HIV : Attacke gegen den Aids-Erreger

Infusionen mit einem Abwehrmolekül wirken als passive Impfung: Erste Erfolge beflügeln die HIV-Forschung. Langzeitdaten stehen allerdings noch aus.

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Gelbe Gefahr. Die rasterelektronenmikroskopische Aufnahme zeigt gelb eingefärbte Immunschwächeviren auf der Oberfläche einer blau eingefärbten T-Zelle. Diese Zellen gehören zum Immunsystem des Organismus und sind das Hauptziel des Aids-Erregers.
Gelbe Gefahr. Die rasterelektronenmikroskopische Aufnahme zeigt gelb eingefärbte Immunschwächeviren auf der Oberfläche einer blau...Foto: Alamy/Mauritius

Zeitgleich mit dem neuen Adventskalender erscheinen jedes Jahr am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, die aktuellen Daten und Fakten zur Immunschwäche Aids und zum Aids-Erreger HIV. Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen weltweit seit der Jahrtausendwende um 35 Prozent gesunken ist, waren die letzten Daten nicht durchweg ermutigend.

Fast 40 Millionen Menschen leben mit der Infektion, doch weniger als die Hälfte von ihnen nimmt Aids-Medikamente (Mittel zur antiretroviralen Therapie, ART) ein. 1,2 Millionen Menschen sind 2014 an Aids gestorben. Zudem ist, allen Aufklärungskampagnen zum Trotz, in den letzten Jahren in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen nicht gesunken. Das Plateau hält sich, obwohl die hochwirksamen Medikamente das Zeug dazu haben, HIV-Infizierte weniger ansteckend zu machen. Und obwohl die Medikamente inzwischen auch von Nicht-Infizierten aus Hochrisikogruppen zur Vorbeugung genutzt werden.

Ein Mittel zu dieser Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz PrEP) ist in den USA seit 2012 und in Frankreich seit Kurzem zugelassen, ein entsprechender Antrag für die EU soll demnächst gestellt werden. Doch so ausgefeilt der Medikamenten-Mix zur Behandlung und Vorbeugung von HIV-Infektionen auch inzwischen ist – Nebenwirkungen sind unvermeidlich.

Zahl der Viren drastisch gesenkt

Umso hoffnungsvoller wirkt die Botschaft, die vom Impfstoff-Forschungszentrum VRC der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA und der Medizinischen Universität South-Carolina kam. Wie Rebecca Lynch und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“ berichteten, haben sie es mit zwei Infusionen eines Antikörpers – ein gegen den Erreger gerichtetes Eiweiß – geschafft, die Zahl der Viren im Blutplasma von sechs Infizierten, die noch nicht auf ART eingestellt waren, drastisch zu senken.

Bei dem Antikörper handelt es sich um einen „passiven“ Impfstoff, der direkt das Virus bekämpft, den Körper aber nicht zu einer „aktiven“ Reaktion gegen HIV anregt. Zwar handelt es sich nur um eine kleine Studie der Phase I. Doch immerhin waren bei den beiden Versuchsteilnehmern mit dem niedrigsten Ausgangslevel die Viren drei Wochen lang kaum nachzuweisen, und bei weiteren vier Versuchsteilnehmern war die Virusbelastung deutlich gesunken. Der Impfstoff könne „HIV-Positiven bei der Unterdrückung der Viren helfen“, folgern die Autoren.

Kein messbarer zusätzlicher Gewinn zeigte sich allerdings in der Gruppe der 15 Patienten, die schon Medikamente bekamen. Während die ART vor allem wirkt, indem sie in den Vermehrungsprozess der Viren eingreift, binden die Antikörper an ein Eiweiß auf der Hülle der Viren an und hindern es auf diese Weise daran, in die Körperzellen zu gelangen, die ihr eigentliches Ziel bilden.

Auch der Teilerfolg bei der Gruppe der noch unbehandelten Infizierten wiegt schwer, zumal er Ergebnisse bestätigt, die im letzten Jahr im Fachblatt „Nature“ veröffentlicht wurden. Florian Klein von der Kölner Uniklinik hatte 29 Teilnehmer in einer Phase-I-Studie mit einem Antikörper namens 3BNC117 behandelt. Er erwies sich als gut verträglich, der Antikörper konnte die Viren deutlich reduzieren. Dieser Effekt war nach einmaliger Infusion des Antikörpers über 28 Tage hin nachweisbar.

Manche Infizierte bilden selbst Antikörper

Das „Vorbild“ für den Antikörper stammt aus Blutproben eines Menschen aus der kleinen Gruppe der Infizierten, die ganz von selbst Antikörper bilden, die so breit aufgestellt sind, dass sie es mit zahlreichen HIV-Stämmen aufnehmen können. Angesichts der Wandlungsfähigkeit des Retrovirus müssen die Antikörper in der Lage sein, ein möglichst breites Spektrum von Viren-Stämmen zu attackieren, und das braucht Zeit. „Ein Drittel der Infizierten hat nach einigen Jahren eine solche Aktivität im Serum, bei rund einem Prozent ist sie besonders stark ausgeprägt“, sagt Klein.

Breit neutralisierende Antikörper, die in Abständen als Infusion gegeben werden, könnten prinzipiell auch dem Immunsystem der Infizierten aufhelfen, die nicht zu dieser Minderheit gehören. Zumindest im Tiermodell kann eine passive Immunisierung mit ihnen sogar Infektionen verhindern. „Wir denken, dass das auch beim Menschen funktioniert“, sagt Klein. Allerdings ist das eine Herausforderung für die Forschung, denn die Antikörper müssten dafür länger im Körper bleiben.

"Irgendwann wird es einen Impfstoff gegen HIV geben"

Joachim Denner, Aidsforscher am Robert-Koch-Institut in Berlin, fürchtet, dass sich im Organismus über kurz oder lang Antikörper gegen die Antikörper bilden werden. Solange noch keine Ergebnisse vorliegen, die über einen Monat hinausweisen, bleibt der Forscher jedenfalls skeptisch. Nicht nur wegen der Tricks von HIV, sondern auch angesichts der in den Studien verwendeten hohen Dosierungen der ausgesprochen teuren Antikörper-Präparate.

Denner glaubt, dass eine aktive Immunisierung die einzige Möglichkeit darstellt, die HIV-Epidemie weltweit effektiv zu bekämpfen. Also eine Impfung, die den Körper dazu anregt, selbst breit neutralisierende Antikörper zu bilden. Die Erfolge seiner Arbeitsgruppe bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen andere Retroviren wie etwa den Erreger der Katzen-Leukämie bestärken ihn darin – obwohl diese Viren deutlich weniger agil und wandlungsfähig sind als HIV. Doch Denner ist überzeugt, dass man auch dessen Tücken mit guten Ideen begegnen kann: „Irgendwann wird es mit einem Impfstoff gegen HIV klappen.“

In naher Zukunft sieht Klein die Antikörper-Infusionen als Ergänzung zu der heute schon verfügbaren Behandlung von HIV-Patienten. In Kombination mit ART können sie seiner Ansicht nach die Behandlung intensivieren, nach deren Absetzen möglicherweise den Anstieg der Viruslast verhindern. Außerdem könnten sie sich im Kampf gegen das Reservoir von HIV nützlich machen, das in Zellen des Körpers schlummert. Damit wäre sogar eine Hürde auf dem Weg zur Heilung genommen.

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