• Historikerin Schüler-Springorum über "Mein Kampf": "Biografien lehren mehr über Hitler"

Historikerin Schüler-Springorum über "Mein Kampf" : "Biografien lehren mehr über Hitler"

Am Freitag erscheint die kommentierte Edition von "Mein Kampf". Zum Verständnis von Hitler sei aber eine gute Biografie sinnvoller, sagt die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum.

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Verschiedene Ausgaben von "Mein Kampf" stehen in einem Bücherregal, eine Hand greift nach einem der Bücher.
Akribisch. Historiker vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München haben in jahrelanger Arbeit eine wissenschaftlich...Foto: dpa

Frau Schüler-Springorum, am Freitag erscheint die wissenschaftlich kommentierte "Mein Kampf"-Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte in München. Stellt sie aus Ihrer Sicht einen Meilenstein der historischen Aufarbeitung der NS-Zeit dar?

Sicher nicht – ohne, dass ich damit die Knochenarbeit der Münchner Kollegen schmälern möchte. Wahre Meilensteine sind für mich Arbeiten, die konkrete Fragen stellen und versuchen zu beantworten, wie Ian Kershaw in seiner großen Hitler-Biografie oder Christopher Browning in „Ganz normale Männer“, seiner bahnbrechenden Arbeit über das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen.

Worin liegt dann der Wert der zweibändigen, knapp 800 Seiten starken Edition?

Darin, dass professionelle Historiker einmal diesen ganzen Text wissenschaftlich annotiert und kommentiert haben. Es ist schon richtig, dass sich die Zunft damit so detailliert auseinandergesetzt hat. Die Edition ist eine akribische Arbeit, deren Wert aber eher im Symbolisch-Politischen liegt: Deutschland brauchte diese Anstrengung, weil es politisch ein falsches Signal gewesen wäre, wenn man die Frist einfach hätte ablaufen lassen, und dem Markt für unkommentierte Ausgaben freien Lauf gelassen hätte.

Stefanie Schüler-Springorum ist Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin.
Stefanie Schüler-Springorum ist Historikerin und Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen...Foto: Promo/Kirsten Nijhof

Auch wenn wohl kaum jemand die umfangreiche Edition vollständig lesen wird - und schon gar nicht potenzielle Adressaten in der rechtsextremen Szene: Kann eine solche Edition als eine Art Brevier dienen, um gegen die Hitler-Faszination, gegen Antisemitismus und Rassismus zu argumentieren?

Für Lehrer und andere Multiplikatoren, die mit Menschen zu tun haben, die vom Nationalsozialismus fasziniert sind, könnte die Edition wirklich ein Brevier werden. Sie finden dort Argumente, um bestimmte Behauptungen zu widerlegen. Ansonsten glaube ich aber, dass man über eine der guten Hitler-Biografien, wie die von Kershaw oder die kürzlich von Volker Ullrich oder jetzt von Peter Longerich vorgelegten, mehr über Hitler, seinen Werdegang und sein Gedankengebäude lernt.

Kritiker haben angemerkt, man brauche nicht ein solches Mammutwerk, um Hitler zu entzaubern. Es hätte ausgereicht, ausgewählte kommentierte Auszüge zu veröffentlichen. Stimmen Sie zu?

Nein, es ist wichtig, das ganze Werk zu kommentieren. Es gibt genug Verschwörungstheoretiker, die ansonsten von Zensur sprechen. Mit dem Index, den die Kollegen erarbeitet haben, wird man sich sicher auch in dem großen Werk gut orientieren können.

Den Münchner Historikern geht es darum, Hitlers Hetzschrift zu entmythologisieren. Kann das gelingen und ist das überhaupt notwendig?

Wenn man sich den Medienhype um das Buch anguckt, ist es anscheinend immer noch nötig. Ob es nun genau dieser Ausgabe gelingen kann, da bin ich skeptisch. Wer Hitler faszinierend finden will, wird ohnehin nicht die Kommentare lesen. Denen reicht es, „Mein Kampf“ im Regal stehen zu haben und es jeden Tag einmal anzufassen.

Bayern will unkommentierte "Mein Kampf"-Neuausgaben wegen des Tatbestands der Volksverhetzung weiterhin verbieten. Zu Recht?

Ich bin gespalten, was solche Verbote angeht. Solche Ausgaben lassen sich ja erst nach Erscheinen verbieten, per Gerichtsentscheid. Nutzlos ist das Argument aber auch in Zeiten des Internets, wo unzählige Ausgaben frei abrufbar sind. Die Vorstellung, populäre Ausgaben demnächst irgendwo im Hauptbahnhof auf dem Büchertisch liegen zu sehen, finde ich gleichwohl widerlich. Politisch beunruhigt  mich aber sehr viel mehr, was sich im Netz derzeit an rassistischer und antisemitischer Hetze austobt.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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