Historikertag : Wie Afrika die Welt prägt

Globalgeschichte ist weniger eine Methode als eine Perspektive: Ein Interview mit dem Geschichtsforscher Andreas Eckert zum Deutschen Historikertag.

Baumwollpflückerin in den USA. Afrika ist auf tragische Weise mit der Welt verknüpft, sagt Andreas Eckert. Globalgeschichte ist ein Thema des Historikertages.
Baumwollpflückerin in den USA. Afrika ist auf tragische Weise mit der Welt verknüpft, sagt Andreas Eckert. Globalgeschichte ist...Foto: akg-images / Peter Weiss

Herr Eckert, der deutsche Historikertag ist dem Thema „Über Grenzen“ gewidmet. Spiegelt sich in dem Titel tatsächlich ein Trend Ihrer Zunft?

Das Thema signalisiert, dass sich Deutschland nicht mehr vornehmlich mit der Nationalgeschichte beschäftigt, sondern auch mit außereuropäischen Ländern. Jürgen Osterhammels „Die Verwandlung der Welt“ etwa war ein großer Erfolg, auf dem Buchmarkt setzt sich der Blick über den Tellerrand durch. Auch in den Schulen wird das Thema wichtiger. Die Lehrer haben sich mit als erste dafür interessiert. Auch der Trend vorangegangener Historikertage setzt sich fort, auf denen die transnationale Geschichtsschreibung auch eine Rolle gespielt hat.

Erstmals gibt es beim Historikertag eine Sektion zur „Globalgeschichte“. Was ist das eigentlich?

Globalgeschichte ist weniger eine Methode als eine Perspektive. Es gilt, Nationalgeschichte als Produkt von Verflechtungen und Verbindungen mit anderen Erdteilen zu sehen. Globalgeschichte kann zum Beispiel bedeuten, dass sich jemand mit japanischem Kolonialismus in Taiwan beschäftigt und damit, wie Japan sich dabei an europäischen Kolonialmächten orientiert.

Ist Globalgeschichte also Staats- und Strukturgeschichte?

Nein. Man kann Globalgeschichte natürlich anhand von Personen erzählen, etwa von Seeleuten. Ein anderes Beispiel ist die Untersuchung des Rohstoffhandels, etwa der Baumwolle, die wiederum eng mit Formen von Arbeitsmigration verknüpft ist. Wir fragen nach den Akteuren, die die Verflechtung konstruieren.

Sie forschen als Afrikaexperte über Arbeit in globalgeschichtlicher Perspektive. Was bringen hier Vergleiche mit außereuropäischen Gesellschaften?

Andreas Eckert.
Andreas Eckert.Foto: Promo

Das Thema ist ein gutes Beispiel für den globalen Ansatz. Afrika ist auf tragische Weise mit der Welt verknüpft, viele Menschen wurden von dort als Arbeitskräfte in alle Welt verschleppt. Für mich ist wichtig zu zeigen, dass Afrika kein Kontinent ohne Geschichte ist, sondern dass die Geschichte Afrikas die Geschichte der Ersten Welt mitgeprägt hat.

Welche Rolle können in der Globalgeschichte Epochen spielen, die noch keine oder eine sehr andere Vorstellung vom Globalen hatten, wie das Mittelalter?

Natürlich passt der Ansatz besser in die Zeit nach 1500, der Schwerpunkt der Forschung liegt sicherlich in der Neuzeit. Man sollte die Geschichte nicht rückwärts globalisieren.

In Deutschland haben Landesgeschichte und Mikrogeschichte lange Zeit eine tragende Rolle gespielt. Ist die Begeisterung für globale Geschichte auch Zeichen für einen Generationenwechsel?

Das kann man sicherlich nicht pauschal sagen, aber es ist richtig, dass sich viele Studierende und Doktoranden diesem Thema widmen. Wichtig ist daher gerade in der Ausbildung, den Eindruck zu vermeiden, dass man wissenschaftlich einfach von Kontintent zu Kontinent hüpfen kann. Sinnvoll ist die Verankerung in einer Region. Aber globale Vernetzung heißt ohnehin nicht, dass alles Nationale unwichtig ist, es heißt nur, das Nationale im globalen Kontext zu sehen.

Die großen Nachschlagewerke ihrer Zunft, wie der Gebhardt, sind national ausgerichtet. Müssten sie neu geschrieben werden?

Über kurz oder lang wird das so sein. Der amerikanische Buchmarkt ist da weiter, es gibt schon Einführungswerke. Das beginnt bei uns erst langsam. Es ist aber wichtig, dass durch die Grundlagenliteratur die Globalgeschichte nicht zu einem kolonialen, von den westlichen Ländern geprägten Unternehmen wird. Wir müssen auch die Perspektive asiatischer und afrikanischer Forscher zur Kenntnis nehmen. Globalgeschichtliche Literatur darf nicht die Hierarchien des Wissens und der dominanten Diskurse festigen.

Ist der Eurozentrismus, der lange die deutsche Geschichtswissenschaft beherrschte, bald überwunden?

Es gibt in den letzten Jahren eine Reihe von Anzeichen für eine Öffnung über Europa hinaus. In den prominenten Zeitschriften des Faches kommen außereuropäische Themen immer stärker zum Zug, neue Buchreihen wurden geschaffen. Auch unter den Exzellenzclustern findet diese Perspektive ihren Niederschlag. In Heidelberg gibt es zum Beispiel ein Cluster mit dem Titel „Asia and Europe in a Global Context“.

Aus Ihrer Perspektive als Historiker, wie global ist Deutschland heute ausgerichtet?

Auch im 19. Jahrhundert gab es schon eine enorme globale Verflechtung. Einen Unterschied sehe ich vor allem darin, dass die Geschwindigkeit der Globalisierung von Handel und Konsum und die Schnelligkeit im Austausch über die Medien sich sehr stark erhöht haben. Aber Deutschland ist im Bewusstsein sicherlich noch weniger global als in der Praxis.

Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

ANDREAS ECKERT (46) ist Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt-Universität. Er leitet dort das Forscherkolleg „Arbeit und Generation in globalhistorischer Perspektive“

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