HIV : Das Aidsvirus rüstet auf

Aids ist nach wie vor eine der verheerendsten Krankheiten der Welt. Der Erreger der Immunschwäche passt sich der Körperabwehr des Menschen sehr schnell an.

Kai Kupferschmidt
Aidsvirus
Verwandlungskünstler. Durch Mutationen entkommt HIV dem Immunsystem. -Foto: dpa

Evolution ist langsam, unvorstellbar langsam. Das wird uns in diesem Darwin-Jahr immer wieder erklärt. Aber manchmal kann sie offenbar auch sehr schnell gehen. Der Erreger von Aids, das Humane Immundefizienzvirus (HIV), wurde 1983 zum ersten Mal beschrieben. Ein internationales Forscherteam hat nun gezeigt, dass der Erreger sich seitdem permanent verändert, um sich vor dem Immunsystem des Menschen zu verstecken.

Die Studie zeige auch, wie groß die Herausforderung sei, eine Impfung gegen HIV zu entwickeln, schreiben die Wissenschaftler online im Fachmagazin „Nature“. „HIV gibt es noch nicht sehr lange in der menschlichen Population. Aber selbst in dieser kurzen Zeit ist das Virus extrem erfolgreich darin gewesen, den natürlichen Schutzmechanismen des Immunsystems zu entkommen“, sagt Philip Goulder, der die Studie geleitet hat. „Das ist eine Art Hochgeschwindigkeits-Evolution, die wir da beobachten können.“ Für die ohnehin schon schwierige Suche nach einem Impfstoff gegen HIV sei das ein großes Problem.

Aids ist nach wie vor eine der verheerendsten Krankheiten der Welt. Laut einem gemeinsamen Bericht der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation von Dezember 2007 sind bisher etwa 25 Millionen Menschen an Aids gestorben. Rund 33 Millionen Menschen leben mit einer HIV-Infektion.

Aber nicht alle Infizierten reagieren gleich auf das Virus. Während es bei manchen nur zwölf Monate dauert, bis sie die Aids-Erkrankung entwickeln, können andere mehr als 20 Jahre lang ohne HIV-Therapie leben, ehe sich die Krankheit ausbildet. „Ihr Immunsystem schafft es in dieser Zeit offenbar, das Virus in Schach zu halten“, sagt Goulder. Der Grund für die bessere Immunantwort mancher Menschen sei eine Gruppe von Molekülen namens HLA.

Unser Immunsystem ist ständig auf der Suche nach Viren. HLA-Moleküle helfen dabei. Sie sitzen auf fast jeder menschlichen Zelle. Dort präsentieren sie patrouillierenden Immunzellen fortwährend kleine Molekülschnipsel, die ihnen in der Zelle aufgeladen wurden. Solange es sich dabei um Bruchstücke normaler Moleküle des Menschen handelt, gehen die Immunzellen darüber hinweg. Wenn eine Zelle aber von Viren infiziert ist, so präsentiert sie auf ihrer Oberfläche auch Teile von Virusmolekülen. Die Immunzellen erkennen das, töten die infizierte Zelle und machen das Immunsystem auf den Eindringling aufmerksam.

Im Grunde sind die HLA-Moleküle also Fenster, die es dem Immunsystem ermöglichen in die Zellen hineinzugucken. Nur sind diese Fenster eben nicht bei allen Menschen gleich. Das ist einer der Gründe, warum der Körper sich häufig gegen transplantierte Organe wehrt. Die Immunzellen verkennen die fremden HLA-Moleküle als Eindringlinge und töten die transplantierten Zellen. Es erklärt aber auch die unterschiedliche Fähigkeit von HIV-Infizierten Aids zu unterdrücken. Denn manche Fenster sind besser als andere darin, dem Immunsystem den Blick auf den Aids-Erreger in der Zelle zu ermöglichen.

Forscher der Universität Oxford haben nun die HLA-Moleküle und die Viren von mehr als 2800 HIV-Infizierten von fünf Kontinenten untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass das Virus sich auf die besonders erfolgreichen HLA-Moleküle einstellt. Goulder nennt als Beispiel das Molekül HLA-B*51: „Wenn jemand HIV hat und dieses HLA-Molekül, dann kann das 15 gesunde Jahre mehr bedeuten.“ Aber das Virus entwickelt in solchen Menschen häufig eine bestimmte Mutation, die es dem Zugriff des Immunsystems wieder entzieht.

In Japan, wo 22 Prozent der Bevölkerung auf ihren Zellen HLA-B*51 tragen, ist diese mutierte Form des Virus in 66 Prozent aller HIV-Infizierten vorhanden. In Afrika oder Großbritannien hingegen, wo HLA-B*51 sehr viel seltener vorkommt, findet sich auch diese HIV-Mutation bei nur 15 bis 25 Prozent aller Infizierten. Für die Forscher ein klarer Hinweis, dass das Virus sich den verschiedenen Populationen angepasst hat.

„Ein ähnliches Muster haben wir für jede Mutation gefunden, die wir untersucht haben“, sagt Goulder. Immer dann, wenn in einer Menschengruppe ein HLA-Typ häufig vorkommt, der besonders gut mit HIV fertig wird, finden sich dort auch besonders viele Mutationen, die HIV wieder helfen, diesem HLA zu entgehen. Für die Zukunft heißt das, dass die besonders erfolgreichen HLA-Moleküle ihren Vorteil wohl verlieren werden. „Dann ist es für einen HIV-Infizierten kein Vorteil mehr, HLA-B*51 zu haben“, sagt Goulder.

Auch das Projekt einer HIV-Impfung, an dem zahlreiche Labors auf der Welt arbeiten, wird durch diese Ergebnisse infrage gestellt. Denn eine Impfung sollte gerade die erfolgreichsten Antworten des menschlichen Immunsystems verstärken, um so einen Schutz zu erreichen. Nach seiner Studie meint Goulder nun, dass das Virus sich dem sehr schnell entziehen würde. „Selbst wenn wir eine gute Impfung finden sollten, müsste diese regelmäßig geändert werden, um mit dem sich verändernden Virus Schritt zu halten. So ähnlich, wie das heute bei der Grippeimpfung üblich ist.“

„Das klingt alles nach schlechten Nachrichten“, sagt Goulder. Es hieße aber nicht, dass HIV den Kampf gewinne. Man könne zum Beispiel auch spekulieren, dass die ständigen Mutationen von HIV das Virus langfristig weniger aggressiv machten. Es sei auch möglich, dass die Mutationen dazu führen würden, dass andere HLA-Moleküle auf einmal sehr viel besser mit dem Virus umgehen könnten. „Die Wahrheit ist: Wir wissen nicht, was passiert.“ Sicher sei nur, dass die Evolution von HIV so schnell geschehe, dass wir zugucken können.

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