Volksmund bekannt: Neue Besen kehren gut, aber der alte kennt die Ecken. Ohne Frage sind viele Fähigkeiten des erwachsenen Gehirns auf langjähriges Training und schlicht auf Erfahrung zurückzuführen – Erfahrungen mit Menschen, Wörtern, Problemen und Denkfiguren, die sich in der Struktur des Gehirns niederschlagen. So erklärt sich auch, dass Gehirne ab dem mittleren Alter ganz unterschiedlich schnell altern: Wer nicht trainiert, baut ab. Wer dagegen geistige Anregungen sucht, sich viel bewegt, einen Freundeskreis pflegt, hat nicht nur ein geringeres Risiko, an Demenz oder Alzheimer zu erkranken. Er oder sie kann einen physiologisch nachweisbaren Alzheimer sogar zeitweise kompensieren, indem er auf die sogenannte „kognitive Reserve“ zurückgreift, sein Gehirn also anders, geschickter nutzt. Neue Neuronen bildet das Gehirn bis ins hohe Alter. Das ist vor allem nach körperlicher Bewegung gut nachweisbar.

Aber auch die Trainiertesten bemerken Verluste. Am stärksten fällt das nachlassende Namensgedächtnis auf; auch neigt das ältere Gehirn stärker zu gedanklichen Abschweifungen, lässt sich leichter durch Störungen ablenken und kann sich dann schlechter konzentrieren. Das episodische Gedächtnis wird ebenfalls schwächer. Was stand in dem letzten Kapitel des Buches, das ich gestern zur Seite gelegt habe, wo habe ich Frau Müller kennengelernt? Das ist aber alles kein Grund, sich aufzuregen, meint Strauch: „Wenn wir gelernt haben, unser im mittleren Alter befindliches Gehirn zu lieben und zu akzeptieren, sollten wir wegen der kleinen Pannen nicht mehr in Panik ausbrechen, sondern uns beruhigen und Hilfe suchen.“ Zum Beispiel im Internet: Dank Google lassen sich viele Gedächtnislücken leicht beheben.

Hinzu kommt ein eindeutiger Vorteil des Alterns: Wir werden ruhiger, gelassener, sehen das Leben positiver. In Hirnscan-Aufnahmen bei älteren und jüngeren Menschen zeigte sich: Die Amygdala älterer Menschen, das Alarmzentrum im Gehirn reagiert weniger stark auf negative Dinge als bei Jüngeren. Sowohl die Aufmerksamkeit als auch die Erinnerung älterer Menschen ist stärker aufs Positive gerichtet – möglicherweise weil in früheren Zeiten der relative Gleichmut und die Besonnenheit der älteren Gruppenmitglieder ein Überlebensvorteil für die Gruppe war. Schon deswegen tut es gut, das Buch von Barbara Strauch zu lesen: Ihre positive Botschaft leuchtet den Mittelalten unter uns besonders ein und bleibt auch bei nachlassendem Gedächtnis hängen. Und die negativen Aspekte? Wie waren die noch gleich? Haben wir schon vergessen.

- Barbara Strauch: Da geht noch was. Die überraschenden Fähigkeiten des erwachsenen Gehirns. Berlin Verlag, 269 Seiten, 19,90 Euro.

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