Historikertag : "Die Sozialgeschichte kehrt zurück"

Der Historikertag in Dresden ist dem Thema „Ungleichheiten“ gewidmet. Mitorganisator Christoph Cornelißen erklärt, warum.

Der 47. Historikertag widmet sich den „Ungleichheiten“. Warum?

Ungleichheiten gehören zu den prägenden Erfahrungen unserer Gegenwart. Und da gute Historiker in aller Regel das fragen, was die Menschen interessiert, lag es geradezu auf der Hand, das Thema zum Gegenstand eines großen wissenschaftlichen Kongresses zu machen.

Ein Comeback der Sozialgeschichte in sozial unsicheren Zeiten?

Die Rückkehr zur Sozialgeschichte wird durch neue drängende soziale Herausforderungen gefördert. Das Comeback hat sich seit mehreren Jahren angedeutet, seitdem die Kulturgeschichte ihren Zenit überschritten hat. Man besinnt sich auf die harten Fakten. Es wird aber sicher nicht mehr die alte Arbeiterbewegungs- und Organisationsgeschichte sein. Die neue Sozialgeschichte bezieht die vielen turns mit ein – auch die jüngsten Bewegungen hin zur Geschichte der Emotionen oder zur Geschichte des Raums.

Sie tagen in Dresden, dem man ansieht, dass sich die Lebensverhältnisse in Ost und West allmählich angleichen. Wie sieht der Zeithistoriker die Entwicklung?

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der DDR haben viele Ostdeutsche einen rasanten sozialen Aufstieg erfahren. Wer aber jenseits der sanierten Stadtzentren den Blick auf andere Landstriche in der früheren DDR weitet, findet noch viele Zonen, in denen die Angleichung nicht vonstatten gegangen ist. Nun sind aber auch im Westen durch die Deindustrialisierung neue Problemzonen entstanden. Es ist kein Zufall, dass aus Dortmund oder Gelsenkirchen der Ruf nach staatlich geförderter Sanierung kommt.

Im Sozialismus gab es offiziell keine Arbeitslosigkeit, doch das System war wirtschaftlich nicht überlebensfähig. Jetzt droht der Kapitalismus durch die internationale Finanzkrise zusammenzubrechen. Erkennen Sie eine Wirtschaftsordnung, der es gelingt, auf wirtschaftlich gesunder Basis für Gerechtigkeit zu sorgen?

An der ökonomischen Krise lässt sich ablesen, dass das seit den 70er Jahren immer lauter erklungene Hohelied auf die Selbstregulierungskräfte der Märkte an ein Ende gekommen ist. Die Ideologie des Neoliberalismus ist gescheitert, wenn selbst die Banker nach dem Staat schreien. Regierungen werden wieder mehr in den Markt intervenieren. Es wird einen Dauerkonflikt geben zwischen Markt- und Planrationalität, der immer wieder neu auszuhandeln ist. Über die Frage was gerecht ist, wird es vermehrt soziale Konflikte geben. Man muss hoffen, dass das über die regulierten Kanäle ausgehandelt wird, über die Tarifparteien und auf dem parlamentarischen Weg.

Beziehen Sie in Ihre Überlegungen auch das Nord-Süd-Gefälle ein?

Historiker beschäftigen sich in den letzten Jahren zunehmend mit globaler oder transnationaler Geschichte. Da spielen auch die Ungleichgewichte zwischen großen Erdraumteilen, seien es Europa und Afrika oder auch Süd- und Nordamerika eine wichtige Rolle. Die Kolonialismusgeschichte hat immer schon auf die ungleichgewichtigen Austauschbeziehungen hingewiesen, was sich etwa auf die Migration bis in unsere Gegenwart auswirkt. Wenn besonders viele Algerier nach Frankreich streben, verläuft das entlang historischer Muster.

Mit der Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft begann einst für Portugal und Griechenland eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Kann die EU neuen Beitrittsländern auch heute diese Perspektive bieten?

Die Staaten, die in den letzten Erweiterungsrunden zur EU gestoßen sind, haben schon vor dem Beitritt eine wirtschaftliche Hochkonjunktur durchlaufen. Allerdings hat sich dieses Tempo inzwischen erheblich verringert. Die Transformation dieser ehemals planwirtschaftlich ausgerichteten Staaten verläuft erheblich aufwendiger als einst in Portugal, Griechenland oder auch in Spanien. Was Europa aber vor allem kann, ist eine Rechtsangleichung voranzutreiben. Sie schafft Voraussetzungen dafür, dass es langfristig zu einer stärkeren Integration im politischen, rechtlichen, aber auch im wirtschaftlichen Sinne kommen kann.

Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth von der Humboldt-Uni hat in der FAZ die Möglichkeiten des kollektiven sozialen Aufstiegs durch Bildung in Zweifel gezogen. Wie sehen Sie den Zusammenhang von Bildung und sozialer Frage?

Den Zusammenhang kann man seit der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert beobachten. Bildung war ein Vehikel des sozialen Aufstiegs. Man kann das am intergenerationellen Aufstieg der Söhne aus unteren Mittelschichtfamilien sehen, die über das Abitur Berufsbilder erreichen können, die ihre Väter nicht erreichen konnten. Das ist heute durch die Expansion der Gymnasien und der Universitäten in dem Ausmaß nicht mehr der Fall. Die Rahmenbedingungen für akademische Karrieren haben sich verschlechtert. Insofern ist es verfehlt, von einem kollektiven Aufstieg über Bildung zu sprechen.

Nun rechnet uns die OECD immer wieder vor, dass ein akademischer Abschluss zu Einkommensvorteilen führt und eine Garantie gegen Arbeitslosigkeit ist. Und er stellt auch soziales und kulturelles Kapital dar.

Es gilt weiterhin, dass Bildung eine ganz wesentliche Voraussetzung für den sozialen Aufstieg und für Flexibilität in der modernen Arbeitswelt ist. Allerdings sind vergleichende Bildungsstudien nicht immer aussagekräftig, sehr viel hängt von nationalen Traditionen und vom jeweiligen Bildungsmarkt ab. Der deutsche Arbeitsmarkt zeichnet sich durch eine starke Orientierung an Bildungspatenten aus. Aber der Anspruch auf eine gehobene Position in der deutschen Gesellschaft, der sich klassisch mit universitären Abschlüssen verband, ist zunehmend schwieriger zu verwirklichen.

Der soziale Aufstieg der Migranten in Deutschland wird nicht nur durch Defizite im Bildungswesen behindert. Vielmehr scheint der Aufstiegswille in vielen Familien erloschen zu sein. Wie ist das zu erklären und welche Auswege aus diesem Dilemma sehen Sie?

Gerade in der vorschulischen Sprachförderung hapert es noch. Und es mangelt an gut ausgebildeten Lehrern, die eine hinreichende Sensibilität für die besondern Herausforderungen der jungen Migranten haben. Auf der anderen Seite kann man ein Einigeln in Parallelgesellschaften beobachten. In diesen Familien steht ein erfolgreicher Bildungsabschluss nicht an vorderster Stelle der privaten Zielsetzung. Wir brauchen ein Bildungsprogramm, das sich an den spezifischen kulturellen und sozialen Hintergründen der Zuwanderergruppen orientiert.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Christoph Cornelißen (49) war an der Vorbereitung des Historikertages beteiligt. Seit 2003 ist er Professor für Neuere Geschichte in Kiel. Zuvor lehrte er in Düsseldorf, Saarbrücken und Prag.

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